Biografie über Stephanie Hollenstein: Repressive Freizügigkeit

von | 03.04.2026

Lesbische Künstlerin, respektierter Soldat, überzeugte Antisemitin: Die Journalistin und Autorin Nina Schedlmayer hat mit „Hitlers queere Künstlerin“ ein biografisches Porträt über die Malerin Stephanie Hollenstein geschrieben, das zugleich die Widersprüche einer ganzen Epoche hervortreten lässt.

Cover des Buches „Hitlers queere Künstlerin: Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat“ von Nina Schedlmayer. Auf dem Umschlag das Motiv „Bildnis eines Soldaten“ von 1916/17, von Stephanie Hollenstein.

(© Zsolnay Verlag)

Eine frühe Zeichnung Stephanie Hollensteins zeigt das Bildnis einer Melkerin. Ein hastiger Strich, eine verhärmte Frau, der Blick geht ins Leere. Ein Schreckensbild? Fest steht: So wie diese Frau wird Hollenstein nicht werden. Auf spektakuläre Weise wird die 1886 im österreichischen Lustenau/Vorarlberg als Bauern- und Stickertochter geborene Stephanie Hollenstein ihrem ärmlichen Herkunftsmilieu entkommen – als promiskuitiv lebende Lesbierin in der Schwabinger Szene in München am Vorabend des Ersten Weltkriegs, als Soldat „Stephan“ Hollenstein an der Dolomitenfront, als expressionistische Malerin im Wien der Zwischenkriegszeit und Kulturfunktionärin mit stramm antisemitischer Gesinnung in Österreich nach dem „Anschluss“ an Nazideutschland.

Die Kulturjournalistin Nina Schedlmayer schildert in ihrem Buch „Hitlers queere Künstlerin“ Hollensteins von Widersprüchen geprägten Lebensweg. Der Blurb der Medienkünstlerin Valie Export auf dem Buchrücken, der „das fesselnde Porträt einer ambivalenten Künstlerin“ verheißt, führt dabei schnell in die Irre. Im Wissen darum, dass sich Hollenstein als abstoßende Judenhasserin und Hitler-Anhängerin entpuppt hat, wahrt die Autorin tunlichst Distanz zu ihrer Protagonistin. Nüchtern im Stil und mit politischer Wachheit gelingt es ihr, die Widersprüche von Person und Karriere einer rationalen Betrachtung zugänglich machen. Wegerklären lassen sie sich nicht. Der die gesamte Epoche prägende Konflikt zwischen völkisch-nationalem Denken und emanzipierter Moderne zieht sich als Riss durch Hollensteins Biografie.

In elf Kapiteln breitet Schedlmayer die Lebensgeschichte der Künstlerin aus und kann dabei auf einen gut erhaltenen Nachlass sowie zahlreiche Vorarbeiten zählen. Das historische Archiv Lustenaus sowie eine lokale Ausstellung haben das Andenken an die Tochter der Stadt bewahrt. Lange Zeit geschah dies mit Stolz auf die „berühmte“ Lustenauerin und ohne politische Distanz; erst in neuerer Zeit ist diese Sicht korrigiert worden.

Das Buch enthält zahlreiche Abbildungen, neben einer Auswahl von Hollensteins Bildern auch Fotografien, die einen visuellen Eindruck von den Wandlungen der Protagonistin vermitteln. Darunter sind auch zwei Aufnahmen, die sie im Sommer 1915 als Soldat im Gebirge zeigen. Hollenstein, die dem Standschützenbataillon der Dolomiten-Front angehörte, teilte die nationalistische Kriegsbegeisterung der Mehrheit ihrer Landsleute. Gerade war die Absolventin der Münchner Kunstgewerbeschule noch mit ihrem Skizzenblock durch Italien gereist, um die Schönheit der Landschaft festzuhalten, jetzt befand sie sich an der dortigen Grenze im Kampf gegen Land und Leute. Den im Buch zitierten Zeugnissen zufolge ist sie von den Grausamkeiten der Gebirgsschlachten jedoch verschont geblieben.

Schedlmayer versucht gar nicht erst, Hollenstein für den Feminismus oder die Queerness zu reklamieren.

Hollensteins Maskerade in dieser Zeit scheint glaubhaft gewesen zu sein. Sie sei als Kamerad akzeptiert worden, resümiert Schedlmayer. Als sie gegenüber deutschen Offizieren ihre weibliche Identität offenbart, wird sie nicht an die Vorgesetzten verraten, sondern mit Leckereien beschenkt. Warum sie im August 1915 nach nur dreimonatigem Einsatz dann aus der Einheit abgezogen wird, bleibt aber unklar. Eine unehrenhafte Entlassung war es offenbar nicht; dem Militär blieb sie zunächst als Frontmalerin des Kriegspressequartiers (KPQ) verbunden. Auch erhielt sie die üblichen Auszeichnungen. Bei ihrem Begräbnis 1944 in Lustenau – sie starb infolge eines Herzinfarkts – wird die Trauergemeinde im Beisein lokaler Größen der nationalsozialistischen Partei (NSDAP) sowie ihrer langjährigen Freundin, der Ärztin Franziska Groß, das Lied „Ich hatt’ einen Kameraden“ anstimmen, um den Weltkriegssoldaten Hollenstein zu ehren.

