Buchtipp: Übertretung

von | 13.06.2024

In Cushlas Klasse zählen siebenjährige Kinder jeden Morgen die Nachrichten auf: ein erneuter Brandanschlag, eine Autobombe im Stadtzentrum, der Vater eines Schülers, der brutal zusammengeschlagen und fast tot aufgefunden wurde. Sachlich und knapp erzählt Louise Kennedy über Cushlas Leben mit ihrer alkoholkranken Mutter in einer Kleinstadt nahe Belfast, mitten in den 1970er-Jahren. Trotz der alltäglichen Gewalt verläuft es allgemein ruhig, wenn man von ihren Treffen mit einem verheirateten protestantischen Anwalt absieht, mit dem sie eine Affäre beginnt. Ab da nimmt Kennedys unbeirrte Prosa dann Schritt für Schritt an Spannung zu, bis die vermeintliche Liebesgeschichte eine überraschende Wendung nimmt. Die selbst in Nordirland aufgewachsene Autorin ließ sich beim Schreiben von ihren Kindheitserinnerungen und den Bombenanschlägen, die auf den Pub ihres Großvaters ausgeübt wurden, inspirieren. Sie schafft es so, den Leser*innen detailreiche und moralisch dubiose Charaktere nahezubringen. Gekonnt führt sie so vor Augen, wie damals unausgesprochene Loyalitäten das Leben jedes*r Einzelnen in einer gespaltenen Gesellschaft beeinflussten.

Übertretung, von Louise Kennedy. Verlag: Steidl, 2023.

Dat kéint Iech och interesséieren

KULTURTIPP

Buchtipp: Wenn die Welt brennt

Fiona Sironics Debütroman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ ist in einer Zukunft angesiedelt, die unserer Gegenwart vielleicht näher ist, als wir es wahrhaben wollen.

KULTURTIPP

Expotipp: Theatre of Cruelty

Das monotone, disharmonische Klaviergeklimper im Treppenaufgang zu den Ausstellungsräumen signalisiert den Besucher*innen bereits: Das hier wird unangenehm. Der durch dunkle Vorhänge abgetrennte Hauptsaal führt in die Welt der Grausamkeit des französischen Künstlers Antonin Artaud (1896–1948), der in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine...

KULTURTIPP

Buchtipp: Reden für die Menschlichkeit

„Die Rede ist ein performatives Genre mit dem Charakter einer Produktwerbung, aber für eine Idee“, schreibt Saša Stanišić im Vorwort seiner Redensammlung „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“. Ziel der Rede sei es, das Publikum dazu zu bringen, diese Idee in die Welt hinauszutragen. Gleich die erste der...

KINOKULTURTIPP

Im Kino: The Chronology of Water

Kristen Stewart gibt mit „The Chronology of Water“ ein kompromissloses Regiedebüt. Die Adaption von Lidia Yuknavitchs Memoiren überzeugt jedoch weniger durch formale Konsequenz als durch die intensive Präsenz von Hauptdarstellerin Imogen Poots. Mit „The Chronology of Water“ legt Kristen Stewart ihr Regiedebüt vor – und zwar keines, das sich...