Vor zehn Jahren räumten und zerstörten die französischen Behörden ein inoffizielles Flüchtlingslager bei Calais – das größte seiner Art in ganz Europa. Heute machen sich die Menschen vermehrt auch von der südlich gelegenen Côte d’Opale aus auf den Weg über den Ärmelkanal.

Alltag unter menschenunwürdigen Bedingungen: Haareschneiden in einem improvisierten Flüchtlingscamp nahe Calais am Ärmelkanal. (Foto: EPA/YOAN VALAT)
Das Schlauchboot nimmt Kurs hinaus aufs Meer. Es war schon überladen, als es eben nochmal auf den Strand zusteuerte. Mehrere kleine Gruppen von Menschen warteten im hüfthohen Weißwasser, manche mit Rettungswesten, die meisten ohne. Sie hielten sich an den Händen, sprangen hoch, wenn eine Welle kam, um mit deren Hilfe an Bord zu gelangen. Dass nicht alle es schaffen würden, war klar, zumal das Boot Eile hatte. Manchen gelang es alleine, andere wurden von helfenden Händen aus dem Wasser gezogen. Gut 20 Personen blieben zurück.
Ein paar Stunden später sitzen zwölf der verhinderten Passagiere auf einem Bordstein beim Supermarkt in Hardelot-Plage, einem winzigen Ferienort mit Golfplatz und großzügigen Anwesen im umliegenden Wald. Ausgelaugt wärmen sie sich in der Septembersonne. Sie sprechen wenig, still trinken sie das Wasser, das jemand gerade gekauft hat. Eine Gruppe von Frauen erscheint und lässt sich unter einem Vordach gegenüber nieder. Ein kleines Mädchen ist auch bei ihnen. Eigentlich hätten auch sie nun auf einem Schlauchboot nach England sitzen sollen.
Niemand zeigt ein Zeichen von Frustration. Nur zwei der Männer, irakische Kurden, fragen sich, ob es wohl ein Taxi gibt, das sie zumindest zu einem Bahnhof fahren kann. „Der Weg zurück zum Jungle ist so weit. Und ich bin so erschöpft. Ich habe seit drei Tagen nicht geschlafen“, sagt einer. Darsan, nennen wir ihn so, ist Ende 20, klein und drahtig, mit dichtem Bart. Sein Freund, der kein Englisch spricht und ein auffällig entzündetes Auge hat, schläft im Sitzen neben ihm ein. Es gibt kein Taxi.
Der „Jungle“ liegt gut 80 Kilometer nordöstlich von Hardelot-Plage, in der Peripherie des Hafens von Dunkerque. Es handelt sich um eines der inoffiziellen Geflüchteten-Camps, die seit einem Vierteljahrhundert immer wieder am Ärmelkanal entstehen. Von dort sind sie in den letzten Tagen aufgebrochen: jene, die nun unterwegs nach England sind, und die, die es nicht auf das überfüllte Schlauchboot geschafft haben. Was kein kleines Unterfangen ist, denn der öffentliche Verkehr ist spärlich, und allein von den Bahnhöfen bis zu den Stränden dauert der Fußweg stundenlang.
Ihren Ausgang nimmt diese Geschichte allerdings in einem anderen Jungle: dem bekanntesten, der sich vor den Toren von Calais am Rand eines Industriegebiets befand. Genau zehn Jahre ist es Ende Oktober her, dass er geräumt wurde („Tränengas im Dschungel“; woxx 1355). Zeitweise lebten dort mehr als 10.000 Menschen, die damals noch versuchten, per LKW oder durch den Eurotunnel hinüber nach England zu gelangen. Mit der Räumung, so dachten die Behörden, hätten sie sich der Migrationsroute über den Ärmelkanal entledigt. Doch es kam anders.
Stattdessen verlagerte sich das Geschehen an andere Orte entlang der Küste. Mal in den Nordosten bei Dunkerque, wo es bereits in den 2010er-Jahren einen Jungle gab, der damals von kurdischen Flüchtlingen bewohnt wurde. An die Autobahnraststätten im Hinterland, nicht selten auch in Belgien und teils ins luxemburgisch-deutsche Grenzgebiet. Dann, nachdem 2019 Schlauchboote das bevorzugte Transportmittel wurden, kam die Gegend um Boulogne-sur-mer und der dünn besiedelte Süden der Côte d’Opale ins Bild, wo die Kontrollen weniger dicht sind als in Calais: Orte wie Equihen-Plage, Hardelot-Plage, Sainte-Cécile-Plage, Berck-sur-Mer bis hinunter zur Somme-Mündung und selbst in die Normandie.