Im lebhaftesten Kontrast zu ihrem Soldatentum steht ihr freizügiges Leben mit zahlreichen Affären in der Münchner Zeit, die dem Fronteinsatz vorausging. Aber es gibt auch einiges, das die verschiedenen Lebensphasen verbindet, wie Schedlmayr nahelegt: Die Abwertung des Weiblichen zieht sich als ein Motiv durch Hollensteins Biografie. So findet sich in ihrem Nachlass ein Ratgeber mit Tipps für den Umgang mit Frauen aus Junggesellensicht. Hollensteins Unterstreichungen finden sich ausgerechnet in Passagen darüber, wie ein Mann sich eine Frau zur Gehilfin macht.

Schedlmayer versucht gar nicht erst, Hollenstein für den Feminismus oder die Queerness zu reklamieren. Alice Schwarzers apologetische Riefenstahl-Biografie ist ihr warnendes Beispiel genug. Auch verstrickt sie sich nicht in die gegenwärtige Trans-Debatte, Gender-Theorie wird lediglich gestreift. Dagegen nimmt sie an geeigneten Stellen auf die Widersprüche zwischen Identität und politischer Haltung in der Biografie der AfD-Bundesvorsitzenden Alice Weidel Bezug. Auch das Vorwort schlägt einen Bogen in die Gegenwart. Es befasst sich mit der Akzeptanz, die rechtsextreme oder populistische Politiker wie Donald Trump trotz einer offen zur Schau getragenen Homophobie durch queere Parteimitglieder und Wähler erfahren. Hollenstein war keine feministische Künstlerin, auch wenn sie in Berührung mit fortschrittlichen Frauen kam. Dagegen verbrachte sie große Teile ihres Lebens in Milieus, die Homosexualität grundsätzlich feindselig betrachten.

Ihre Camouflage ist nicht ohne geschichtliche Beispiele. Gerade in jüngerer Zeit hat die Genderforschung historische Frauenfiguren wiederentdeckt, die sich in der Hosenrolle Zugang zu exklusiv männlichen Positionen verschaffen oder in männlicher Identität lesbisches Begehren ausleben konnten. Mit Empathie schildert Angela Steidele in ihrer Biografie „In Männerkleidern“ (Suhrkamp, 2021) das Leben der 1721 wegen „Unzucht“ mit Frauen hingerichteten Soldatin Catharina Linck. Auch das gefeierte, auf Berichten über als Männer verkleideten Frauen basierende filmische Historiendrama „Rose“ mit Sandra Hüller als Soldat im Dreißigjährigen Krieg belegt das Interesse an diesem speziellen Topos der Geschlechterhistoriographie.

Als erfolgreiche Künstlerin in Wien, wo Hollenstein ab 1915 lebte, übernahm sie auch die – traditionell Männern vorbehaltene – Rolle der Ernährerin der Familie im fernen Lustenau. Zukünftige Machtverschiebungen erahnend, trat sie bereits 1934 der damals in Österreich noch verbotenen NSDAP bei. Als Präsidentin der gleichgeschalteten Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs rief sie die Frauen 1938 dazu auf, „Führerbilder“ zu malen. Es ist Schedlmayers Verdienst, dass sie die besondere Bedeutung der Judenfeindschaft für Hollensteins Wirken als Funktionärin und Netzwerkerin des Nationalsozialismus aufzeigen kann. Aufschluss darüber gibt ein nachgelassenes Konvolut an Zetteln, in dem die Künstlerin sich mit einschlägigen Werken einflussreicher Antisemiten wie „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ von Alfred Rosenberg befasst. Hollenberg listet die Namen von angeblichen Protagonisten und Opfern einer von ihr imaginierten Weltverschwörung der Juden auf und scheut sich auch nicht, ekelhafte Aussprüche über Juden zu sammeln. In aller Deutlichkeit zeigt sich hier die kompromisslose Antisemitin.

Schedlmayer zitiert dazu die Psychoanalytikerin Else Frenkel-Brunswik, die sich in der von ihr mitverfassten Studie „Die autoritäre Persönlichkeit“ (1944) mit dem Zusammenhang von Homosexualität und Antisemitismus beschäftigt hat: „Der Unterschied zwischen toleranten und vorurteilsvollen Frauen“, schreibt sie, „lag nicht im Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von ‚Tiefenfaktoren‘ wie etwa latenter Homosexualität, sondern in der Art, wie mit diesen umgegangen wird: mittels Akzeptanz und Sublimierung bei den toleranten Frauen, mittels Verdrängung und Abwehrmechanismus bei den vorurteilsvollen Frauen.“ Vieles spricht dafür, dass Hollenstein ihrem abenteuerlichen Leben zum Trotz zu letzteren gehörte.

Nina Schedlmayer: Hitlers queere Künstlerin: Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat. Zsolnay Verlag, 320 Seiten.

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