Im Europaparlament einen grünen Kurs in Sachen erneuerbare Energien vorgeben, das hat Claude Turmes geschafft. Doch manche seiner Vorschläge, von der Förderung von Elektro-Autos bis zu Energie-Partnerschaften, stimmen nachdenklich.

Solarparks jenseits des Mittelmeers sollen dazu beitragen, dass in Europa die Lichter anbleiben und die Autos weiterrollen können.
„Ein groĂźer Tag fĂĽr die erneuerbaren Energien“, freute sich der grĂĽne Europaabgeordnete Claude Turmes nach dem Votum am Donnerstag vergangener Woche. Mit fĂĽnfzig zu zwei hatte der Industrie-Ausschuss des Europaparlaments (EP) seinen Bericht zu den Kommissionsvorschlägen fĂĽr erneuerbare Energien (EE) angenommen. Im Sinne des Klimaschutzes ist das ein guter Anfang fĂĽr die weiteren Verhandlungen zwischen Parlament, Kommission und Regierungen ĂĽber den endgĂĽltigen europäischen Rahmen fĂĽr die EE. Denn in Turmes Bericht finden sich Verbesserungen gegenĂĽber den Kommissionsvorschlägen, die Kontrolle der EE-Ziele und die nationalen FördermaĂźnahmen betreffend.
„Es ist wichtig, dass die Potenziale, beispielweise der Sonnenenergie, lokal genutzt werden, und nicht nur dort, wo optimale Bedingungen herrschen. Deshalb mĂĽssen nationale Fördersysteme – vor allem die Einspeisetarife – geschĂĽtzt werden“, erläutert Turmes gegenĂĽber der woxx. Werden die Vorschläge des EP-Berichts umgesetzt, dann genieĂźen diese Systeme Schutz vor konkurrenzrechtlichen Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof. Auch die Forderungen des grĂĽnen Abgeordneten, ĂĽber das 20-Prozent-EE-Ziel fĂĽr 2020 hinaus nationale Zwischenziele und Strafmechanismen vorzusehen, wurden mehrheitlich angenommen. Hier war das Abstimmungsergebnis allerdings knapper: 20 Gegenstimmen, vor allem aus der konservativen Europäischen Volkspartei. „Wir hatten sie aber in andere Kompromisse eingebunden, so dass sie beim Endvotum den Bericht als Ganzes unterstĂĽtzt haben“, beschreibt Turmes sein Manöver.
Gescheitert ist dagegen, wie vorhersehbar, der Versuch, die Kommissionsvorgabe fĂĽr 2020 von zehn Prozent Agrokraftstoffen im Transportsektor zu kippen. Diese ĂĽber Jahre hinweg, auch von den GrĂĽnen, gehypten „Biotreibstoffe“ sind höchst umstritten, seit ihr Ausbau verantwortlich gemacht wird fĂĽr dramatische Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln. Immerhin hat sich Turmes mit der Forderung durchgesetzt, ein Zwischenziel von nur fĂĽnf Prozent fĂĽr 2015 anzupeilen und das Endziel zu diesem Zeitpunkt neu zu diskutieren. „Von der Biodiesel-Lobby werde ich deshalb als Ayatollah bezeichnet“, berichtet der Europaabgeordnete. „Aber die Nachfrage nach Lebensmitteln durch die aufstrebende Mittelklasse im SĂĽden wird den Druck auf Agrarflächen weiter erhöhen. Die Erzeugung von Nahrungsmitteln muss deshalb erste Priorität sein.“
GrĂĽne Visionen
Seine Vorstellungen, woher die Energie kommen soll, wenn weder aus den fossilen Reserven noch von den Feldern, hatte Claude Turmes bereits vor dem Votum der luxemburgischen Presse präsentiert. „Die im Norden Europas bestehenden und geplanten Offshore-Windkraftanlagen werden mehr Strom erzeugen als 50 AKW. Das lässt das so genannte Atomkraft-Revival alt aussehen, mit schlimmstenfalls acht Neubauten“, triumphierte der grĂĽne Politiker. In der Tat peilt das europäische Netzwerk TP-Wind eine Gesamtleistung von 300 Megawatt fĂĽr 2030 an. Bedingungen hierfĂĽr seien allerdings gute Anschlussbedingungen und ein stärker integrierter Strommarkt, so TP-Wind. Ăśber Hochspannungs-Gleichstrom-Kabel sollen die skandinavischen Wind- und Wasserkraftanlagen mit dem Rest Europas verbunden werden.