Darsan schaut ungläubig, als er vom früheren Jungle hört, und wie viele Menschen dort einst Unterschlupf fanden. Dass es eine kleine Stadt war, in der Infrastruktur entstand, mit Holzhütten, ausrangierten Wohnwagen und selbstgezimmerten Behausungen aus Planen und Baumstämmen. Mit Läden, Essgelegenheiten, einer Schule, einem Boxclub, mehreren Moscheen, einer eritreisch-orthodoxen Kirche. Wohin jedes Wochenende Dutzende Freiwillige aus England kamen und nicht wenige permanent in Calais blieben, um die himmelschreienden Verhältnisse zu lindern.
Im heutigen Jungle, aus dem Darsan und die anderen Gestrandeten aufbrachen, leben Ende September laut örtlichen Hilfsorganisationen knapp 2.500 Menschen. In vielem erinnert das improvisierte Camp an seine berühmten Vorgänger: die Lage in einem bewachsenen Brachland zwischen den Ausläufern eines Gewerbegebiets, die dröhnenden Generatoren, der Müll, der sich entlang der Wege angehäuft hat, Zelte zwischen Sträuchern und in schmalen Laubwald-Streifen, kleine Gruppen von Menschen, die durchs Niemandsland marschieren oder irgendwo mit einem Plastikteller kauern, mit einer Mahlzeit, die eben von einer lokalen NGO verteilt worden ist. Und auch hier gibt es neben kleinen Verkaufsständen inzwischen Tee- und Imbissstuben mit Sitzgelegenheit. Der Geruch von gegrillten Kebab-Spießen liegt in der Luft.
Mit der Räumung des Jungle von Calais, so dachten die Behörden, hätten sie sich der Migrationsroute über den Ärmelkanal entledigt. Doch es kam anders.
Anders als früher sieht man heute die Schwimmwesten, die überall zu sein scheinen: auf den Tischen mancher Verkaufsstände, als Teil des am Boden ausgebreiteten Sortiments eines fliegenden Händlers, vor allem aber in Taschen und Händen von Camp-Bewohner*innen, die über die nahe Brücke aus dem Einkaufszentrum zurückkehren. Dort verkauft eine Decathlon-Filiale die Westen für 29,99 Euro pro Stück. Am nächsten Tag soll der Wind sich legen. Dann wird sich von hier aus eine kleine Prozession in Richtung der Strände im Süden in Bewegung setzen.
Eine somalische Frau in Jeansjacke, buntem Kleid und grau-weiß-kariertem Kopftuch, die eben in Begleitung eines kleinen Mädchens in dem Shopping-Center war, ist erst seit dem Vortag hier. Wann sie eventuell auf ein Boot gelangen könnte, weiß sie noch nicht. Aber um bereit zu sein, hat sie vier Westen gekauft: für ihre drei Kinder und sich selbst. „Die Kinder sind zwischen sechs und zwölf Jahren. Ihr Vater ist gestorben.“ Kurz darauf steigen ihr Tränen in die Augen. Sie entschuldigt sich und läuft ihrer Tochter hinterher.
Abdi – auch er wird hier nicht mit seinem richtigen Namen genannt – ist ebenfalls noch nicht lange hier. Eigentlich kommt auch er aus Somalia, doch bis vor Kurzem lebte er in den Niederlanden, wohin er im Alter von 14 Jahren alleine kam. Inzwischen ist er 23 und spricht fließend niederländisch. Er studierte Elektronik, um Monteur zu werden, und wohnte in einer Studentenunterkunft, als sein Aufenthaltstitel nicht verlängert wurde. Großbritannien hingegen hat noch immer den Ruf, dass es dort ausreichend Arbeit gebe, auch inoffiziell. Zudem besteht dort, wo es keine Personalausweise gibt, auch keine Pflicht, sich bei Polizeikontrollen auszuweisen.
Über ein paar Ecken hörte Abdi, der eine schwarze Weste trägt und dessen Füße in Badelatschen stecken, vom Jungle. Vor einer Woche kam er hier an. Nun will er sich erst einmal orientieren, bevor er sein Leben in einem Schlauchboot riskiert. Um die 1.000 Euro kostet eine Überfahrt derzeit bei einem der Schleuser, die neben den Booten auch das Camp organisieren. Im Unterschied zu vielen anderen hier kann Abdi schwimmen. „Ich habe das B- und C-Diplom“, erklärt er, und muss unwillkürlich lachen, weil ihm klar wird, wie niederländisch er gerade klang.
