Die Autorin Marceline Loridan-Ivens: Auf den Trümmern der Welt

von | 29.10.2026

Die Erinnerungen der Autorin, Regisseurin und Auschwitz-Überlebenden Marceline Loridan-Ivens kreisen um die Frage, ob Glück, Begehren und Bindung für jene, die dem Vernichtungslager entronnen sind, überhaupt noch möglich sind. Dabei wird auch die spezifische Verletzbarkeit des weiblichen Körpers deutlich.

Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Joris Ivens sitzend im Anzug, mit weit aufgerissenen Augen. Marceline Loridan-Evens, in Abendgarderobe, steht neben ihm und blickt seitlich freundlich auf ihn hinab.

„An seiner Seite wurden nach und nach die junge Frau und die Überlebende zu einer einzigen Person“: Marceline Loridan (rechts) über ihre Ehe mit dem linken niederländischen Regisseur Joris Ivens (links); das Foto wurde im Jahr 1989 aufgenommen. (Foto: Rob Croes/Anefo/Dutch National Archives)

Eine Auschwitz-Überlebende, die in Paris nach dem Glück fragte? In Frankreich weiß man sofort, wer damit gemeint ist: Marceline Loridan-Ivens! Sie war Schauspielerin, Regisseurin, Autorin und eine Chronistin globaler Zäsuren in den politisierten Zeiten der 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahre. Mit Simone Veil, die im selben Zug wie sie nach Auschwitz transportiert wurde, verband sie eine lebenslange Freundschaft. Mit ihrem feuerroten Haar und dem entwaffnenden Charme war sie auch eine Medienfigur – bis zuletzt. Sie starb am 18. September 2018 im Alter von 90 Jahren in Paris.

Untrennbar ist ihr Name mit der Rolle der Interviewerin in Jean Rouchs Dokumentarfilm „Chronik eines Sommers“ (1961) verbunden. Sie läuft mit Mikrofon durch die Straßen von Paris, um Passanten auf die Frage „Sind Sie glücklich?“ antworten zu lassen, bis sie an einer Stelle des Films damit beginnt, von sich selbst und ihrer Jugend im Lager zu erzählen. Im Studiogespräch fängt die Kamera die KZ-Nummer auf ihrem Handgelenk ein. Ein Monolog und ein Bild wuchteten die Judenvernichtung ins Bewusstsein des französischen Kinopublikums. Der Auftritt gilt als Auftakt der „Ära der Zeugen“.

1928 wurde sie als Marceline Rozenberg im französischen Enpa als Tochter polnischstämmiger Juden geboren. Die Eltern waren vor den antisemitischen Pogromen aus Polen geflohen. Der Vater sorgte als Inhaber einer Trikotagenfabrik für den Wohlstand der siebenköpfigen Familie.

Den Umschlag in die Katastrophe hielt sie in ihren Memoirenbüchern „Ma vie balagan“ (2008) und „Et tu n’est pas revenue“ (2015) fest. Während der Vater und die 15-jährige Marceline die Nazi-Schergen ablenkten, konnten sich Mutter und Geschwister auf dem Anwesen verstecken; sie entgingen der Deportation, litten aber lebenslang „an der Lagerkrankheit, ohne je im Lager gewesen“ zu sein.

Das Leben „danach“ der Auschwitz-Überlebenden bildet den eigentlichen Gegenstand ihrer Erinnerungen. „Et tu n’est pas revenue“ hat die Form eines Briefs an den im Vernichtungslager ermordeten Vater. Der Ton ist eindringlich, der Schmerz des Verlusts gegenwärtig. Das Buch erschien auch in deutscher Übersetzung (2015, im Suhrkamp Verlag), unter dem Titel „Und du bist nicht zurückgekommen“. Das Buch fand große Resonanz im deutschsprachigen Feuilleton – es war die späte Entdeckung der Autorin im Land der Täterschaft.

Die verschleppte Rezeption hat mehrere Gründe: Loridan-Ivens‘ Wirken über verschiedene Genres hinweg blieb lange Zeit unübersichtlich, und es fehlt der eine große Roman, der ihr Schicksal greifbar bündelt – auch weil sie sich erst im Alter ganz der Holocaust-Erinnerung widmen konnte. Die Mündlichkeit ihrer Zeugenschaft stand der deutschen Rezeption ebenfalls entgegen. Ähnlich wie in Deutschland Margot Friedländer sprach Joris-Ivens noch im hohen Alter in Talkshows, Schulen und Gedenkstätten über die Vergangenheit.

Auch ihr letztes Buch „L’amour – après“ kreist um das Weiterleben, zugespitzt auf die schonungslose Frage, ob Glück, Begehren und Bindung für eine Überlebende überhaupt möglich sind. In deutscher Übersetzung ist der schmale Band 2025 im Berliner Verlag Tiamat unter dem Titel „Liebe im Schatten von Auschwitz“ erschienen.

Der erzählerische Rahmen: In ihrer Tel Aviver Wohnung beginnt Loridan-Ivens mit dem, was neuerdings „Todesräumen“ genannt wird, dem Ordnen von Erinnerungsstücken im höheren Alter. Da ist sie 88 Jahre und fast blind. Die Schilderung, wie sie bei einer Lesung in Jerusalem plötzlich nahezu vollständig ihr Augenlicht verliert, leitet das Memoir ein. Eine Operation sowie ein Leseapparat mit Lupe ermöglichen es ihr, alte Dokumente zu sichten – Briefe, Fotografien, Aufzeichnungen aus der Nachkriegszeit, die sie in einem Koffer unter Verschluss gehalten hat.

