USA: Erholen vom China-Schock

von | 26.08.2023

Die US-Regierung Joe Bidens verspricht eine „Außenpolitik fĂŒr die ‚middle class‘“ und will verhindern, dass China den USA in Hightech-Branchen den Rang ablĂ€uft. Dabei geht es auch darum, Investitionen in sogenannte grĂŒne Technologie so zu verkaufen, dass selbst Republikaner sie nicht ablehnen können.

Gutbezahlte Jobs fĂŒr alle – bei sinkenden Lohnkosten, um gegenĂŒber China und anderen konkurrenzfĂ€hig zu bleiben: US-PrĂ€sident Joe Biden versucht sich mit seiner Industriepolitik in der Quadratur des Kreises. (Foto: EPA-EFE/Michael Reynolds)

Am 9. August erließ PrĂ€sident Joe Biden ein Dekret zum Verbot von Investitionen aus den USA in die chinesische Hightech-Industrie. Betroffen sind unter anderem Firmen, die hochentwickelte Mikrochips, KĂŒnstliche Intelligenz und Quantencomputer herstellen. Diese Technologien hĂ€tten eine besondere Bedeutung fĂŒr MilitĂ€r- und Überwachungstechnologie, in den falschen HĂ€nden wĂŒrden sie „eine außergewöhnliche Bedrohung fĂŒr die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten“ darstellen, heißt es im Dekret.

Seit knapp einem Jahr ergreift die US-Regierung Maßnahmen gegen die chinesische Computer- und Mikro-‹chipindustrie. Hochentwickelte Mikro-‹chips dĂŒrfen nicht mehr an chinesische Abnehmer verkauft werden und der Export der Technologien zu ihrer Herstellung und Weiterentwicklung ist mit Sanktionen belegt.

Auch der vor einem Jahr verabschiedete „Chips and Science Act“, der unter anderem Milliardenförderungen fĂŒr die Forschung und Produktion von Mikrochips in den USA vorsah, wurde von der Regierung Biden als Maßnahme gegen China prĂ€sentiert. Das Gesetz werde „Kosten senken, ArbeitsplĂ€tze schaffen, Lieferketten stĂ€rken und China entgegenwirken“, versprach eine damalige PresseerklĂ€rung des Weißen Hauses bereits in der Überschrift.

Wenn Vertreter der US-Regierung ihre Hinwendung zu aktiver Indus-‹triepolitik begrĂŒnden, verweisen sie oft auf den aufsteigenden Konkurrenten: China, dessen Unternehmen sich anschicken, in zukĂŒnftigen Leitbranchen wie der ElektromobilitĂ€t und der Solartechnologie zu WeltmarktfĂŒhrern aufzusteigen, China, das zu viele der fĂŒr die USA wichtigen industriellen und Rohstofflieferketten kontrolliert, China, das gewaltige Summen investiert, um in strategisch wichtigen Forschungsbereichen fĂŒhrend zu werden, und schließlich China, dessen wirtschaftlicher Aufstieg die Deindustrialisierung in den USA und damit den sozialen Abstieg von Millionen von US-amerikanischen Industriearbeitern befördert hat – auch wenn die Regierung Biden das nicht so polternd nationalistisch formuliert wie Donald Trump.

Einer, der die Ziele dieser Industriepolitik deutlich herausstellt, ist der Nationale Sicherheitsberater Bidens, Jake Sullivan. Er bekleidete bereits unter PrĂ€sident Barack Obama verschiedene Regierungsposten. Doch dann gewann 2016 ĂŒberraschend Donald Trump die PrĂ€sidentschaftswahl gegen Hillary Clinton. Die Demokraten mussten darĂŒber nachdenken, wie sie ihre Politik neu ausrichten sollten.

„Ich glaube, dass jeder Amerikaner, der hart arbeiten will, einen Arbeitsplatz kriegen können sollte, egal wo er lebt“, so US-PrĂ€sident Biden.

Sullivan wirkte an der Erarbeitung eines 2020 veröffentlichten Papiers des Think Tanks „Carnegie Endowment“ mit, das sich wie eine Blaupause der heutigen „Bidenomics“ liest. Zahlreiche Ökonomen fĂŒhrten dafĂŒr Hunderte Interviews und analysierten unter anderem die regionalen Ökonomien der Bundesstaaten Colorado, Nebraska und Ohio in „America’s heartland“, um VorschlĂ€ge zu erarbeiten, wie eine „US-Außenpolitik aussehen mĂŒsste, die fĂŒr die middle class besser funktioniert“.

