Willis Tipps: Juni 2026

von | 11.06.2026

Mali-Pop

Fatoumata Diawara wurde in der Elfenbeinküste geboren und früh von ihren malischen Eltern zu einer Tante nach Bamako, Mali geschickt. Bei dieser wuchs sie auf, bis sie mit 18 nach Paris auswanderte, um sich zur Schauspielerin ausbilden zu lassen. Ihre Filmkarriere startete dementsprechend früher als ihre Musikkarriere: Seit 1996 wirkte sie in vielen Filmen mit, ihr erstes Musikalbum veröffentlichte sie aber erst 2011. Was die Albumproduktion angeht, blieb sie lange Zeit sehr zurückhaltend. 2023 kam dann aber ihre erfolgreiche Platte London Ko heraus und nun, nur zwei Jahre später, liegt das neue Werk Massa in den Läden. In ihren Texten verarbeitet sie unter anderem eigene Erfahrungen mit der Unehrlichkeit von Mitmenschen, den Tod ihres Vaters und ihre Beziehung zur Religion. Alle zwölf Lieder hat sie selbst geschrieben und begleitet ihren Gesang mal mit akustischer, mal mit elektrischer Gitarre. Gestützt wird sie von Bass und Drums und weiteren Instrumenten, die vor allem der Franzose und Mit-Produzent Matthieu Chedid, der sich -M- nennt, beisteuert. Diawara beweist sich hier als eine der großen aktuellen afrikanischen Musikerinnen zwischen starkem Afro-Pop und besinnlichen Balladen.

Fatoumata Diawara – Massa – No Format!

Karelien unter Strom

In der sowieso spannenden finnischen Neo-Folk-Szene sticht Suistamon Sähkö besonders heraus. Der Name der Band, der übersetzt „Suistamo elektrisch“ bedeutet, verrät Kundigen bereits, dass es um die Musik der Region Suistamo im heute russischen Teil Kareliens geht – allerdings unter Strom gesetzt. Folgerichtig nennt das Quartett seine Musik Arctic Etnotekno (Ethno-Techno). Um den Gesang auf dem Album Lunta Tupaan kümmern sich vor allem Reeta-Kaisa Iles und Tuomas Juntunen. Die Electronics steuert der umtriebige Eero Grundström bei. Die karelische Essenz kommt von Anne-Mari Kivimäki, die über die Musik Kareliens promoviert hat und ein einfaches russisches Notka-Akkordeon spielt. Die traditionelle Musik Kareliens, die Kivimäki auf beiden Seiten der Grenze erforscht hat, ist, was die Melodien angeht, minimalistisch und repetitiv, was eine Atmosphäre erzeugt, die man als psychedelisch bezeichnen könnte. Auf ihren zahlreichen Solo- und Duo-Platten, steht dies im Mittelpunkt. Suistamon Sähkö aber verbindet diese Ausrichtung auf dem neuen Album, wie auf den drei Vorgängeralben, mit knalligen Beats und Rap. So schafft die Band eine ganz laute, aufregende Mischung aus karelischer Tradition und Moderne.

Suistamon Sähkö – Lunta Tupaan – Playground Music

Pure Soweto-Energie

BCUC ist ein Septett aus Soweto, einer Siedlung in der Republik Südafrika. Die Gruppe existiert seit mehr als 20 Jahren und veröffentlicht seit 2016 Alben. Das aktuelle Werk trägt den Titel The Road Is Never Easy. Die Besetzung der Band besteht aus einer Sängerin und zwei Sängern, einem Conga-Spieler, zwei Spielern von Bass-Trommeln und einem Elektro-Bassisten. Die Gruppe, die eigentlich Bantu Continua Uhuru Consciousness heißt, hat 2023 den Artist Award der Weltmusikmesse Womex erhalten und begeisterte das dortige Publikum mit ihrem funkensprühenden Auftritt. Die ungewöhnliche Besetzung führt zu ungewöhnlicher Musik. Während die Perkussionisten einen treibenden Polyrhythmus schlagen, akzentuiert der E-Bass die Melodien, die die Sänger*innen vortragen. In Soweto, dem schwarzen Township am Rande von Johannesburg, dem Zentrum des historischen schwarzen Widerstands gegen Apartheid, spiegeln sich die rauen Seiten des Lebens der Schwarzen auch in der Musik – erst recht bei BCUC. Musikalisch zwischen altem Mbaqanga Jive, der südafrikanischen House-Variante Kwaito, Funk, Hip-Hop und purer Energie. Einzigartig!

BCUC – The Road Is Never Easy – Outhere Records

Iranische Volkslieder

Das Mullah-Regime in Iran verbietet öffentlichen Sologesang von Frauen. Parisa Karimi Molan stammt aus Ost-Aserbaidschan, einer Provinz im Nordwesten Irans und war gezwungen, Gesang im Verborgenen zu lernen und zu praktizieren. 2017 emigrierte sie nach Montréal, Kanada und hat jetzt gerade ihre erste Platte veröffentlicht. Ihr Ensemble Tehrani Drom besteht aus Musikerinnen mit Wurzeln in Iran, der Schweiz und Moldawien. Sie begleiten die Sängerin mit Akkordeon, traditioneller Setar und Tar-Laute, Cello und Perkussion. Unter den sieben Stücken auf dem Album Unveiled befinden sich zwei Instrumentals und fünf Lieder, die traditionell oder eng an der Tradition angelehnt sind. Die klassische persische Musik gehört zu den großen musikalischen Ausdrucksformen des Mittleren Ostens, aber bei der vorliegenden Platte handelt es sich um Lieder aus verschiedenen Regionen des großen Landes – dabei wird auch Aserbaidschanisches und Kurdisches sowie Stile iranischer Roma mitverarbeitet. Die Stücke klingen nicht nur schön, sondern sind – im Gegensatz zu persischer Klassik – auch sehr eingängig. Ein kompetentes Ensemble und eine ausgezeichnete, berührende Stimme.

Tehrani Drom & Parisa Karimi Molan – Unveiled – Lulaworld Records (digital bei Bandcamp)

World Music Charts Europe Juni 2026 – Top 20

1. Tamikrest – Assikel – Glitterbeat
2. The Klezmatics – We are made for these times – Asphalt Tango
3. BCUC – The road is never easy – Outhere Records
4. Yiddish Glory – The silenced songs – Six Degrees
5. Souad Massi – Zagate – Backingtrack
6. Peter Soumah – Walking Distance – ACT
7. Cheikh Ibra Fam – Adouna – Cumbancha
8. Tinariwen – Hoggar – Wedge
9. Suistamon Sähkö – Lunta Tupaan – Playground Music
10. Divka – Folk fatale – Divka
11. Kareyce Fotso – GWA – Contre-Jour
12. Robinson Khoury MYA – Transara – ACT
13. Mahan Mirarab – Unspoken – ACT
14. Nuevos Rios – Nuevos Rios – ZZK Records
15. Katalena – Meja – Zars
16. Dorea – O que mais voce quer saber de mim? – Ajabu!
17. DUB Colossus – Dub will keep us together – Real World
18. Mariana Sadovska & Vesna – You should live! – CPL-Music
19. Cocanha – Flame Folclore – Bongo Joe
20. RaĂĽl Refree & Maria Mazzotta – San Paolo di Galatina – Galileo

Die WMCE TOP 20/40 bei: www.wmce.de, Facebook „Mondophon auf Radio ARA“

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