MEDIEN: „Selbstausbeutung erhält die Zeitung am Leben“

Bascha Mika engagiert sich seit 1998 als
bisher dienstälteste Chefredakteurin bei der „taz“. Sie berichtet über die Schwierigkeiten ihres Berliner Blattes, über Pressefreiheit und unterbezahlte Praktikas.

Bascha Mika im Chefsessel der „taz“, ist in dieser Funktion als Frau eine Ausnahmeerscheinung am deutschen Journalistenhimmel. (Foto: Anja Weber)

woxx: Die Berliner Tageszeitung oder „taz“ ist am 17. April 1979 erstmals erschienen. Schon damals rechneten die Macher dem Blatt keine gute Überlebenschancen aus. Heute ist Berlin pleite, die Konkurrenz um Fördergelder und Leser ist groß – wie steht es um die „taz“?

Bascha Mika: Als überregionale Tageszeitung sind wir nicht nur auf den Berliner Markt angewiesen und es geht uns verhältnismäßig gut. Unsere Auflage liegt leider immer noch um die 60.000. Aber wir haben die Zeitung Krise, die im Jahr 2000 anfing und vor allem die Printmedien sehr gebeutelt hat, ziemlich gut überstanden. Das liegt daran, dass die „taz“ sich traditionell nur zu maximal 15 Prozent aus Anzeigen finanziert. Alle anderen Zeitungen leben in guten Zeiten bis zu 70 Prozent von Werbung. Außerdem sind wir ein sehr innovatives Blatt. Wir überlegen ständig, was wir unseren Lesern bieten müssen, um auf einem Medienmarkt, der sich durch eine schrumpfende Print-Leserschaft und eine enorme Konkurrenz aufgrund der elektronischen Medien auszeichnet, bestehen zu können. Dass wir vom Verkauf der Zeitung leben und ständig an ihr arbeiten hat dazu geführt, dass wir im Moment eigentlich ganz gut dastehen. Allerdings kann man bei der „taz“ nie sicher sein, denn wir sind seit der Gründung ein unterkapitalisiertes Unternehmen. Diese haben es leider an sich, sehr schnell in die Krise zu geraten. Dennoch hoffe ich, dass wir irgendwann auf eine Leserschaft von 100.000 zusteuern.

Seit 1991 ist die „taz“ eine Genossenschaft. Hat sich diese Struktur nicht überlebt?

Im Gegenteil, ich glaube, dass die Struktur der Genossenschaft in mancher Hinsicht ein Zukunftsmodell ist. Einerseits kriegt man durch sie zwar nie besonders viel Geld in die Kassen, andererseits sichert sie durch viele Eigner die redaktionelle Unabhängigkeit. Niemand kann alleine entscheiden, was mit dem Blatt passiert und die GenossenInnen haben auch keinen direkten Einfluss auf die Inhalte der Zeitung. Unabhängigkeit ist etwas, was die heutige Medienlandschaft dringend braucht. Es gibt kaum noch Medien, die nicht Teil eines großen Konzerns sind. Hinzu kommt die Abhängigkeit von der Werbebranche. Letzteres führt dazu, dass Werbung und redaktionelle Inhalte manchmal kaum noch zu unterscheiden sind.

Die „taz“ ist in einer politisch brisanten Zeit entstanden, als der Staat die Republik nach RAF-Terroristen durchkämmte. Damals machte die „taz“ mobil gegen den Atomstaat, zeigte Solidarität mit den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt. Inwiefern hat sich das Profil der Zeitung verändert?

Wir versuchen etwas, das eigentlich nicht so richtig geht: ein linkes respektloses Blatt zu machen, das nicht mainstreamig ist und trotzdem in der breiten Öffentlichkeit mitreden kann. Als die „taz“ gegründet wurde, wollte sie ein Blatt für die linksalternative Bewegung sein. In den 80er Jahren hat sie angefangen, sich journalistisch zu professionalisieren, und mit der Professionalisierung kam die Distanz zu dem Milieu, aus dem sie hervorgegangen ist. Die „taz“ wollte niemandes Sprachrohr mehr sein. Das war der entscheidende Bruch mit der Vergangenheit. Parallel zu unserer journalistischen Professionalisierung wurde das linksalternative Milieu bürgerlicher. Auch die „taz“ ist bürgerlicher geworden. Sie ist immer noch links, aber in der heutigen Bundesrepublik kann man nicht mehr linksradikal sein. Auch wenn ich glaube, dass die Frage der sozialen Gerechtigkeit zu neuen linken Positionen führen wird.

Vor einigen Tagen wurde die aktuelle Rangliste der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ veröffentlicht. Polen, ihr Geburtsland, ist auf Platz 58 gelandet und hat von allen EU-Mitgliedern am schlechtesten abgeschnitten. Wie erklären sie sich das?

Polen hatte nach der Wende eigentlich einen sehr guten Weg eingeschlagen. Auch wenn es für das Land enorm schwer war, eine neue Gesellschaftsstruktur, eine neue Wirtschaftsordnung und ein neues politisches Selbstbewusstsein zu entwickeln. Doch dann wurden gerade im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklung viele Fehler gemacht. Die bisherigen Regierungen haben zu wenig darauf geachtet, die ökonomisch Schwachen mitzunehmen.

