ANDREW BIRD: Ein schräger Vogel

„The Mysterious Production of Eggs“ – so nennt sich Andrew Birds aktuellstes Werk. Die woxx hatte den Ausnahmekünstler kurz vor seinem Konzert in Bordeaux an der Strippe und sprach mit ihm über die mysteriöse Entstehung seines zweiten Solo-Albums.

Andrew Bird

Er spielt Gitarre, Geige und Glockenspiel – und zwar am liebsten gleichzeitig. Außerdem pfeift und singt er noch dabei. Das ist Andrew Bird, wie er alleine und barfuß auf der Bühne steht. Weniger skuril war der Anfang von Birds Karriere: Als Andrew vier war, schenkte ihm seine Mutter eine Geige, die er bis heute nicht mehr losgelassen hat.

Es folgte ein klassisches Studium, bei dem er sich allerdings nicht sehr wohl fühlte. „Ich lernte die meisten klassischen Stücke, indem ich sie nachspielte, ohne die Noten zu kennen. Musik lesen und schreiben, sowie in Orchestern mitzuspielen machte mir keinen Spaß. Ich bin experimentierfreudig und liebe es zu improvisieren. Der Wechsel zu anderen Genres war für mich also ganz normal, da mein Herz nie wirklich für das Klassische geschlagen hat.“ Bird könnte heute jedes Concerto spielen, wenn er wollte. Doch es geht ihm nicht darum, den Leuten zu imponieren. Sein Ziel ist noch viel höher gesteckt: „Ich will versuchen, den perfekten Popsong zu schreiben, ohne mich dabei zu sehr auf konventionelle Songstrukturen zu berufen.“

Rock’n’Roll-Shows machen ihm mehr Spaß als Auftritte in einem bestuhlten Konzertsaal, wie er sagt: „Ich bevorzuge Spontanität und Chaos.“ Nach seinem Studium konnte er dies ausleben, und zwar in seiner ersten Band „Andrew Bird’s Bowl of Fire“. In vier Jahren nahm die Formation drei Alben auf („Thrills“ , „Oh The Grandeur“, „The Swimming Hour“), allesamt inspiriert durch Folk und Jazz der Zwanziger und Dreißiger Jahre, gewürzt mit dem schwarzen Humor eines Tom Waits. Im Jahr 2003 schlug er dann den Weg zum Solokünstler ein. „Ich fühlte mich gelangweilt von der traditionellen Bandstruktur, die aus Gesang, Bass, Gitarre und Schlagzeug besteht, und ich wollte meine eigenen Basslines schreiben“, erinnert sich der Musiker.

Auch privat änderte der Künstler einiges: Nachdem er sich von seiner Band gelöst hatte, kaufte er sich eine Farm im Norden von Illinois. Dort lebte er zusammen mit ein paar Hühnern während drei Jahren abgeschottet vom Rest der Welt. „Ich reise ständig, sehe viele Restaurants, Coffee-Shops, Clubs und Kneipen. Nach einer Weile sehen die Städte alle gleich aus. So merkte ich damals, dass ich ein anderes Umfeld brauchte, um schreiben zu können.“ Die Ruhe half Bird, den Melodien in seinem Kopf freien Lauf zu lassen. „Weather Systems“ und „The Mysterious Production of Eggs“ sind Alben, die ohne diese Erfahrung nie zustande gekommen wären.“

Während Bird mit „Bowl of Fire“ viele Genres gleichzeitig umfasste und auch sonst sehr extrovertiert klang, scheint er sich bei seinen Solo-Alben in sich zu kehren. Mit „Lull“, dem dritten Song seiner ersten Platte, lässt uns der Eigenbrötler kurz wissen, wieso ihm in Illinois nicht langweilig wurde: Being alone can be quite romantic, like Jacques Cousteau underneath the Atlantic. A fantastic voyage through parts unknown, going to depths where the sun’s never shone.
I fascinate myself, when I’m all alone. Doch nicht immer sind Birds Texte so unverschlüsselt: Sie handeln von elektrostatischem Regen, von kreidiger Limonade („Masterfade“) und von Schlittschuh laufenden Wasserkäfern („The Naming of Things“).