Am Rand des Jungle ist im zurückliegenden Sommer eine doppelte Mauer entstanden, aus grauen Blöcken, die an riesige Lego-Steine erinnern. Gut zweieinhalb Meter ist sie hoch und soll einige Strommasten schützen, an denen Arbeiten bevorstehen, wie jemand von einer Hilfsorganisation erzählt. Zugleich haben die Mauern straßenbreite Öffnungen, durch die Jungle-Bewohner*innen nun den Weg zum Einkaufszentrum abkürzen. Sinn ergibt das erst, wenn man das Prinzip der Landschafts-Architektur versteht, die am Ärmelkanal seit Jahren vorherrscht: Martialische Symbolik und Einschüchterung sind ein wichtiger Teil der immer zahlreicheren Zäune und Abgrenzungen.
Unterhalb der Brücke, kurz vor einer Waldlichtung, an die sich zahlreiche kleine Zelte anschließen, haben sich zwei junge Graffitikünstler die Mauer vorgeknöpft. Einer von ihnen stellt sich als Aberon vor; das ist der Name, mit denen er seine Kunstwerke in Dunkerque signiert. 17 ist er, und seine Hände sind übersät mit kleinen gelben Farbspritzern. Einerseits ist die Mauer für ihn ein Glücksfall. „Ich entdeckte sie, als ich mit dem Rad über die Brücke fuhr. In den Sommerferien begann ich sie zu bemalen. So eine Mauer findest du nur einmal im Leben. Sie ist mein Spielplatz. Ich habe alle meine Freunde eingeladen, um sich an ihr auszuleben.“
Zugleich steckt für Aberon mehr hinter dem, was er hier tut. Immer wieder reicht er den Jungle-Bewohner*innen, die hier vorbeigehen, einen Pinsel oder eine Sprühdose weiter, damit auch sie die Mauer gestalten können. So entsteht ein Austausch, den die Behörden eigentlich verhindern wollen. „Die Leute in Dunkerque reden nicht über die Migrant*innen, und darüber, dass sie aus der Stadt ausgeschlossen sind“, sagt der Sprayer: „Ich wollte sie kennenlernen und in Kontakt mit ihnen kommen. Also fing ich an, mit ihnen zu reden, falls ich sie irgendwo sah. Zum Beispiel, wenn ich an Bahngleisen sprühte, an denen sie vorbeiliefen.“
Seine Worte klingen nach, wenn man dann wieder auf der anderen Seite der Brücke die Bushaltestelle vor dem Einkaufszentrum sieht. Bei ruhigem Wetter bilden sich dort Schlangen von Dutzenden, manchmal Hunderten von Migrant*innen. Mit Taschen, Rucksäcken und Schwimmwesten brechen sie auf an den Strand. Ist das Zeitfenster für Überfahrten kurz, liegt ihr Zielstrand irgendwo im Raum Dunkerque oder Calais, wo die Strecke auch kürzer ist. Bleiben das Wetter und die See länger ruhig, geht es meist in den Süden der Côte d’Opale. Mit ihnen warten Pendler*innen, die von der Arbeit kommen, oder Schüler*innen auf den Bus. Sie selbst sind auf dem Weg nach Hause. Wohin die Menschen mit den Rettungswesten unterwegs sind, wissen sie auch. Man nimmt Notiz von denen, die eine neue Heimat suchen, aber nie Kontakt mit ihnen auf.
Sobald der Wind sich gelegt hat, kommt wieder der große Trek in Gang. Am Bahnhof von Boulogne-Ville fährt an diesem Sonntagnachmittag ein Zug ein. 40, 50 Personen, Männer, Frauen, auch einige Kinder steigen aus, mit ein paar Habseligkeiten und Schwimmwesten bepackt. Sie gehen hinunter in die Bahnhofshalle, überqueren die Straße und lassen sich gegenüber auf einer kleinen Grünfläche vor einigen Hochhäusern nieder. Einige Polizisten stehen in der Nähe und beobachten die Szene. Die Sonne wärmt. Ein Mann hat sich auf seine Schwimmweste gelegt und ist eingeschlafen.
Ein junges Paar aus Äthiopien hockt mit seiner kleinen Tochter neben der Grünfläche auf dem Bordstein. Das Mädchen ist zwei Jahre alt und trägt einen dunkelgrünen gefütterten Parka, lila Jogginghose und blaue Winterstiefel. Sie kommen aus dem Jungle, erzählen die Eltern. Wohin es von hier aus geht? Sie zucken mit den Schultern. Jemand aus der Gruppe, der mit den Schleusern in Kontakt ist, wird irgendwann weitere Informationen empfangen.
