Im Ausland hat er sich seine Sporen als Schauspieler und Autor bereits verdient. Nun möchte sich Raoul Biltgen auch
in Luxemburg einen Namen machen.
Eigentlich wollte Raoul Biltgen bei seiner Lesung in der Escher Bibliothek im Herbst 2003 erotische Gedichte präsentieren. Doch seinen anwesenden Eltern war nicht ganz wohl dabei. „Wahrscheinlich machten sie sich Sorgen darĂĽber, was ihre Freunde wohl denken wĂĽrden“, grinst Biltgen. Also änderte er ihnen zuliebe kurzfristig seine Pläne, merkt aber an, dass er im Ausland keinerlei Hemmungen hat, auch sehr Persönliches zum Besten zu geben.
In Luxemburg ist der 30-Jährige höchstens denen ein Begriff, die ihn als Jugendlichen bei seinen ersten BĂĽhnenauftritten gesehen haben oder seine beiden BĂĽcher „Manchmal spreche ich sie aus“ (1999) und „Heimweg“ (2000) gelesen haben. Aber das wird sich bald ändern. Im vergangenen Herbst stand er zum ersten Mal wieder hier auf den Brettern, in Jean-Paul Maes‘ „Hei ass et schĂ©in“. Und am 22. Februar stellt er im Rahmen der „Bistrots littĂ©raires“ in der Kulturfabrik neue Texte vor.
Seine Heimat ist jedoch nach wie vor Wien, und auch sprachlich fĂĽhlt er sich eher im deutschsprachigen Raum zu Hause. Elf TheaterstĂĽcke hat er beim renommierten Thomas Sessler Verlag in Ă–sterreich veröffentlicht, sein DebĂĽt „Nachspiel“ (2000) wurde erfolgreich im Wiener Schauspielhaus aufgefĂĽhrt und das Bregenzer Landestheater hat nun bereits das vierte StĂĽck aus Biltgens Feder in sein Programm aufgenommen.
Sein Erfolg als Autor hat den gebĂĽrtigen Escher eher ĂĽberrascht: „Eigentlich wollte ich nur nebenbei schreiben.“ Hauptberuflich schauspielert er, gerade laufen im Escher Theater die Proben zu Martin McDonaghs „Kissenmann“ unter der Regie von Eva Paulin. Dass er Schauspieler werden wollte, wusste Biltgen schon ziemlich frĂĽh. Mit zwölf begann er Sprechunterricht zu nehmen, um sich den luxemburgischen Akzent abzutrainieren. Die Berufung hat er vor allem seinen Eltern zu verdanken, die ihn als Kind oft mit ins Theater nahmen. Er ist der jĂĽngste von fĂĽnf Geschwistern, sein Bruder ist Minister François Biltgen. Da Raoul seinen Weg zum größten Teil jenseits der luxemburgischen Grenzen gemacht hat, kann ihm eigentlich niemand vorwerfen sich im Fahrwasser der groĂźen Bruders fortbewegt zu haben.
Mit dem Hackebeilchen
In seinen biografischen Angaben beschreibt er sich in Stichworten: 165 cm groĂź, 61 kg, braune Augen, schwarze Haare, Halbglatze. Er ist trotz seines Ă„uĂźeren nicht zu sehr auf immer gleiche Rollen festgelegt: „Manche Regisseure besetzen gerne gegen den Strich.“
Wenn er schreibt, dann vor allem aus persönlichen GrĂĽnden. Als gesellschaftskritisch versteht er sich lediglich insofern, als dass er seine Umwelt aus seinem eigenen Blickwinkel betrachtet. Der Journalist Romain Hilgert bemerkte einmal, dass sich Luxemburger Autoren eigentlich vor allem an satirischen Rundumschlägen oder an nostalgisch gefärbten Kindheitserinnerungen versuchen. Raoul Biltgen dagegen inszeniert Absurd-Intimes, ob in Prosa, Lyrik oder Drama. In „Heimweg“ zum Beispiel erzählt er die Geschichte eines Mannes, der sich eines Tages scheinbar ohne Grund seinen Penis abschneidet. Er dichtet Verse wie „Wenn alle Stricke reiĂźen / hänge ich mich auf“. In seinem StĂĽck „Der Mörder ist immer der Henker“ treiben zwei Männer allerlei Seltsames mit einer weiblichen Leiche, die während der ganzen Dauer der Vorstellung mitten auf der BĂĽhne liegt. „Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt der Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen und macht Leberwurst aus dir.“
