DJ PC: Keine Stereo-Typen

Auch in Luxemburg gibt es eine Hip-Hop-Szene – sie fristet jedoch eher ein Schattendasein. Einer der Hauptvertreter des Genres, DJ PC, spricht über Vorurteile und Jugendkultur.

Am Plattenteller: der Luxemburger Hip-Hop-Künstler DJ PC.

„Bandenkriege, Gewaltverherrlichung, Drogenmissbrauch“ – die Massenmedien zeichnen oftmals ein verzerrtes Bild vom Hip-Hop. Schuld daran sind nicht zuletzt auch die zahlreichen Kommerz-Rapper wie Eminem, The Game oder gar 50 Cent, die in ihren Texten und Musikvideos all das ins Schaufenster stellen, was Hip-Hop gerade nicht repräsentiert. Vorurteile und Fehleinschätzung haben das Genre in seiner Rolle als kritische Kunstform immer mehr in Frage gestellt.

DJ PC, ein 28-jähriger Luxemburger Hip-Hop-Künstler, der schon seit über zehn Jahren eigene Musik produziert und veröffentlicht, wagt einen kritischen Blick hinter die Kulissen der lokalen Szene. Er kennt sich aus: Über acht Platten und zahlreiche Mix-Tapes hat DJ PC seit 1995 produziert, eigenständig veröffentlicht und promoted. „El Loco“ heißt seine aktuelle Scheibe, die vor einigen Wochen auf den Markt kam und in einigen ausgesuchten Musikläden erhältlich ist.

Beeindruckend ist auch seine Plattensammlung – über 10 000 Tonträger; ein bunter Mix aus Hip-Hop, Jazz, Funk und Soul – besitzt der Musikliebhaber. Jazz und Hip-Hop haben ihm zufolge viel gemeinsam. „Jazz ist ohne Zweifel der bedeutendste Bestandteil der Hip-Hop-Musik. Jazz ist der Ursprung jeder schwarzen Musik, und lässt sich heutzutage in allen Musiksparten wiederfinden.“ Tatsächlich ist die Musik von DJ PC eine gekonnte Mischung aus Hip-Hop und Jazz.

Verbindendes Element

Er versteht sich jedoch nicht als Rapper, sondern lediglich als DJ, was nichts anderes bedeutet, dass er selbst nur Beats und Sounds produziert, um so Songs zusammen- und abzumischen. „DJs liefern die Basis für den Rap. Sie begründeten dieses Genre und trugen ebenfalls zur Entwicklung des Breakdance bei.“ Sie sorgten bei spontanen Straßenfesten für gute Stimmung, mit notdürftig zusammengebastelten Plattenspielern und Lautsprechern, die sie an den Stromquellen der öffentlichen Straßenbeleuchtung anschlossen. Wohl jeder kennt das Bild, wie DJs zwei Klangquellen verbinden: mit einem Ohr wird am Kopfhörer das Mix-Tape oder das Vinyl abgehört, mit dem anderen der Sound, der aus den Lautsprechern dröhnt.

Produzieren tut DJ PC seine Musik nicht als Grundlage für einen späteren Rap-Gesang – sie dient ihm primär als eine Therapie zur Selbstverwirklichung. „Wenn sich aber eines Tages Rap-Künstler für meine Mixes interessieren, wäre ich sicherlich bereit mit ihnen zusammenzuarbeiten.“ Vor einigen Jahren war DJ PC bei der bekannten Luxemburger Rock-Band Eyston mit von der Partie, wo er Rockelemente mit Hip-Hop verband.

Die hiesige Hip-Hop-Szene sei zurzeit alles andere als quicklebendig, so DJ PC. „Luxemburg besitzt eigentlich keine Quellen für Hip-Hop.“ In der Tat gibt es nirgendwo einen Plattenladen oder gar einen gemeinsamen Treffpunkt, wo DJs und Rapper ihre Platten austauschen können. Aktive MusikerInnen oder KünstlerInnen sind daher gezwungen ins Ausland zu reisen, um sich dort ihre Scheiben zu besorgen.

