Theater während der Gartenschau: Wenn Situationskomik jede Textvorlage übertrifft

von | 31.07.2025

Die Maskénada-Produktion „Lilith“ wird als „Neuinterpretation des biblischen Schöpfungsmythos“ beworben – dabei erweist sich die Komödie als trivial-derbes Possenspiel. Eine Schicksalsfügung und zwei heimliche Stars machten aus der offenen Generalprobe am vergangenen Freitag dennoch zeitweise ein exquisites Theatererlebnis.

Nachdem Lilith in den Paradiesapfel gebissen hat, gehen sie und Luzifer eine unheilige Allianz ein. (© Bohumil KOSTOHRYZ)

Am Anfang war der Flugzeuglärm: Ein Theaterstück unter freiem Himmel in einem öffentlichen Park von Luxemburg-Stadt zu inszenieren, hat seine Tücken. Bei der offenen Generalprobe von „Lilith“, das im Kontext der Luga aufgeführt wird, fuhr ein Auto vorbei, Sirenen heulten auf und das Quietschen der Tramschienen vermengte sich mit dem Brausen des Winds, der unablässig an den Baumkronen rüttelte. Ein vierbeiniger Mitbesucher bellte scheinbar ohne Ursache los und ein Kleinkind kreischte auf, als auf der Bühne – oder vielmehr der Rasenfläche, die als Bühne diente – jemand in einem aufblasbaren T-Rex-Kostüm auftauchte.

Augenblick, ein Dinosaurier? Ja, denn das vom Theaterkollektiv Maskénada produzierte Theaterstück setzt sich auf humoristische Weise mit dem biblischen Mythos der Weltentstehung und dem Sündenfall des Menschen auseinander. Zu Beginn der Vorstellung bestaunt der ehrfürchtige Luzifer (Luc Lamesch), mit seinen blütenweißen Flügeln schlagend, die Gesamtheit dessen, was Gott erschaffen hat. Doch auch dieser Höhenflug des ,Lichtbringers‘ reichte vergangenen Freitagabend nicht weiter hinauf als jener des Flugzeugs, das mit einem solchen Getöse über die Köpfe aller Anwesenden hinwegjagte, dass sich der himmlische Lobpreis des Engels darin verlor.

Neben dem Gehörsinn der Besucher*innen wurde auch deren Sehsinn ausreichend stimuliert: Die Sträucher des ,Garten Eden‘, der sich vor ihnen ausbreitete, zierten paradiesische (Fabel-)Tiere aus Plastik: Knallbunte Luftmatratzen in Form eines Pfaus, eines Flamingos und eines Einhorns zogen die Blicke auf sich, daneben entdeckte man einen Kaktus und eine Palme – die wahlweise den Baum der Erkenntnis darstellten –, Bananen, eine Schlange, einen Schwan, Papageien und Kakadus … Belebt schien dieses Paradies allemal, wenngleich auffallend trashig. Bedauerlicherweise vermochte auch die Aufführung diesen Eindruck nicht zu zerstreuen, denn „Lilith“ entpuppte sich als eine derart klamaukige Komödie, dass man sich dem eigenen Gefühl der Fremdscham kaum entziehen konnte.

,Lilith‘ entpuppte sich als ein eine derart klamaukige Komödie, dass man sich dem eigenen Gefühl der Fremdscham kaum entziehen konnte.

Die Handlung lässt sich rasch zusammenfassen: Cherub (Mady Durrer) und Luzifer bewundern Gottes Schöpfung, als das Unvorhergesehene geschieht: Adam (Gianfranco Celestino) und Lilith (Fabienne Eliane Hollwege) erblicken als erste, aus Ton geschaffene Menschen das Licht der Welt. Die geflügelten Geistwesen und Gehilfen des Allmächtigen erteilen ihnen sogleich den Auftrag, sich zu vermehren. Doch da ist das Unglück schon passiert: Arglos hat Lilith in die verbotene Frucht gebissen. Fortan weiß sie, dass sie dazu verdammt ist zu sterben und ist zugleich dazu befähigt, kritisch zu denken und die Anmut alles Irdischen bewusst zu würdigen.

