LICHTVERSCHMUTZUNG: Sonne, Mond und keine Sterne

von | 07.08.2009

Seit Urzeiten fasziniert der Sternenhimmel die Menschen. Nun aber drohen Himmelsobjekte, die man bislang mit bloßem Auge erkennen konnte, im nĂ€chtlichen Lichtermeer zu versinken. Zu viel Licht in der Nacht hat auch andere weit reichende Konsequenzen.

Die Richtung und der Winkel des Lichteinfalls sind maßgeblich dafĂŒr, wie viel Licht verloren geht.

„Die Sterne, die begehrt man nicht, Man freut sich ihrer Pracht, Und mit EntzĂŒcken blickt man auf, In jeder heitern Nacht“, schrieb einst Johann Wolfgang v. Goethe in einem Gedicht. Sterne haben die Menschheit seit jeher fasziniert: man beobachtete sie, gab ihnen Namen, orientierte sich an ihnen. Auf hoher See diente frĂŒher der Polarstern als Wegweiser der Himmelsrichtung Norden, denn er ist der einzige Stern, der seine Position kaum verĂ€ndert. Hat man das Sternbild des „Großen Wagen“ entdeckt, so verlĂ€ngert man den Abstand der letzten beiden Sterne um das FĂŒnffache nach oben und erreicht den Polarstern, der gleichzeitig die Spitze des „Kleinen Wagens“ bildet. So einfach ist das aber heutzutage nicht mehr. Denn wenn die Menschen frĂŒherer Zeiten Angst davor hatten, dass ihnen die Sterne auf den Kopf fallen könnten, so mĂŒssen die heutigen befĂŒrchten, viele gar nicht erst zu erblicken. In manchen großen StĂ€dten ist der Polarstern vom Nachthimmel verschwunden ? trotz wolkenlosen Himmels. Auch die Milchstraße, unsere Heimatgalaxie, ist vielerorts nicht mehr zu erkennen.

Schuld daran ist die Lichtverschmutzung. Bei dieser handelt es sich nicht, wie man zunĂ€chst vermuten könnte, um verunreinigtes Licht, sondern das Licht selbst stellt die Verschmutzung dar. Das Wort ist die genaue Entsprechung des Fachterminus „light pollution“, der erstmals in den Vereinigten Staaten verwendet wurde. Eine prĂ€zise Definition des Begriffs gibt es nicht, aber gemeint sind ĂŒberflĂŒssige oder schĂ€dliche Lichtemissionen, die durch kĂŒnstliche Lichtquellen hervorgerufen werden. Dieses kĂŒnstliche Licht hellt durch Streuung, Blendung und unerwĂŒnschten Einfall den Nachthimmel auf und „verschmutzt“ dadurch das natĂŒrliche Licht. In BallungsrĂ€umen hat sich hierfĂŒr die Bezeichnung „Lichtsmog“ etabliert. Die den Zeitraum 1992 bis 2002 abdeckenden Aufnahmen der MilitĂ€rsatelliten des US-amerikanischen „Defense Meteorological Satellite Program“ (DMSP) belegen, dass in Mitteleuropa in wachsendem Maße kĂŒnstliches Licht in das Weltall abgestrahlt wird.

Auch die Milchstraße, unsere Heimatgalaxie, ist vielerorts nicht mehr erkennbar

Auch von der Erde aus lĂ€sst sich die Lichtverschmutzung nachweisen. „Messen kann man dies entweder visuell durch die Sternensichtbarkeit mithilfe der Borte-Skala oder sensorisch durch ein Lightmeter. Eine Sichtbarkeit unter fĂŒnf Magnituren, wie hier in SaarbrĂŒcken, gilt als extreme Lichtverschmutzung“, erklĂ€rt Andreas Steinel, Student der UniversitĂ€t SaarbrĂŒcken und begeisterter Astro-Fotograf. Marc Mathay vom Verein „Astronomes Amateurs du Luxembourg“ (AAL) veranschaulicht dies an einem Beispiel: „Der Vollmond in einer Winternacht wĂ€re schon Lichtverschmutzung, aber unter ein Lux, die Straßenbeleuchtung hat zehn bis zwanzig Lux“.

In der Tat ist die Straßenbeleuchtung eine der Hauptursachen der Lichtverschmutzung. UnzĂ€hlige unnötige Straßenlampen und schlecht abgeschirmte Laternen blenden statt zu beleuchten. SchĂ€tzungen zufolge wird dadurch der Nachthimmel um bis zu fĂŒnfzig Prozent aufgehellt. Das Argument der höheren Verkehrssicherheit, das zur Rechtfertigung vorgebracht wird, ist nicht stichhaltig. Denn trotz beleuchteter Autobahnnetze in den Benelux-Staaten, ist die Zahl der Verkehrsopfer vergleichbar mit der anderer europĂ€ischer LĂ€nder ohne Autobahnlaternen. „Beleuchtung bedeutet meistens fĂŒr die Autofahrer: ich kann schneller fahren!“, sagt Mathay. Ein eindeutiger Zusammenhang besteht aber zwischen der Bevölkerungsdichte und dem Ausmaß der Lichtverschmutzung. In wachsenden Ortschaften und neuen Industrie- und Handelszonen werden logischerweise zusĂ€tzliche Straßenlampen aufgestellt. BallungsrĂ€ume, wie etwa das deutsche Ruhrgebiet, sind nach wie vor am stĂ€rksten betroffen. Nicht nur werden alle Kirchen und Monumente fĂŒr den Tourismus in Szene gesetzt, auch die immer auffĂ€lligeren Lichtreklamen und Sky-Beamer von Privatbetrieben betreiben den Wettlauf mit der Konkurrenz. Oft wird mit erhöhter Sicherheit gegenĂŒber KriminalitĂ€t argumentiert, doch lĂ€sst sich nicht belegen, dass hier ein Zusammenhang besteht.