Der Fokus auf dem Willen zur Selbstbestimmung macht dieses Buch gerade auch für eine jüngere Generation lesenswert.

Die Erinnerungen haben etwas Verwischtes, die Personen unscharfe Konturen. Oft erzählt sie von sich in der dritten Person, nennt sich „das Mädchen aus Birkenau“. Das Lager bleibt abstrakt, es geht darum, was es mit ihr gemacht hat und wie es in ihrem Leben als junge Frau nachwirkt. Die Wachen sind die ersten Männer, die sie nackt sehen, fortan ist jede Entblößung „für immer mit dem Befehl eines Nazis und seinem demütigenden Blick verbunden“.

Es geht um die kurze Ehe mit dem Ingenieur Francis (Loridan); um die Affäre mit dem antikolonialen Journalisten Jean-Pierre (Sergent); die komplizierte Liaison mit George (Perec), dessen aufschlussreiche Liebesbriefe sie im Buch zitiert; und die erfüllende Ehe mit dem sehr viel älteren Joris (Ivens), mit dem sie spektakuläre Dokumentarfilme realisiert. „Endlich war mein Körper nicht mehr der Einsatz“, sagt sie über die Verbindung zu dem linken niederländischen Regisseur. „Und an seiner Seite wurden nach und nach die junge Frau und die Überlebende zu einer einzigen Person.“

Eine weiblich anmutende Person mit langen schwarzen Haaren hält ihr Gesicht in ihrer Ellbogenbeuge verborgen.

(Cover: Edition Tiamat)

Der Feminismus bleibt wichtig. Es ist auch der einzige Ismus, von dem sie nicht wie von Stalinismus, Maoismus, Algerien-Aktivismus irgendwann enttäuscht ist. Sie beschreibt Auschwitz-Birkenau als eine Hölle, die sie zeitlebens mit sich schleppt und die ihre Nerven befehligt, zugleich aber auch als einen Ort radikaler Bindungslosigkeit. In dieser absoluten Isolation erfährt das Mädchen eine Form existenzieller Freiheit, hinter die die erwachsene Frau nicht zurück kann. Sie wählt sich Männer aus, die sie nicht bevormunden oder in ein bürgerliches Korsett zwängen wollen. Gleichzeitig sucht sie die Nähe zu jenen „Mädchen, die auf den noch rauchenden Trümmern der Welt das Los der Frauen gern neu verhandelt hätten“.

Der Vernichtungswahn galt jüdischen Männern und Frauen gleichermaßen. Der Holocaust-Roman, verbunden mit den Namen Primo Levi, Elie Wiesel, Imre Kertesz, ist aber mitgeprägt von den Traumata des männlichen Häftlings. Umso dringlicher sind die Berichte von Ruth Klüger, Cordelia Edwardson und eben Marceline Joris-Ivens, die neben universellen Erfahrungen auch die spezifische Verletzbarkeit des weiblichen Körpers beschreiben. In der Biographie von Loridan-Ivens liegen zudem zwei gegensätzliche Körpererfahrungen dicht beieinander: das Trauma des von erzwungener Nacktheit und verletzter Intimität geprägten Lageralltags und die sexuelle Freizügigkeit des Mai 1968. Diese Konstellation macht „Liebe im Schatten von Auschwitz“ zu einer Rarität. Das stilistisch feinfühlige Werk fügt dem Kanon der Holocaust-Literatur ganz eigene Nuancen hinzu. Der Fokus auf dem Willen zur Selbstbestimmung macht dieses Buch gerade auch für eine jüngere Generation lesenswert. Umso erstaunlicher, dass das Buch keine nennenswerte Resonanz gefunden hat. Der Verleger Klaus Bittermann weiß im Gespräch auch nicht zu sagen, warum es bisher so wenig Beachtung erfahren hat.

Wie schon „Und du bist nicht zurückgekommen“, entstand auch dieser Text mit „fremder“ Hilfe; unter Mitarbeit der jüngeren Journalistin Judith Perrignon, die lange Gespräche mit Loridan-Ivens führte und transkribierte. Das Verfahren der Co-écriture fügt dem Buch eine schwesterliche und transgenerationelle Dimension hinzu. Der Stil ist deutlich lebhafter, leichter, spontaner als im Brief an den Vater, der intensiver, eindrücklicher ausfällt. Das Liebes-Buch orientiert sich stark am gesprochenen Wort, an Loridan-Ivens’ beschwingter Art zu reden (viele ihrer Interviews kann man auf Youtube nachhören). Damit schließt sich der Kreis zu ihrem berühmten Monolog auf der Place de la Concorde mehr als sechs Jahrzehnte zuvor in dem Film von Jean Rouche. Es ist ein bewegendes und inspirierendes Dokument, das sehr viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Marceline Loridan-Ivens mit Judith Perrignon: Liebe im Schatten von Auschwitz. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer. Edition Tiamat, 144 Seiten.

Dat kéint Iech och interesséieren

NEWS

Pétrole : la guerre est une bonne affaire

Alors que la guerre contre l’Iran fait flamber les prix à la pompe, elle gonfle aussi les marges de l’industrie pétrolière : 36 milliards d’euros supplémentaires dans l’UE depuis le 1er mars, dont 210 millions au Luxembourg, d’après une étude commandée par Greenpeace Allemagne.