Eine Freiwillige von der lokalen Assoziation „Opal‘Exil“, verteilt Wasser und Waffeln an die vor dem Bahnhof Wartenden. Ein iranischer Mann in den 30ern deutet auf seinen Hals und sagt auf Deutsch: „Ich bin ein wenig krank.“ Er arbeitete für eine deutsche Firma in der Türkei, ehe er über die Balkanroute nach Italien kam. Auch ein anderer Iraner, der sieben Jahre lang in Thüringen in einer Fabrik für Autoteile arbeitete, bevor er sein Bleiberecht verlor, fühlt sich nicht gut. „Mein Kopp“ sagt er, im Tonfall, den er dort gelernt hat. Die Freiwillige hat Schmerztabletten für beide in ihrer Tasche. Unterdessen kommt eine weitere Gruppe Migrant*innen am Bahnhof an.
Was sich hier an den Stränden südlich von Calais abspielt, unterliegt einigen Besonderheiten. Zum einen gibt es in dieser Gegend erst seit Kurzem ein Netzwerk von Freiwilligen, die mit Kleidung, Decken und Lebensmitteln aushelfen, doch dieses ist nicht vergleichbar mit den gewachsenen Strukturen in den Industriestädten Calais und Dunkerque. Zugleich kann ausgerechnet hier der Bedarf besonders groß sein, weil es nicht selten ein oder zwei Nächte dauert, ehe sich tatsächlich ein Boot auf den Weg über den Kanal macht. Die Wartenden schlagen einmal mehr provisorische Lager in den Wäldern im Hinterland auf – und so breitet sich das Prinzip der Jungles weiter entlang der Küste aus.
Hinzu kommt, dass die Entfernung nach England von hier aus größer ist und die Überfahrt auf den übervollen Schlauchbooten damit umso gefährlicher. Außerdem fing die französische Polizei in den vergangenen Jahren zahlreiche Boote an den Stränden ab und zerstörte sie, Internationale Ermittlungen gegen die Schleuserringe trafen bei mehreren großen Razzien die Lieferketten für die Boote empfindlich. Es gibt also weniger davon, und die vorhandenen sind umso voller besetzt. Mehrere hatten im Sommer über 100 Personen an Bord, eines gar 230.
Am nächsten Tag sieht man ein Schiff der EU-Grenzschutzagentur „Frontex“ am Horizont. Ungeachtet dessen bewegen sich mehrere kleine Gruppen von Menschen in Richtung der Wasserlinie. Manche tragen Rettungswesten, die meisten nicht. Im schäumenden Weißwasser bleiben sie stehen, halten sich an den Händen, springen hoch, wenn eine Welle kommt.
Dann nähert sich ein Boot, das bis eben noch etwa 100 Meter entfernt am Strand lag. Es hat bereits einige Passagiere an Bord. Sogenannte „Taxi-Boote“, die an verschiedenen Orten entlang der Küste Menschen aufnehmen, sind die Antwort der Schmuggler auf die vielen anderen Transporte, die von der Polizei in den letzten Jahren abgefangen wurden. Eingreifen darf die Behörde jedoch nur an Land. Sobald sich ein Boot im Wasser befindet, ist dies untersagt, weil es lebensgefährliche Folgen haben könnte.
Die neuen Passagiere versuchen an Bord zu klettern, was nicht allen gelingt. Mehrfach gleitet jemand an der hohen, glatten Bootswand ab und fällt zurück ins Wasser. Schon mit 40 oder 50 Personen sieht das Ganze alles andere als stabil aus. Die meisten sitzen auf dem Rand, das äußere Bein hängt an der äußeren Wand des Schlauches herunter. Hier und da steht sogar jemand. Bei der ersten niedrigen Welle geht im Gedränge sogleich jemand über Bord.
Darsan, der Kurde, wird später erzählen, dass er gar nicht erst versuchte, an Bord zu kommen. „Ich bekam auf einmal solche Angst, dass ich am ganzen Körper zitterte. Ich dachte an die Möglichkeit, dass ich es nicht überlebe.“ In den nächsten Tagen werden insgesamt acht Menschen den Versuch, per Schlauchboot nach England zu kommen, mit dem Leben bezahlen. Drei Männer werden am Strand gefunden, zwei davon in Hardelot. Wenig später werden zwei Frauen und ein Kind auf einem überfüllten Boot erdrückt. Auf einem weiteren sterben zwei Männer an Herzstillstand.

