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Henry und Michelle lernen sich kennen, verbringen unbeschwerte Tage und Nächte in Michelles Einzimmerwohnung, schwimmen im See und verlieben sich. In „Die zweitgrößte Liebe“ stellt Ruth-Maria Thomas die Frage, ob Liebe jedoch ausreicht, damit zwei Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten sich gleichberechtigt begegnen und ein gemeinsames Leben aufbauen können. Ihr Roman ist dabei weit mehr als eine wehmütige Liebesgeschichte. Michelle erzählt Henry in den Momenten der Zweisamkeit von ihrer Vergangenheit: ihrem Aufwachsen in Armut, ihren Alltagssorgen, dem Tod ihrer Mutter, der Sorge um ihren Bruder, ihren Schulden und der existenziellen Bedeutung ihrer Arbeit. Dass sie aus pragmatischen Gründen nicht mehr ihren Traumjob verfolgen kann. Erst allmählich wird ihr klar, dass Henry aus einer anderen Welt kommt: Sein Erbe besteht aus mehreren Immobilien, Goldbarren und genug Geld, um regelmäßig Austern und Champagner zu konsumieren. Im Verlauf der Geschichte stellt sich die Frage, inwiefern Henrys Vermögen die Bedingungen der Liebesbeziehung zwischen ihm und Michelle verändert und inwieweit Michelle in eine finanzielle Abhängigkeit gerät. Mit einer präzisen, zugleich einfühlsamen Sprache macht die Autorin die feinen Verschiebungen in der dargestellten Beziehung spürbar. Dabei wird auf schmerzliche Weise deutlich, wie schwer Armut für Menschen zu verstehen ist, die diese nie selbst erfahren haben, und dass selbst durch Empathie diese Kluft nicht vollständig überwunden werden kann.
Ruth-Maria Thomas: Die zweitgrößte Liebe. 304 Seiten. DTV, 2026.