„Eine Alternative bietet lediglich die so genannte Mailorder; doch das eigentlich Interessante ist in Musikläden nach Platten zu stöbern, mit Leuten ins Gespräch zu kommen und Ideen auszutauschen.“ So reist auch DJ PC (leidenschaftlicher Hörer von „A Tribe called Quest“, „De la Soul“ und der umstrittenen Combo „Public Enemy“), wenn seine Arbeit als Erzieher es erlaubt, jeden freien Tag in eine Großstadt, um dort die heiß begehrten Tonträger aufzustöbern.

Gegen den Trend

Erklären kann er sich das Desinteresse eigentlich nur durch einen Mangel an Information. „Die Mehrzahl aller Luxemburger Jugendlichen kennen nur den Kommerz-Rap, der tagtäglich im Musikfernsehen ununterbrochen ausgestrahlt wird“, sagt DJ PC. Sexismus, Gewalt und prolliger Reichtum hätten sich als Merkmale des Genres ins Bewusstsein der KonsumentInnen eingeschlichen. Die Hip-Hop-Szene ist zurzeit vor allem Fassade – und die könnte jeden Moment in sich zusammenfallen. „Sobald die großen Musiklabels das Interesse an dieser Musik verloren haben oder kaum noch Gewinne erzielen, werden die Tage des MTV-Raps gezählt sein“, prophezeit er.

„Hip-Hop erscheint hierzulande eher als eine Art Trendbewegung; zahlreiche Kids laufen mit Scheuklappen durch die Straßen und erkennen die eigentliche Bedeutung dieser Bewegung nicht.“ Falls sich dann doch KünstlerInnen zusammenschließen, komme es unweigerlich doch zum Bruch, da die Szene stark von Konkurrenzkämpfen bestimmt ist. „Das ständige Kräftemessen ist kein unproblematisches Element.“ Leistungsdruck kann durchaus auch zu Streit und Gewalt führen. Bei jedem „Battle“ (ein Wettbewerb, bei dem Rapper mit ihrer Musik und Texten gegeneinander antreten) gibt es Verlierer und nicht jeder hat für sich herausgefunden, „dass es eigentlich keinen Besten gibt, sondern nur sehr viele Gute und sehr viele verschiedene Stile“. In Luxemburg finden solche „Battles“ wenn überhaupt, dann nur selten statt.

DJ PC möchte nicht abstreiten, dass es in Luxemburg zahlreiche aktive Hip Hop-KünstlerInnen in Luxemburg gibt. Nur sehr wenige schafften es jedoch ihr Projekt bis zum Ende durchzuziehen. Für viele Jugendliche sei Hip-Hop lediglich ein Hobby.

Wie überall existieren in der Hip-Hop-Szene eine ganze Reihe von ungeschriebenen Gesetzen, Prinzipien und Verhaltensnormen. Wichtig ist es „real“ zu sein, sich also vom „Mainstream“ abzuheben und Hip-Hop nicht nur der Attitüde wegen zu betreiben. Raptexte müssen nachvollziehbar und in sich stimmig sein, um in der Szene ernst genommen zu werden. Das Bedeutsamste überhaupt, so DJ PC, sei die Aktivität und Kreativität eines Szenemitglieds. „Das passive Konsumieren von Angeboten reicht nicht aus, um sich erfolgreich zu etablieren.“ Der DJ gibt den Kids folgenden Rat mit auf den Weg: Kreativität und Produktivität seien wichtiger als passiver Konsum.

Wünschen würde sich DJ PC, dass der Hip-Hop wieder zu seinen Wurzeln zurückkehren könnte, zu der so genannten „Golden Era“-Bewegung der 90er Jahre, als das Genre noch wirklich als Kunstform galt. „Die überlieferten Schreckensbilder des gegenseitigen Ermordens sind kaum mit der eigentlichen Hip-Hop-Mentalität vereinbar“, sagt er, „und doch sind es gerade sie, die das Bewusstsein der Menschen prägen.“


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