All dies fĂŒhrt dazu, dass ein FĂŒnftel der Menschheit einen ergrauten Sternenhimmel vor den Augen hat – darunter jeder zweite EuropĂ€er. Ein Drittel der Deutschen hat die Milchstraße noch nie zu Gesicht bekommen, denn Galaxien, Kometen und Polarlichter verschwinden zuerst von der nĂ€chtlichen BildflĂ€che. Im Extremfall sind von 3000 bis 4000 Sternen nicht einmal 100 zu sehen. „Den Originalhimmel gibt es nirgends mehr in Luxemburg, ĂŒberall brennt das Licht die ganze Nacht“, betont Mathay. Um einigermaßen brauchbare Beobachtungsbedingungen zu finden, mĂŒssen viele Amateurastronomen weite Strecken zurĂŒcklegen. Dies kann Steinel fĂŒr sich nur bestĂ€tigen: „Ich kenne im Saarland wenige Orte, in denen man die Milchstraße gut erkennen kann, und diese Orte sind weit weg von jeder grĂ¶ĂŸeren Stadt“.

„Lichtverschmutzung geht jeden an: es wirkt sich auf das Ökosystem aus, es ist eine Energieverschwendung, ein ĂŒbermĂ€ĂŸiger CO2-Ausstoß und eine Geldverschwendung“

Die Liste mit den Folgen ist noch lĂ€nger. In der Natur dient Licht als Orientierungshilfe und Zeitgeber. Eine ĂŒbermĂ€ĂŸige Beleuchtung beeinflusst Tiere und Pflanzen in ihren natĂŒrlichen Prozessen: Zugvögel werden abgelenkt, Singvögel prallen gegen GebĂ€udefassaden, nachtaktive Insekten schwĂ€rmen um Lichtquellen. SchĂ€tzungen zufolge verenden in einer Sommernacht pro Straßenlaterne 150 Insekten. Wir Menschen nehmen ĂŒbermĂ€ĂŸig viel Licht nicht sofort wahr, da das menschliche Auge sich schnell an unterschiedliche LichtverhĂ€ltnisse adaptiert. Aber schon die geringste Helligkeit in der Nacht kann die Produktion des Schlafhormons „Melatonin“ beeintrĂ€chtigen und damit das Krebsrisiko erhöhen. „Lichtverschmutzung geht jeden an: sie wirkt sich auf das Ökosystem aus, ist Energie- und Geldverschwendung, und verursacht einen ĂŒbermĂ€ĂŸigen CO2-Ausstoß „, ergĂ€nzt Mathay.

Es ist mehr als einleuchtend, dass die Lichtverschmutzung eine Form von Umweltverschmutzung ist. Es scheint jedoch nicht hinreichend klar zu sein, dass man auch etwas gegen sie tun muss. Die ersten Schritte auf diesem Weg sind gar nicht so schwer: auf ĂŒberflĂŒssige Beleuchtung verzichten, Lichtquellen richtig positionieren und nur so lange eingeschaltet lassen wie erforderlich. Seitens der EU gibt es zwar einheitliche Mindestanforderungen an die Straßenbeleuchtung, Maximalwerte wurden jedoch noch nicht festgelegt. Auf internationaler Ebene ist der Verein „International Dark Sky Association“ (IDA) aktiv, und die deutsche „Fachgruppe Dark Sky“ versucht mit ihrer Homepage, dieses Thema immer mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rĂŒcken.

Auch in Luxemburg hat man eine Initiative gestartet. So hat der AAL in Zusammenarbeit mit dem „MusĂ©e national d’histoire naturelle“ und dem „Mouvement Ecologique“ eine BroschĂŒre auf Luxemburgisch herausgebracht, die auf das Problem der Lichtverschmutzung aufmerksam machen soll. „Wir hoffen sehr, dass, wenn es wieder lĂ€nger dunkel ist, sie den Menschen auffĂ€llt“, betont der AAL. Denn die Regierung und Stadtverwaltung haben lediglich Kenntnis davon genommen. Besonders in diesem Jahr, dem „Internationalen Jahr der Astronomie“, haben Astronomen das Thema der Lichtverschmutzung aufs Tapet gebracht, weil diese unter anderem astronomische Beobachtungen stark beeintrĂ€chtigt. FĂŒr kommenden Freitag sind die Perseiden, Sternschnuppen im Sternbild „Perseus“, vorausgesagt. Aber „Sternschnuppen sind auch eine Kategorie, die stark von der Lichtverschmutzung betroffen ist“, so Mathay. Wer sich selbst davon ein Bild machen möchte, kann am 14. August ohne Voranmeldung in Beidweiler durch ein Teleskop blicken, um das zu sehen, was die Lichtverschmutzung zum Sehen noch ĂŒbriggelassen hat.

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