Junger Feminismus in Luxemburg: Patriarchat in Flammen?

von | 24.10.2024

Die Scham muss die Seite wechseln, nämlich auf die Seite der Täter. Diese Forderung ist in Frankreich zum Schlachtruf einer neuen Feminismusbewegung geworden. In Luxemburg bleibt es vergleichsweise still, und doch erhebt auch hier eine Gruppe junger Feminist*innen ihre Stimme, die „Voix de jeunes féministes“.

Im Intagram Magazin l‘effrontée berichtet Alice Welter aus feministischer Perspektive. (© Alice Welter)

Mit der rechten Hand streckt sie eine violette Rauchfackel in die Höhe, an ihrer linken Seite baumelt griffbereit ein Megafon, das Schild auf ihrem Rücken verkündet: „Le patriarcat en feu, les violeurs au milieu“ (Das Patriarchat in Flammen, die Vergewaltiger mittendrin). Eolia Verstichel ist bereit, gegen das Patriarchat in den Kampf zu ziehen. Hinter ihr marschiert Alice Welter, die nicht nur das Bild geschossen, sondern auch das erste feministische Medium Luxemburgs auf Instagram gegründet hat, „L’effrontée“. Das Bild ist schon ein paar Monate alt.

Auch derzeit demonstrieren zahlreiche Menschen gegen sexualisierte Gewalt. Der Fall um Gisèle Pelicot, der gerade in Avignon verhandelt wird, hat in Frankreich ein neues Feuer des Feminismus entfacht. Pelicot, die über Jahre hinweg immer wieder von ihrem Ex-Ehemann betäubt wurde, damit fremde Männer sie ohne ihr Wissen vergewaltigen konnten, hat die Forderung „die Scham muss die Seite wechseln“ geprägt und wurde damit zur Ikone der Frauenbewegung in Frankreich. Feminist*innen ziehen durch die Straßen in Paris, Lyon und Marseille – hierzulande bleibt es hingegen still.

„In Luxemburg gibt es keine Demonstrationskultur“, bedauert Eolia Verstichel, die aus Frankreich stammt, an der Universität Luxemburg in Literaturwissenschaft promoviert hat und zusätzlich eine Ausbildung zur psychologischen Beraterin abgeschlossen hat. Die engagierte Frau bemüht sich, die Bereitschaft, auf die Straße zu gehen und das Schweigen zu brechen, von Frankreich nach Luxemburg zu importieren. Für sie sind die Mobilisierung der Öffentlichkeit sowie eine gute Vernetzung der Akteur*innen die wichtigsten Schlüssel zu einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung. Deshalb meldet sie sich auch immer wieder bei Veranstaltungen zum Thema zu Wort.

Jüngst etwa bei der Vorstellung eines neuen Gesetzesentwurfs zu häuslicher Gewalt des Vereins „La voix des survivant(e)s“. „Das Gesetz kann sich nicht ändern, wenn über das Problem geschwiegen wird“, sagt Verstichel, „wenn niemand auf die Straße geht und keine Fragen gestellt werden.“ Es ist auch einer der Gründe, weshalb sie sich bei dem Projekt „Voix de jeunes féministes“ (VJF), das sich Ende Juni dieses Jahres zum ersten Mal getroffen hat, engagiert.

Das Schweigen zu brechen und neue Fragen aufzuwerfen, waren auch die Hauptmotive zur Gründung von „L’effrontée“ durch Alice Welter. Sie hat in Metz Kommunikation studiert und in Luxemburg als Journalistin in einem großen Medienhaus gearbeitet – und selbst bereits Sexismus am Arbeitsplatz erlebt. Mit „L’effrontée“ will sie den medialen Raum für einen feministischen Blick und tabuisierte Themen öffnen. Seit November letzten Jahres betreibt sie den Instagram-Kanal. Zunächst postete sie sporadisch, dann kam im März dieses Jahres der Durchbruch mit einem Bericht über Belästigungen und Gewalt im medizinischen, insbesondere im gynäkologischen Bereich.

Alice Welter engagiert sich für den jungen Feminismus in Luxemburg, auch bei dessen medialer Repräsentation mit ihrem Kanal L’effrontée auf Instagram. (Foto: Eolia Verstichel)

„Mich haben zu diesem Thema so viele Zuschriften erreicht und plötzlich waren da viel mehr Menschen, die meine Seite abonniert haben“, sagt Welter. Seither postet sie täglich für ihre knapp 2.000 Follower*innen, von denen über 90 Prozent weiblich sind. Momentan ist sie auf der Suche nach einer Finanzierungsmöglichkeit für einen Social-Media-Kanal, der offen über Sexismus und sexualisierte Gewalt berichtet, frauenverachtende Inhalte in anderen Medien öffentlich kritisiert und auch Frauen mit ihren persönlichen Erfahrungen zu Wort kommen lässt. Bis sie jemanden gefunden hat, kämpft sie ehrenamtlich weiter und engagiert sich, wie Eolia Verstichel, in der VJF.

Feministisch, jung, weiblich?