Warum?

Ich glaube, es war eine Mischung aus Zwängen, Unfähigkeit, Ignoranz, und falsch verstandenem Kapitalismus. Das Ergebnis ist, dass diejenigen in Polen, die sich abgehängt und marginalisiert fühlen, eine Regierung gewählt haben, die überhaupt kein demokratisches Selbstverständnis hat, die versucht, die Medien gleichzuschalten und öffentliche Kritik als Unverschämtheit empfindet. Der amtierende Präsident Kaczynski hat schon mehrfach versucht Journalisten vor Gericht zu zerren – mit Hilfe eines Paragraphen, der Präsidentenbeleidigung mit drei Jahren Haft bestraft. Als er ins Amt kam, hat er zusammen mit seinem Bruder, der inzwischen Premierminister ist, nicht nur die Spitzenposten in den Medien ausgewechselt – das war schon früher in Polen üblich – sondern die beiden haben ihre Klientel bis tief hinunter in der Hierarchie verankert. Sie haben ein Klima geschaffen, das mit Pressefreiheit nicht viel zu tun hat.

Deutschland ist im Presse-Ranking von Platz 18 auf Platz 23 hinter Bolivien gerutscht. Inwieweit bemerkt die „taz“ eine Einschränkung der Pressefreiheit?

Direkt bemerken wir das eigentlich nicht. Bei der berühmten „Kartoffelkrise“ zum Beispiel – da hat die polnische Regierung verlangt, dass sich die Bundesregierung für eine „taz“-Satire entschuldigt, die den polnischen Präsidenten als „Die neue polnische Kartoffel“ bezeichnete – haben viele deutschen Medien die Pressefreiheit verteidigt und sich mit der „taz“ solidarisiert. Auch als es um den Karikaturenstreit ging, gab es eine ganze Reihe von Printmedien, die darüber berichtet haben. Die „taz“ hat die Karikaturen gedruckt, nicht weil wir sie gut fanden, sondern weil es ganz selbstverständlich ist, dass man auf Veröffentlichungsverbote und Drohungen nur mit Veröffentlichung reagieren kann.

Warum ist Deutschland denn im Ranking zurückgefallen?

Zum einen wegen der Cicero-Affäre. Zum anderen wegen der Bespitzelung von Journalisten. Doch meine Hauptsorge ist, dass wir im Zuge der Hysterie um Islamisten und Terroristen wieder in Situationen geraten können, wo man angeblich aus Sicherheitsgründen bestimmte Sachen nicht mehr sagen oder schreiben soll.

Sie sind als Frau seit 1998 Chefredakteurin der „taz“. Wie erleben sie die Emanzipation der Frauen in Bezug auf die Integrationsdebatten in Deutschland?

Das ist sehr komplex. Auch diese Debatten sind teilweise von Hysterie gekennzeichnet. Wir können uns unendlich über Kopftücher aufregen und grässliche Ehrenmorde. Aber das eigentliche Problem, das wir in einer Einwanderungsgesellschaft haben, ist die Frage der Integration – wie Migranten teilhaben können an der Gesellschaft, wie sie Zugang zu Bildung und zu Arbeitsplätzen bekommen.

Begriffe wie „Unterschicht“ oder „Prekarität“ rufen soziale Lebensumstände wieder ins Gedächtnis. Gerade in Berlin hangeln sich viele gut ausgebildete Leute von einem unbezahlten Praktikum ins nächste. Wie sozial ist die „taz“?

Bei der „taz“ bekommen die Praktikanten nur Zeilengeld und in manchen Ressorts noch nicht einmal das.

Ist das nicht Ausbeutung?

Ja, ist es. Trotzdem habe ich dabei ein besseres Gewissen als jemand in einem durchschnittlichen Unternehmen haben dürfte. Denn jeder, der bei der „taz“ arbeitet, beutet sich selbst aus. Mit dieser Selbstausbeutung erhalten wir seit vielen Jahren die Zeitung am Leben. Bei uns bereichert sich niemand, wir haben keinen Verlag, der die Gewinne abschöpft und keinen Herausgeber, der sich einen wunderbaren Lebensstil finanziert. Die Zeitung gehört den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und den Genossen. Wir könnten auch überhaupt keine Praktika anbieten. Aber Praktikanten sind ganz wild darauf, in die „taz“ zu kommen, obwohl sie wissen, dass man hier wenig verdient. Bei uns haben sie die Möglichkeit, zu schreiben, sich beruflich weiterzuentwickeln. Bei aller finanziellen Ungerechtigkeit bietet die „taz“ ihnen so auch große Möglichkeiten.

Zur Person:
Bascha Mika wurde 1954 in einem schlesischen Dorf in Polen geboren und siedelte als Kind in die BRD über. Nach einem Studium der Germanistik, der Philosophie und der Ethnologie, arbeitete sie ab 1988 als Redakteurin und Reporterin bei der Tageszeitung in Berlin. Im Juni 1998 wird sie Chefredakteurin bei der „taz“. Neben diversen Buchbeiträgen wie etwa ihre Buchveröffentlichung „Alice Schwarzer – eine kritische Biographie“ (1998) ist sie seit Herbst 2003 Medienrätin für Berlin-Brandenburg und seit 2004 Gastprofessorin an der Universität der Künste.


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