Obschon dies wie ein Auszug aus einem Dada-Manifest klingt, sind die lyrischen Untermalungen doch persönlicher als man glauben könnte. „Wenn Geschichten eines Songs zu viel Sinn ergeben, geraten sie schnell in Vergessenheit. Meine Texte sind schon persönlich, aber ich nehme sie nicht zu ernst. Die Melodien kommen sowieso an erster Stelle, erst danach füge ich Songtexte hinzu und spiele dabei mit den Wörtern.“ Bird versucht, welche zu finden, die vom Klang her gut zum Song passen und die man gerne immer wieder singt. „Manche meiner Lieder handeln auch von politischen Themen“ sagt er, „aber es so wie Bob Dylan zu machen ist schwierig heutzutage. Wahrscheinlich würde ich populistische Protestlieder schreiben, wenn ich könnte“. Es falle ihm jedoch leichter, die psychologischen Aspekte zu beschreiben, die Ursachen und Konsequenzen verschiedener sozialer Phänomene.
Dabei versucht er, sich nicht auf aktuelle Themen zu beschränken.

Auf seiner von Jay Ryan gestalteten Homepage erklärt der schräge Vogel, dass er während seiner Konzerte ständig improvisiert und somit seine Stücke oft neu komponiert. Dies erfordert eine Inspiration, die viele Künstler so spontan nicht aus sich herauskitzeln können. „Für mich ist dies kein Problem, denn die Musik ist immer in meinem Kopf. Sobald ich auf der Bühne die ersten Loops eingespielt habe, höre ich die verschiedenen Melodien, die dann später das ganze Lied ergeben. Nach meinen Konzerten will ich das Gefühl haben, etwas Neues erschaffen zu haben“

Bands, die live genau das spielen, was sie schon im Studio gespielt haben, findet Bird langweilig: „Wenn ich meine Songs aufnehme, merke ich, dass ich zu viele Ideen habe und kann mich oft nicht entscheiden, welche ich einspielen soll. Live zu improvisieren ist einfacher, da man für den Moment spielt und das Chaos sozusagen umarmen kann. Auf der Bühne macht das alles Sinn.“

Dieses Streben nach der passenden Melodie im perfekten Song brachte Andrew Bird sogar dazu, seine Aufnahmen dreimal komplett neu zu bearbeiten, bevor das vor fast vier Jahren begonnene Werk seinen Anforderungen entsprach: „Die Lieder wurden drastischen Änderungen unterzogen, von manchen Songs existierten bis zu zwanzig verschiedene Versionen.“ Zwei Sammlungen
von Live-Versionen („Fingerlings“ und „Fingerlings 2“) kann man auf Konzerten erwerben.

Wie diese beiden Platten sind auch Birds Studioalben bei Righteous Babe Records erhältlich, einem Independent Label, das von der selbsternannten „kleinen Folksängerin“ Ani DiFranco ins Leben gerufen wurde. „Ani hörte Weather Systems und nahm mit mir Kontakt auf. Sie nimmt nicht einfach nur Leute unter Vertrag, die wie sie klingen, sondern gibt sich Mühe, neue, innovative Künstler zu finden. Ani war mir eine große Hilfe“, erinnert sich Bird.

Voriges Jahr bereiste Bird als Opener für Ani DiFranco Europa. „Viele junge Menschen, und vor allem viele junge Frauen kamen zu den Konzerten“. Das europäische Publikum unterscheide sich nicht so sehr vom amerikanischen, denn auch hier merke man, dass die Menschen im Süden aktiver an der Musik teilnehmen, und dass das Publikum in nördlichen Ländern etwas zurückhaltender ist. „Die ganze Tour war eine wertvolle Erfahrung“ resümiert der Musiker sein Erlebnis.

Trotz all seinen bisherigen Alben und den etlichen
Tourneen blieb die Aufmerksamkeit der Medien lange aus. Erst nach dem Wechsel zu Righteous Babe Records und der Veröffentlichung von „Weather Systems“ begannen sich Journalisten für ihn und seine eigenwillige Musik zu interessieren. Es folgten Auftritte bei Radio France, BBC, und KCRW’s Morning Becomes Eclectic. „Ich hatte bis jetzt noch keine Zeit, um dies alles zu vergegenwärtigen, da ich ständig auf Tour bin. Ehrlich gesagt denke ich nicht viel über meinen Erfolg nach.“

Die London Times verglich den Einzelgänger sogar mit den Fab Four, was Bird allerdings nicht so gerne hört. „Ich hörte das White Album der Beatles oft als ich sechzehn war, würde mich aber nicht als eingefleischter Fan bezeichnen. Es ist langweilig, Gruppen mit den Beatles zu vergleichen, da sie ja fast jeden beeinflusst haben. Ich versuche einfach nur gute Songs mit interessanten Melodien zu schreiben.“ Und genau das sollte man unbedingt live gesehen haben.

www.andrewbird.net


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