HARDCORE: Unsigned und hoffnungsvoll

von | 03.03.2006

Zwölf Jahre Bandgeschichte, mehr als zehn veröffentlichte Tonträger und etwa 11.000 verkaufte Platten: Die Hardcore-Legenden von Defdump sind und bleiben die erfolgsversprechendste musikalische Referenz aus Luxemburg.

Luxemburgs beste Auslandsrepräsentation in Sachen Hardcore: Defdump.

Angefangen hat diese beeindruckende Erfolgsgeschichte im ehemaligen besetzten „Schluechthaus“ (heute: Escher Kulturfabrik), als sich Anfang der 90er Jahre fĂĽnf Musiker dazu entschlossen, eine Band zu grĂĽnden, um sich regsam in eine einheimische Musikszene einzumischen, die zu dieser Zeit aus nur sehr wenigen politischen, wenn nicht gar anarchistischen Persönlichkeiten (Bakunin’s Children, No More, Subway Arts, Wounded Knee u.a.) zusammengestellt war. Die sich dazu verpflichtet fĂĽhlten, sich einem bedrohenden kapitalistischen Weltsystem entgegenzustellen. Seitdem hat sich die luxemburgische Musikszene stark entpolitisiert, ohne aber deshalb in die Bedeutungslosigkeit zu verfallen. Viele ehemalige Mitglieder der obengenannten Bands sind heute in verschiedenen kulturellen Institutionen oder neuen Bands aktiv.
Die erste vollständige Veröffentlichung von Defdump erschien im Jahr 1997 auf dem hauseigenen Label „Angry Family Records“(später: Self-fulfillment Records). Das Album „Hempcore“ dieser recht jungen, dennoch dynamischen Musikformation, lieĂź neben wohl durchdachten sozialkritischen Slogans jedoch viel Platz fĂĽr peinliche JugendsĂĽnden.

Keine Hobby-Musiker3-f*
Die Musiker von Defdump wurden schnell erwachsen und schon sehr bald folgte jene Veröffentlichung, die fĂĽr die Weiterentwicklung von Defdump ausschlaggebend war: „Circle’s Closing“ Ein atemberaubendes Konzeptalbum, das von der internationalen Musikpresse ĂĽber den grĂĽnen Klee gelobt wurde, blieb fĂĽr das weitere Schaffen von Defdump konstitutiv. So erschien im Jahr 2001 der zweite Longplayer „David versus coporate society“, vermutlich die erfolgreichste Scheibe von Defdump mit ĂĽber 5000 verkauften Exemplaren in der ganzen Welt. Nun war klar: Luxemburg hatte in Defdump, rund um Pascal Useldinger (Gesang), Marc Pierrard (Gitarre), Felix Faber (Bass) und Dirk Mechtel (Schlagzeug), eine der einflussreichsten Bands ĂĽberhaupt gefunden, die auch im Ausland stets fĂĽr Aufsehen sorgen konnte. So lieĂź auch Max Cavalera, Frontman von Soulfly und Ex-Sepultura, Metal-Legende aus Brasilien, der vor kurzem die Rockhal zum Beben brachte, nicht lange auf sich warten. Mit einer simplen Geste machte er mehr Promotion fĂĽr die jungen Luxemburger als es jede massive Flyer-Kampagne je erreicht hätte: Während eines Photoshootings fĂĽr das renommierte Musikmagazin „Rock Hard“ lieĂź er sich mit einem ĂĽbergestreiften Defdump T-Shirt ablichten. Bald folgte die Europa-Tour, auf der die Luxemburger Protagonisten das Vorprogramm von Soulfly bestreiten durften. Die Euphorie wurde jedoch durch den völlig unerwarteten Ausstieg des Schlagzeugers gebremst und so fanden sich die Musiker von Defdump ohne jegliche konkreten Zukunftspläne im Probesaal wieder und warteten mehrere Wochen auf einen geeigneten Ersatz. Bis zu jenem Tag, als sie durch Vincent Orianne aus Belgien (Ex-Schlagzeuger von N.I.C.D.) wieder vervollständigt wurden. Ein paar Monate darauf erschien die Platte „Makeshift Polaris (known as Defdump)“, die sozusagen als Probeveröffentlichung mit neuem Mitglied im Gepäck angesehen werden kann.