Gemäß der klischierten Vorstellung, dass heterosexuelle Cis-Männer zwar über eine wenig komplexe Psyche, dafür über eine große Libido verfügen, drängt der weiterhin in seiner naiven Willenlosigkeit gefangene Adam auf die erwähnte „Vermehrung“. Lilith versucht ihn zunächst abzuwimmeln, dann vertröstet sie ihn auf später – er solle zuerst 50 Liegestütze machen. Als Adam nicht aufhört zu quengeln, gibt Lilith schließlich entnervt nach. Der Geschlechtsakt will dennoch wegen Ungeschicklichkeit des Mannes nicht gelingen, Lilith, von seiner Grobheit erschüttert, unterbricht den Vorgang. Was hier auf eine erschreckend sorglose Schenkelklopfer-Manier erzählt wird, ist durchaus düster; das zum Lachen anregend wollende stumpfsinnige Urmensch-Gebaren von Adam wird der Schwere der Thematik nicht gerecht und war, weil es dermaßen bagatellisierend wirkte, umso irritierender, da sich einige Kinder im Publikum befanden. Im Kontrast dazu wollte man fast aufatmen, als kurz darauf der Paarungstanz von Adam und der neu eingeführten Figur der Eva (Maja Juric) stattfand, der sich zwar unangenehm in die Länge zog und durch das aus den Lautsprechern dringende Stöhnen mitunter schwer zu ertragen war, zumindest aber als ein einvernehmlicher Akt präsentiert wurde.

(© Bohumil KOSTOHRYZ)

Als kleine Wiedergutmachung bot das Leben eine Situationskomik, welche die Fiktion mühelos überbot: Zwei Ordensschwestern, die an diesem lauen Sommerabend über einen nahegelegenen Parkweg spazierten, gerieten ins Blickfeld des Publikums, als sie sich plötzlich zielgenau der Grünfläche näherten, auf der Luzifer, Lilith, Adam und Eva gerade um die Zukunft des Menschen rangen. Ein Raunen ging durch die Reihen, einige Zuschauer*innen, die Köpfe in Richtung der Neuankömmlinge gedreht, stupsten ihre Nachbar*innen diskret an. Man rätselte: Gehörten die beiden etwa zum Ensemble? Das Publikum beobachtete gebannt die beiden Damen, die gemächlichen Schrittes näherkamen, während das, was auf der Bühne passierte, in den Hintergrund rückte. Die zwei Frauen in Weiß blieben schließlich am Rand des Rasens stehen und man konnte sehen, dass sie angeregt miteinander sprachen – würden sie sich jetzt als Darstellerinnen zu erkennen geben? Nachdem das Publikum vergebens auf ihren Einsatz gewartet hatte, wurde deutlich, dass es sich doch nur um Passantinnen handelte, die durch das ungewöhnliche Treiben auf der Wiese angelockt worden waren – ein Zufall (oder ein Beispiel göttlicher Fügung?), der während der Veranstaltung mehr zur Heiterkeit beitrug als jeglicher fehlplatzierte Klamauk vorher.

Die Handlung war indes vorangeschritten: Lilith bandelt mit Luzifer an, dieser wendet sich von Gott ab. Mit einer List bringen die Abtrünnigen das ahnungslose Menschenpaar dazu, auch vom Baum der Erkenntnis zu essen: Die Erbsünde bestimmt fortan das menschliche Schicksal. Als teuflisches Team brechen Lilith und ihr Gefährte Luzifer zufrieden zu ihrer neuen Heimat, der Hölle, auf. Und das rettungsbedürftige Publikum wurde nach einer äußerst zähen Stunde endlich erlöst.

Text: Rafael David Kohn, Regie: Daliah Kentges, Regieassistenz: Laetitia Lang, Kostüm: Sophie Meyer „Lilith“ wird im Park hinter der Villa Louvigny noch am 1. August um 19 Uhr, am 2. August um 16 und 19 Uhr, am 3. August um 17 Uhr und am 9. August um 16 und 19 Uhr gezeigt. Der Eintritt kostet fünf Euro. Mehr Informationen auf: www.luga.lu

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