Von der Globalisierung hĂ€tten in den USA in den vergangenen Jahren die Wohlhabendsten am meisten profitiert, argumentieren die Autoren. Deshalb mĂŒsse die US-Regierung dafĂŒr sorgen, dass wieder mehr Industrie-‹arbeitsplĂ€tze in den USA entstehen, was eine andere Handelspolitik sowie staatliche Investitionen und Subventionen erfordere. Dazu mĂŒssten „die TrennwĂ€nde zwischen Innen- und Außenpolitik“ eingerissen werden.

Im April hielt Sullivan beim Think Tank „Brookings Institution“ einen vielbeachteten Vortrag ĂŒber den „neuen Washingtoner Konsens“ der Regierung Biden. Die Dogmen des Steuersenkens und Deregulierens, des Privatisierens statt öffentlichen Handelns und des Freihandels als Selbstzweck“ seien ĂŒberholt, sagte er. Nötig sei eine „moderne Industrie- und Innovationsstrategie“, um „in unsere eigenen ökonomischen und technologischen StĂ€rken zu investieren“, sowie eine RĂŒckkehr zu staatlicher Investitionspolitik, um Kapital fĂŒr „öffentliche GĂŒter wie Klima und Gesundheit“ zu mobilisieren.

Auch China erwĂ€hnte Sullivan mehr als ein Dutzend Mal. Aktive Industriepolitik sei unter anderem deshalb nötig, weil China sie seit Jahren so emsig betreibe. China subventioniere nicht nur seine Stahlindustrie, sondern auch „SchlĂŒsselindustrien der Zukunft“. Die USA hĂ€tten dagegen „nicht nur Industrieproduktion verloren – wir haben unsere KonkurrenzfĂ€higkeit in wesentlichen Technologien, die die Zukunft bestimmen werden, untergraben“.

Zudem habe „der sogenannte China-Schock Teile unserer heimischen fertigenden Industrie besonders hart getroffen – mit schweren und lang-‹anhaltenden Folgen“, sagte Sullivan. Als „China-Schock“ bezeichnen Ökonomen den Niedergang bestimmter Industriebranchen in den USA nach Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation (WHO) im Jahr 2001. In diesem Zeitraum profitierten zwar zahlreiche US-Unternehmen enorm von der Integration Chinas in die Weltwirtschaft, aber in bestimmten Regionen der USA, beispielsweise im Mittleren Westen, schlossen Fabriken und die Arbeitslosigkeit stieg an.

Der Grund dafĂŒr war nicht nur die Verlagerung von Produktion nach China – wie vor allem Trump es spĂ€ter dargestellt hat –, sondern auch der generelle Trend zur Verlagerung von Produktion in andere Weltregionen, die Automatisierung und die zunehmende Konzentration von Wirtschaftsbranchen in bestimmten Regionen, besonders in einigen GroßstĂ€dten.

Deshalb sei es ein Ziel der „Biden-‹omics“, dafĂŒr zu sorgen, dass Industrieinvestitionen in solche Regionen gelenkt werden, die unter Deindustrialisierung gelitten haben. „Ich glaube, dass jeder Amerikaner, der hart arbeiten will, einen Arbeitsplatz kriegen können sollte, egal wo er lebt – sei es im heartland oder in KleinstĂ€dten“, sagte Joe Biden in einer Rede in Wisconsin Mitte August. Jeder solle „seine Wurzeln dort behalten können, wo er aufgewachsen ist. Das ist der amerikanische Traum. Das sind die ‚Bidenomics‘.“

Dahinter steht auch politische Taktik. Die britische Tageszeitung „Financial Times“ hat ausgerechnet, dass in den vergangenen zwölf Monaten ĂŒber 18-mal so viel Industrieinvestitionen in Bezirken angekĂŒndigt wurden, in denen Republikaner ĂŒblicherweise Wahlen gewinnen, als in demokratisch dominierten. Sind die entsprechenden Fabriken erst einmal gebaut, so das politische KalkĂŒl der Demokraten, werden die Republikaner kaum noch gegen die Förderungen von Fabriken in ihren Wahlbezirken Stimmung machen können.

Und Joe Biden kann durch das Land reisen und mit seiner Industriepolitik Wahlkampf machen. „All die Abgeordneten im Kongress, die dagegen gestimmt haben, merken auf einmal, wie großartig sie ist“, spottete er bei einem Auftritt in South Carolina im Juli ĂŒber die Republikaner. Auch Investitionen in sogenannte grĂŒne Technologie und Elektroautos lassen sich besser an republikanische WĂ€hler verkaufen, wenn man das mit dem Hinweis tut, es gehe darum, die technologische Vormacht der USA ĂŒber China zu verteidigen.

Paul Simon ist Redakteur der in Berlin erscheinenden Wochenzeitung Jungle World.

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