Pizzica und mehr
Die Musik aus dem Salento im Süden Italiens wird schon seit 1975 von der Gruppe Canzoniere Grecanico Salentino um die Welt getragen. Eine weitere bemerkenswerte Gruppe aus dem Salento ist Officina Zoè, die 1993 gegründet wurde und jetzt ihr neues, elftes Album Mari e Marenne veröffentlicht hat. Drei der Gründungsmitglieder sind weiterhin dabei: Cinzia Marzo, die Sängerin, Perkussionistin und Flötistin, Lamberto Probo, der ebenfalls singt und die Handtrommel Tamburello schlägt, sowie Donatello Pisanello, der das diatonische Akkordeon Organetto und die Mandola, eine Mandolinenvariante, spielt. Weitere Mitglieder des Septetts spielen Geige und Gitarre sowie E-Gitarre und sorgen für Chorgesang. Cinzia Marzo hat Texte verschiedener Dichter*innen vertont und zwei Stücke ganz allein geschrieben; zudem findet sich ein traditionelles Lied auf dem Album. Obwohl es sich fast ausschließlich um Eigenkompositionen handelt, ist die althergebrachte salentinische Tarantella-Variante Pizzica durchgängig herauszuhören, mal druckvoll, mal dezent in ausgedehnter Balladenform. Hier hat eine der großen Gruppen des südlichen Italiens ein schönes, neues Album vorgelegt. Empfehlung!
Officina Zoè – Mari e Marenne – Linfa
Moderne anatolische Klänge
Die Zeiten, in denen immer wieder moderne Formen anatolischer Musik vom Bosporus nach Westeuropa schwappten, scheinen leider weitgehend vorbei zu sein. Dafür gibt es in den letzten Jahren immer mehr Musiker*innen im Westen, die ihre türkischen Wurzeln wiederentdecken und ihre Musik nicht mehr nur in der Migrant*innen-Community verbreiten. Die neueste Entdeckung ist Hilal Kaya, die in Dänemark zu Hause ist. Seit 2014 ist sie in verschiedenen Formationen musikalisch aktiv und hat jetzt ihr erstes Album unter eigenem Namen herausgebracht. Bereits im letzten Jahr wurde sie in Dänemark für „New Roots Artist of the Year“ nominiert und zeigt nun auf Sümbül in Albumlänge ihre Klasse. Ihre Band bilden drei Dänen an Bass, Drums, E-Gitarre plus weiteren Saiteninstrumenten; zudem spielt Orhan Özgür Turan die anatolische Baglama und prägt so den anatolisch-psychedelischen Charakter der Musik entscheidend mit. Neben sechs selbst geschriebenen Stücken hat Hilal Kaya auch einige traditionelle anatolische Lieder aufgenommen. Die starke Sängerin hat sowohl bei den ruhigen als auch bei den treibenden Rockstücken eine versierte Band im Rücken. Beeindruckend!
Hilal Kaya – Sümbül – CPL-Music
Sevdah klassisch gestrichen
Das New Era Quartet bringt die melancholische Sevdah-Musik Bosnien-Herzegowinas in ein klassisches Streicherformat und überrascht damit, dass dies überhaupt keinen Bruch mit der Tradition darstellt. Sevdah – auch Sevdalinka genannt – konnte man mit der modern aufspielenden Gruppe Divanhana erst kürzlich auf einer Luxemburger Bühne erleben. Jetzt haben sich Kristina Mlinar an der ersten Violine und mit Gesang, Teodora Kalicanin an der zweiten Violine und die Italiener*innen Francesca Senatore an der Viola und Alessandro Dore am Cello zusammengetan und spielen die faszinierende, tendenziell traurige bosnische musikalische Tradition im Stil eines klassischen Streichquartetts. Bei drei Stücken unterstützt dazu der Gitarrist Piercarlo Favro. Kristina Mlinar stammt aus Banja Luca in Bosnien-Herzegowina und ist deshalb bestens mit der dortigen Tradition wie auch mit westlicher Klassik vertraut. In Triest traf sie die anderen drei Mitglieder des Quartetts. Auf Bridge to Sevdah wird der Sevdah mal gefühlvoll ruhig, mal energisch, aber stets hochkompetent gestrichen und trägt die ausgezeichnete Stimme Mlinars.
New Era Quartet – Bridge to Sevdah – Snail Records
Malische Gitarren-Power
Wer Bluesrock mag und zudem ein offenes Ohr für aktuelle Musik aus Afrika hat, darf Sobra Dance nicht verpassen, denn hier trifft beides perfekt aufeinander. Der malische Gitarrist Gaoussou „Sobra“ Kouyaté stammt aus einer Griotfamilie und begann zunächst, traditionelle Instrumente wie die Ngoni-Laute und das Balafon zu lernen, bevor er zur Gitarre wechselte. Er hat schon mit anderen malischen Künstler*innen aufgenommen, allerdings mit der akustischen Gitarre. Auf seinem ersten Soloalbum beeindruckt er nun auch mit starkem, virtuosem Spiel auf der E-Gitarre. Gelernt hat er unter anderem bei Djelimady Tounkara, dem Meistergitarristen der Rail Band, die sowohl in Mali als auch in der Weltmusikszene Legendenstatus genießt. Was Kouyaté auf seinem Album präsentiert, basiert auf der Griot-Musik Malis, die bekanntlich an den US-Blues erinnert, verbunden mit einigen Latin-Einflüssen sowie der Rumba Congolaise. Selbst dort, wo die Power-Gitarrenläufe nach Bluesrock klingen, bleibt es unüberhörbar afrikanisch. Außerdem hört man gelegentlich die schöne Stimme von Mariam Kouyaté. Ein brillantes Album mit moderner malischer Gitarrenmusik.
Gaoussou Sobra Kouyaté – Sobra Dance – One World Records
World Music Charts Europe September – Top 20
1. New Era Quartet – Bridge to Sevdah – Snail Records
2. Officina Zoé – Mari e Marenne – Linfa
3. L’Alba – Vivu – Buda Musique
4. Spectrum Quartett, Ulijanky, Nogaband & Simona Hulejová – Obrázky zo Slovenska – RealMusicHouse
5. Hilal Kaya – Sümbül – CPL-Music
6. Melinda Balogh, Erdöfü & Janusz Prusinowski Kompania – Miedza, Mezsgye, Balk – Fonó
7. Cocanha – Flame Folclore – Bongo Joe
8. Mah Damba – Taabolo Koura – One World Records
9. Nana Osei Twum Barima – Journey to the Unknown – Zephyrus
10. Paolo Angeli & Tenore de Murales Orgosolo – Vinti e Maju – AmMa
11. Maria Kalaniemi & Timo Alakotila – Morgondimma – Akerö Records
12. Kareyce Fotso – GWA – Contre-Jour
13. Riccardo Tesi & Paolo Zampini – Camerock – Visage Music
14. Fatoumata Diawara – Massa – No Format
15. Kefaya & Elaha Soroor – Our Freedoms Must Be Won – Radio International
16. Hmlisto – Samoty – Galén
17. Ana Brenes – Mientras Camino – Segell Microscopi
18. Airto Moreira & Ricardo Bacelar – Maracanós – Jasmin Music
19. Girma Woldemichael – Nafqoté – self released
20. Marco Grancelli – Camino Trunco – self released