Solche Kabel könnten auch dazu dienen, im Rahmen von Projekten wie der „Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation“ (Trec) Solar- und Windstrom aus den weniger entwickelten Ländern jenseits des Mittelmeers nach Europa zu bringen. In Zeiten geopolitischer Spannung mĂĽsse man die Potenziale bei den europäischen Nachbarn einbeziehen, so Turmes. „Der SĂĽden Marokkos gehört zu den besten Windregionen weltweit“, schwärmt er. Auf den neokolonialen Beigeschmack solcher Vorhaben angesprochen, verweist Turmes darauf, dass die Teilnahme fĂĽr diese Länder freiwillig sei. „Es geht nicht nur darum, zu investieren, sondern auch zusammenzuarbeiten“, fährt der Europaabgeordnete fort. „Ein Teil der erneuerbaren Energie soll nicht exportiert, sondern dort genutzt werden. AuĂźerdem profitieren diese Länder von den Technologie-Transfers.“
Doch nicht nur in den Kraftwerken mĂĽssen fossile Energieträger ersetzt werden, auch die Mobilität der Zukunft soll zunehmend auf Erdölprodukte verzichten. Statt auf Agrotreibstoffe setzt Turmes ebenfalls auf Strom aus erneuerbaren Quellen: Mit grĂĽnem Strom betriebene Elektro-Autos sollen helfen, den CO2-AusstoĂź im Transportsektor zu senken. „Das Auto der Zukunft fährt mit erneuerbarer Energie“, so Turmes. Auch hier kann man Bedenken anmelden: Abgesehen davon, dass die Elektro-Autos noch längst nicht marktreif sind, wird der von diesen Autos verbrauchte grĂĽne Strom nicht fĂĽr andere Anwendungen zur VerfĂĽgung stehen. AuĂźerdem benutzt die Industrie das Zauberwort Elektro-Auto seit langem, um zu suggerieren, der Individualverkehr in seiner jetzigen Form lasse sich dauerhaft aufrechterhalten. Ist das grĂĽne Elektro-Auto also nur eine technokratische Sackgasse, wie zuvor die „Biotreibstoffe“? „Nicht doch“, wehrt sich Turmes, „Elektromobilität schlieĂźt den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel Zug, Tram und Bus ein.“ Bei den Personenkraftwagen möchte er wegkommen vom Besitzbegriff und statt dessen Elektroautos im Car-Sharing anbieten.
Green Benelux
Anfang des Jahres, als die Kommission ihre Vorschläge zum Klimaschutz vorgelegt hatte, sah Umweltminister Lucien Lux hierin einen richtigen Schritt fĂĽr die Menschheit – und ein groĂźes Problem fĂĽr sein Land. Unter anderem wegen des fĂĽr 2020 angestrebten Anteils an erneuerbaren Energien, obwohl doch Luxemburg mit elf Prozent weit weniger als der europäische Durchschnitt von 20 abverlangt wurde. Anders als Lux sieht Turmes in dieser Vorgabe vor allem Chancen.
Wenn Luxemburg nämlich massiv in Energieeffizienz und EE investiere, so der grĂĽne Politiker, schaffe dies volkswirtschaftlichen Mehrwert, Arbeitsplätze und Know-how vor Ort. Die Stahlindustrie werde sowieso vom Windkraftboom profitieren – fĂĽr diese Anlagen brauche es viel Stahl, noch dazu von hoher Qualität. Auch der Finanzplatz könne an dem zu erwartenden Rush auf die grĂĽnen Investmentfonds teilhaben, falls er sich rechtzeitig positioniere. Als „Juwel“ bezeichnete Turmes das Speicherkraftwerk Vianden. Solche Anlagen sind wichtig, um die Unregelmäßigkeiten bei der EE-Erzeugung abzufedern. Vianden solle endlich Luxemburg Geld einbringen, statt nur der RWE, so Turmes.
Doch der Europaabgeordnete denkt nicht nur in nationalen Kategorien. Damit Luxemburg sein Elf-Prozent-Ziel erfĂĽllen kann, schlägt er eine „Green Benelux“-Strategie vor: „Eine verstärkte Zusammenarbeit mit Belgien und den Niederlanden wĂĽrde Luxemburg ermöglichen, am Windenergie-Boom in der Nordsee teilzuhaben.“ Damit könnte sich das GroĂźherzogtum von den französischen und deutschen Energiekonzernen und deren Kohle- und Atompolitik emanzipieren, so die Hoffnung. Doch das wĂĽrde bedeuten, dass Luxemburg einen Teil der energiepolitischen Anstrengungen auslagert, sich sozusagen freikauft. „Die Hausaufgaben mĂĽssen zuerst gemacht werden“, stellt Turmes klar. Die von der EU vorgesehene Möglichkeit, einen Teil der elf Prozent EE zu importieren, dĂĽrfe nicht dazu fĂĽhren, dass das nationale Potenzial nicht voll genutzt werde. Der grĂĽne Europaabgeordnete scheint die grundsätzliche Ablehnung des „Freikaufens“ durch seine Partei in der Vergangenheit zu bedauern: „Neu ist, dass wir jetzt auch schlĂĽssige Konzepte fĂĽr Investitionen auĂźerhalb Luxemburgs vorlegen.“ Wie beim Klimaschutz mĂĽsse Luxemburg notgedrungen darauf zurĂĽckgreifen. „Wir sind nämlich die Nummer Eins in Sachen Energieverschwendung und NachzĂĽgler beim Ausbau der erneuerbaren Energien“, fĂĽgt er bedauernd hinzu.