Kranker Humor? Raoul Biltgen wirkt wie die Ausgeglichenheit selbst. „Mich faszinieren Extremsituationen.“ Tod, Liebe, Sex. Sein letztes StĂĽck spielt auf einer öffentlichen Toilette. Es ist eine Komödie – und ĂĽberhaupt haben Biltgens Texte immer etwas erfrischend Schräges. Was nicht heiĂźt, dass er lediglich befremden oder belustigen will. Sein Thema ist die Suche nach dem Sinn des Lebens, vor allem bei jungen Erwachsenen. „Ich sehe in meiner Umgebung viele Menschen, die eigentlich keine Probleme haben“, sagt Biltgen. „Sie sind keinen gesellschaftlichen Zwängen unterworfen und doch wissen sie nichts mit ihrem Leben anzufangen.“
Innenleben
Wenigstens dieses Problem plagt ihn nicht. Das Dolmetscherstudium, das er nach dem Abitur eher lustlos begann, war fĂĽr ihn nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur Schauspielschule. Wenn er heute nicht gerade in den Proben zu einem neuen StĂĽck steckt, dann schreibt er. Und zwar mit eiserner Disziplin. Auf die Frage, ob er sich auch einen Job mit einem geregelten Tagesablauf vorstellen könnte, antwortet er: „Ich habe einen Job mit einem geregelten Tagesablauf.“ Er sitzt täglich sechs Stunden vor dem Computerschirm, tippt und recherchiert, sechs Tage die Woche, nur Sonntags nimmt er sich frei. In seiner Schublade liegen bislang noch unveröffentlichte Romane, fĂĽr die er nach einem deutschsprachigen Verlag sucht. Letztes Jahr veröffentlichte das Tageblatt in seiner Kulturbeilage Biltgens äuĂźerst gelungene Haikus auf Luxemburgisch. Vielleicht werden auch die irgendwann in Buchform erhältlich sein, aber der Markt fĂĽr Gedichte ist hier zu Lande klein. „Ich wĂĽrde gerne wieder ein Buch in der Hand halten, das ich geschrieben habe“, sagt Raoul Biltgen.
In Luxemburg betritt er mit seiner Art zu Schreiben tatsächlich Neuland, eben weil er sich nicht hinter Satire oder Nostalgie versteckt. Er schafft es, wie das Luxemburger Wort ĂĽber „Manchmal spreche ich sie aus“ schrieb, „unserer Zeit sozusagen dichterisch den Puls zu fĂĽhlen“. Dabei scheut er nicht einmal vor dem wenig trendigen Genre des Liebesgedichtes zurĂĽck. Keine Angst vor einer Prise Kitsch – Raoul Biltgen meint es ehrlich. Seit 14 Jahren lebt er in einer festen Beziehung: „NatĂĽrlich schreibe ich diese Gedichte fĂĽr meine Freundin, fĂĽr wen denn sonst?“ fragt er. Und fĂĽgt hinzu: „Hin und wieder erkennt sie sich wieder – aber da muss sie durch.“ Vielleicht weiĂź er deshalb so gut ĂĽber Frauen Bescheid. In seinen Geschichten schreibt er immer wieder erstaunlich treffend aus weiblicher Perspektive. „Man sagt mir, ich wĂĽrde ziemlich streng mit den Männern zu Gericht gehen.“ Er kenne die Männer, grinst er, deshalb könne er ihre Fehler umso gnadenloser anprangern.
Nichts ist ganz autobiografisch, nichts wirklich erfunden – so funktioniert Literatur. Aber es ist schwer, sich im Mikrokosmos Luxemburg ĂĽber seine Hemmungen hinwegzusetzen. Irgendjemand schnĂĽffelt immer zwischen den Zeilen nach privaten Einblicken. Vielleicht veröffentlicht er auch deshalb lieber im Ausland. „Ich möchte dort schreiben, wo ich lebe.“ Wenn alles klappt, kommt bald eines seiner StĂĽcke auch nach Luxemburg. Es wird Zeit, ihn kennen zu lernen.
„Manchmal spreche ich sie aus“ und „Heimweg“, erhältlich beim Verlag Op der Lay.
„Der Kissenmann“ von Martin McDonagh,
am 11., 23. 24. und 25. März im Escher Theater.