Die VJF wurde ursprünglich 2018 vom „Conseil national des femmes du Luxembourg“ (CNFL) initiiert, damals unter dem Namen „Voix de jeunes femmes“. Die CNFL reaktivierte das Projekt, das während der Coronapandemie zum Erliegen gekommen war. „Ganz bewusst mit geändertem Namen“, so Gabrielle Antar, politische Direktorin des CNFL, gegenüber der woxx. „Feminismus beschränkt sich nicht nur auf Frauen, sondern bezieht auch Männer, nicht-binäre Personen und andere Geschlechtsidentitäten mit ein“, so Antar: „Derzeit haben wir 15 Teilnehmerinnen, hoffen jedoch, dass sich uns auch andere Geschlechtsidentitäten anschließen werden.“

Der neue Feminismus soll inklusiver sein als sein Vorgänger. In monatlichen Treffen, den „Feminist Talks“, arbeitet die VJF, die nach der Initiierung durch das CNFL unabhängig agiert, deshalb daran, das Konzept des Feminismus zugänglicher zu machen und jungen Menschen dessen Relevanz für den Alltag nahezubringen. So sollen zum Beispiel Workshops für Schulen erarbeitet werden. Auch hier werden gezielt alle Geschlechter angesprochen. Der strukturelle Sexismus des Patriarchats betrifft alle und auch junge Männer profitieren vom Feminismus. Beim nächsten Feminist Talk am 15. November sollen die Auswirkungen des Patriarchats auf Männer in den Blick genommen werden.

Ein Thema, das mit der jungen Generation an Brisanz zugenommen hat, meint Alice Welter. „Was junge Frauen da erleben, ist ein regelrechter Hass auf das weibliche Geschlecht“, sagt sie. „Dahinter steckt eine Ideologie, das gab es früher nicht.“ Es gebe mittlerweile ein regelrechtes Business, bei dem sogenannte „Alpha Males“ – so der pseudowissenschaftliche Ausdruck für Männer, die sich für durchsetzungsfähig und selbstbewusst halten – unsicheren jungen Geschlechtsgenossen in Kursen ein frauenverachtendes Weltbild verkaufen mit dem Versprechen, sie würden dank ihrer Tipps Erfolg, Macht, Geld und natürlich auch „Zugang zu Frauen“ erlangen.

Die Frau firmiert in dieser Welt als Objekt und Feindbild zugleich. Queere Personen werden als minderwertig oder psychisch krank erachtet. Einer der berühmtesten Vertreter dieser Szene ist Andrew Tate, der Inbegriff sogenannter toxischer Männlichkeit. Der ehemalige Kickboxer und Social-Media-Influencer steht zurzeit in Rumänien und Großbritannien wegen Menschenhandels, Vergewaltigung und der Bildung einer kriminellen Organisation vor Gericht. Es mag schwer vorstellbar erscheinen, dass dieser Mensch ein Vorbild für einen Teil einer Generation junger Männer sein soll, dennoch gewinnt diese Bewegung zunehmend an Popularität.

(Foto: Eolia Verstichel )

Der neue Feminismus, für den die VJF steht, bietet auch jungen Männern einen Gegenentwurf zu derlei Ideologien, unter deren Auswirkungen sie ebenfalls leiden. Dennoch hätten viele Männer Angst, ihre Macht zu verlieren, wenn Frauen mehr Macht zugestanden würde, meint Verstichel. „Dabei geht es uns Feminist*innen nicht darum, zu dominieren“, sagt sie. „Es geht darum, endlich gleich behandelt zu werden.“ Eine alarmierende Dynamik sieht sie auch beim Thema Sexismus und Gewalt am Arbeitsplatz. Immer wieder begegne sie bei ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten Männern, die im Privaten keine Macht mehr über ihre Partnerinnen ausüben könnten, weshalb sie dies im Arbeitsumfeld zu kompensieren versuchten. Gerade das Thema sexuelle Belästigung und Sexismus am Arbeitsplatz sieht sie in Luxemburg als echtes Problem. „Das Land ist so klein, dass viele Frauen sich nicht trauen, öffentlich dagegen vorzugehen“, so Verstichel. „Jeder kennt jeden, das gilt auch für die Chefetage.“ Die Angst, auf einer „schwarzen Liste“ zu landen, sei groß.

Alte Themen und Probleme

Viele der Kernthemen des neuen Feminismus sind nicht wirklich neu. Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, der sogenannte Gender-Pay-Gap, bleibt ein zentrales Problem. Frauen verdienen immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Ebenso gibt es nach wie vor eine Ungleichverteilung unbezahlter Care-Arbeit, bei der Frauen den Großteil der Haus- und Familienarbeit übernehmen. Ein weiteres, altbekanntes Thema ist die gläserne Decke: Zwar haben Frauen heute mehr Aufstiegschancen im Berufsleben, doch in den Führungsetagen dominieren nach wie vor Männer. Trotz Fortschritten in der Gleichstellung bleibt auch in Luxemburg noch viel zu tun.

Und auch wenn das angesichts der überschaubaren Größe Luxemburgs paradox erscheinen mag: Die fehlende Vernetzung der Organisationen untereinander und das fehlende Wissen um bereits bestehende Anlaufstellen und Projekte für Betroffene sind ebenfalls problematisch. „Es gibt hier schon viele tolle Projekte und auch Möglichkeiten, aber es gibt kaum gemeinsame Aktionen“ sagen Alice Welter und Eolia Verstichel. Die beiden setzen sich mit der VJF dafür ein, auch hier Brücken zu bauen. Der Umstand, dass „jeder jeden kennt“ hindere im Falle von (sexualisierter) Gewalt gegenüber Frauen, aber auch gegenüber Kindern, viele Menschen daran, einzugreifen oder die Polizei zu alarmieren. Verstichel ist gerade dabei, in Luxemburg eine Zweigstelle der Organisation „Innocence en danger“ aufzubauen, die sich unter anderen mit psychotherapeutischer und juristischer Beratung für Kinder einsetzt, die Opfer von (sexualisierter) Gewalt geworden sind. Es gibt bereits mehrere Personen, die sich mit ihr engagieren, besonders Personen aus dem juristischen Bereich sind dennoch gefragt. Nächsten Monat soll die luxemburgische Internetsite online gehen. Das Patriarchat steht in Luxemburg vielleicht noch nicht in Flammen, aber es gibt eine wachsende Zahl junger Feminist*innen, die das Streichholz schon in der Hand halten.

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