UnterstĂĽtzung aus Brasilien
Dennoch stand fĂĽr die verbliebenen Musiker von Defdump fest, dass sie mit dem neuen Schlagzeuger einen treuen Gefährten gefunden hatten, der die Erfolgsgeschichte der Band weiterhin mittragen kann. Nun sitzen Defdump nach intensivem Songwriting erneut hinter den Regeln und werkeln an ihrer aktuellen Scheibe, die voraussichtlich im Juli 2006 auf den Markt geworfen wird. Defdump haben sich selbst zu verstehen gegeben, dass man als lokale Band sehr viel Durchhaltevermögen aufzeigen muss, um ĂĽberhaupt bestehen zu können. Denn eines ist wohl klar: es gibt nur wenige lokale Labels, bei denen man die Möglichkeit einer erfolgsversprechenden Zusammenarbeit erhält, nur begrenzte Auftrittmöglichkeiten und ein minimales potentielles Publikum im eigenen Land. Gerade deswegen können und wollen Defdump sich nicht ausschlieĂźlich dem nationalen Musikmarkt verpflichten. Dies heiĂźt im Klartext, dass die Musiker alles aus eigener Tasche finanzieren und auf eigene Kontakte im Ausland zurĂĽckgreifen mĂĽssen, um so die bestmöglichsten internationalen Konzertangebote zu erhalten, um eines Tages doch noch ihre langersehnten Träume zu verwirklichen: von der eigenen Musik leben zu können. Anläßlich letzterer Aussage scheint wohl die Mehrzahl der Luxemburger Musiker fĂĽr alle Ewigkeit dazu verdammt zu sein, ihr liebstes Hobby als aufreibendes und teures Unterfangen anzusehen. Unter diesen Umständen ist das Schreiben von Musik mit aufwändiger Arbeit verbunden – ein fast zu hoffnungsloser Umstand, der von zahlreichen Kritikern arg unterschätzt wird, und so scheint es, als ob auch Defdump weiterhin das Schicksal ertragen mĂĽssen, im Semi-Professionalismus zu verharren.
Den rettenden Vertrag mit einem Major-Label zu unterschreiben, bleibt fĂĽr Defdump jedoch auĂźer Frage: ihre Musik ist und bleibt den altgewährten Regeln des d.i.y. (Do It Yourself) bis auf Weiteres treu. Dennoch gibt es genug GrĂĽnde, sich des Optimismus zu erfreuen: „Die wenigen Vorteile, in Luxemburg geboren und aufgewachsen zu sein, liegen auf der Hand: eine mögliche Karriere jeder lokalen Band liegt immer noch jenseits unserer Grenzen“, so die resignierten Worte von Pascal Useldinger während des woxx-Gesprächs. Defdump werden sich auch in Zukunft darum bemĂĽhen, die entsprechenden Kontakte im Ausland zu knĂĽpfen, um auch weiterhin in der internationalen HC-Musikszene konkurrenzfähig zu bleiben. Die Sternekonstellation fĂĽr ein solches Unternehmen stehen ohne Zweifel gĂĽnstig: mit mehr als 300 Konzerten rund um den gesamten Erdball hat sich Defdump ĂĽber die Jahre hinweg eine treue Fangemeinde aufgebaut und so darf man ohne Weiteres schlussfolgern, dass diese lokale Musikformation als eine der einflussreichsten Bands Luxemburgs gezählt werden darf. So ist es nicht verwunderlich, dass Defdump erneut, vom 17. bis zum 21. März 2006, mit der international anerkannten Hardcore- und Metalband Soulfly auf eine mehrtägige Tour durch Frankreich ziehen, um dem ausländischen Publikum zu vermitteln, dass sich auch in Luxemburg eine Musikszene verbirgt, die es zu erforschen gilt.
Auf die neue Platte dürfen wir auf jeden Fall gespannt sein. Nur eins vorweg: zu erwarten ist eine frische Sommerbrise in einem geschmackvollen Lärminferno das sicherlich wieder einmal zahlreiche einheimische, aber auch internationale HC-Kids erfreuen wird. Wo aber der langersehente Longplayer erscheinen und wer ihn veröffentlichen wird, wurde zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht verraten.
Einen Pflichttermin für all diejenigen, die die geballte Energie der lokalen Pioniere der Luxemburger Post-Hardcore-Szene noch nicht live erlebt haben, gibt es jedoch an diesem Freitag Abend, den 3. März 2006, auf dem von dem Schalltot Kollektiv und der Escher Kulturfabrik organisierten Out Of The Crowd Festival in Esch/Alzette: Defdump werden voraussichtluch gegen 22.30 Uhr auf der Bühne stehen und dem lokalen Publikum ihre neuproduzierten Songs präsentieren.

www.schalltot.lu, www.kulturfabrik.lu, www.defdump.com

Dat kéint Iech och interesséieren

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Assises sectorielles du chant choral: Junge Chorsänger*innen gesucht

Die „Assises sectorielles du chant choral“ vom vergangenen Samstag offenbarten, wo den Chören hierzulande der Schuh drĂĽckt. Es mangelt an Sichtbarkeit, pädagogischem Know-how und vor allem an Nachwuchs.   Wie bei Rundtischgesprächen ĂĽblich, boten die „Assises sectorielles du chant choral“ vergangenen Samstag einen Morgen voller leiser...

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Dag vun der Lëtzebuerger Sprooch: Luxemburgisch im Fokus

Die Luxemburger Sprache soll ab diesem Jahr jeden 26. September gefeiert und gefördert werden – und zwar mit Kulturevents, Aktivitäten und Diskussionsrunden. Das Programm der Erstauflage des „Dag vun der Lëtzebuerger Sprooch“ wurde am Montag bei einer Pressekonferenz vorgestellt. „Sprache ist der Schlüssel zur Welt“, sagte bereits Wilhelm von...

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Staffelfinale „And Just Like That”: Vergessene Vorläufer

Allzu schwer fällt er nicht, der Abschied von der Serie „And Just Like That“ – sie hat den Charme des Anfangs eingebüßt. Interessanter ist ein Blick auf die Ursprünge: Mit Mary McCarthys Buch „The Group“ fing alles an. Und einfach so ist alles vorbei: Mit dem Staffelfinale des „Sex and the City“-Sequel „And Just Like That“ schließt das...