HOCHOFEN BELVAL: Der Countdown läuft

von | 05.01.2007

Nur noch wenige Tage bis zum Schleifen der Hochöfen auf Esch Belval. Der Prozess bis zum Abriss der Hochöfen statuiert ein fragwürdiges Exempel in puncto Informationspolitik.

Kann ein Ofen so alt aussehen? (Foto: Christiane Walerich)

Einige Urlaubsheimkehrer mögen sich erstaunt die Augen reiben, wenn sie bei ihrer Rückkehr die Bagger am Industriedenkmal der Montanunion vorfinden werden. Strategisch geschickt wird die allgemeine Flaute des Jahreswechsels genutzt, um endlich zur Tat zu Schreiten: Am Montag den 15. Januar soll mit den Abrissarbeiten auf Esch Belval begonnen werden entsprechend dem von der Regierung votierten Sanierungsszenario.

Bereits im September 2006 hatte sich abgezeichnet, dass die zuständigen Minister nicht mehr von ihrem Vorsatz abrĂĽcken wĂĽrden, Hochofen A integral und Hochofen B nur noch als Silhouette zu erhalten. In dreifacher Verstärkung waren sie angerĂĽckt, Staatssekretärin Octavie Modert, Kulturminister François Biltgen sowie Bautenminister Claude Wiseler, um zu signalisieren, dass an der vorliegenden Kompromiss-Variante zum Erhalt der Hochöfen nicht mehr groĂź gerĂĽttelt wĂĽrde. Einen entscheidenden Schritt in diese Richtung vollzog sich am 8. Dezember, als die Escher BĂĽrgermeisterin Lydia Mutsch die schriftliche Genehmigung an den Fonds Belval erteilte, „de dĂ©manteler partiellement certaines installations industrielles des Hauts-Fourneaux A & B de Belval-Ouest dans le cadre de leur conservation“. Noch im Dezember, hat der Fonds Belval intern das Datum des Abrisses verlauten lassen.

Im Alleingang

Blanche Weber, Präsidentin des Mouvement Ecologique, wundert sich, dass die „rot-grĂĽne Escher Regierung uns nichts ĂĽber die anstehenden Abrissarbeiten gesagt hat“. Gerade der MĂ©co hatte sich im vergangenen Jahr unter anderem mit der Kampagne „Ne commettons pas l’irrĂ©parable – Osons le futur“ fĂĽr den Erhalt der Hochöfen als Industriedenkmal und gewachsene Struktur mit einmaligem Charakter stark gemacht. Dabei ging es dem Mouvement nicht nur um die Prinzipienfrage, wie mit eigener Vergangenheit umgegangen wird. Vielmehr wurden die Hochöfen fĂĽr den MĂ©co im Laufe der Diskussionen zunehmend zu einer „grundlegenden Frage der Demokratie in unserem Land“. Diese Kritik wandte sich gegen die Art, wie das Dossier zum Erhalt der Hochöfen vom Fonds Belval und somit implizit auch vom Staat gehandhabt wurde. Anstatt eine breite Diskussion anzukurbeln, hat sich der Fonds Belval laut MĂ©co als Ă©tablissement public wie ein Staat im Staate benommen: Bei dem von ihm ausgearbeiteten und von der Regierung votierten Kompromissvorschlag seien weder die Meinung der Verantwortlichen von Sites et Monuments, noch die kurzzeitig einberufene Arbeitsgruppe und schon gar nicht die im Ausland eingeholten Gutachten berĂĽcksichtigt worden.

Die Kostenaufstellung des Fonds Belval erweise sich nicht als nachvollziehbar und orientiere sich ausschlieĂźlich an einem rein technischen Kostenvoranschlag der Firma Paul Wurth. Auch sei von Anfang an nicht transparent gewesen, inwieweit die Hochöfen als Denkmal, museale Nutzung oder Hintergrundkulisse fĂĽr die Stadtentwicklung dienen. „Als Mouvement Ă©cologique haben wir vom Staat keine zusätzlichen Gelder fĂĽr den Erhalt der Hochöfen gefordert“, so Blanche Weber und kritisiert das Vorgehen der Zuständigen, der Ă–ffentlichkeit den abgestimmten Entwurf als sauberen Kompromiss zu verkaufen: Weder DenkmalschĂĽtzer noch Historiker seien bei der Entscheidungsfindung einbezogen worden, die Kostenrechnung von veranschlagten rund 49 Millionen Euro fĂĽr Instandsetzung und Unterhaltskosten fĂĽr 30 Jahre sei nicht durch Gegenexpertisen ĂĽberprĂĽft worden. Auch hätte man das Areal ohne Probleme in den noch laufenden Architekturwettbewerb der citĂ© universitaire einbeziehen können, bevor man abreiĂźt. „Die Politiker scheinen nicht den Mut zu haben, eine einmal getroffene Entscheidung in Frage zu stellen“, stellt Weber fest. In der Tat sind die politisch Zuständigen im Moment nicht sehr aussagefreudig: Die Escher BĂĽrgermeisterin Lydia Mutsch ist diese Woche nicht zu erreichen. Der beigeordnete Leiter des Fonds Belval, Mario Schweitzer will keine Auskunft geben und verweist eine Etage höher auf den Zuständigen im Kulturministerium, Germain Dondelinger, der wiederum nicht zu sprechen ist. Im Sites et monuments ist der Zuständige fĂĽr das Patrimoine industriel, Jean-Claude Schumacher, noch verreist.

Abstriche machen

„Wir setzen uns weiterhin fĂĽr die Teile des Hochofens ein, von denen wir nicht wissen, ob sie bleiben oder nicht“, so Robert Gales, Präsident der ‚Amicale des hauts-fourneaux A et B‘. Die Amicale, bestehend aus rund 250 Mitgliedern, darunter viele, die selbst in den Hochöfen gearbeitet haben und diese wie ihre Westentasche kennen, war wie der MĂ©co in den vergangenen Monaten sehr aktiv, um fĂĽr die Hochöfen zu streiten. Doch mittlerweile hat auch sie einige Abstriche oder Zugeständnisse gemacht: Nach etlichen Interventionen unter anderem beim OGBL, den LSAP-Abgeordneten John Castegnaro und Roland Schreiner sowie beim Minister François Biltgen und der BĂĽrgermeisterin Lydia Mutsch, bei denen die Amicale ursprĂĽnglich noch um den integralen Erhalt beider Hochöfen als Visualisierung eines unterschiedlich technischen Entwicklungsstandes geworben hat, hat sie nach und nach das Feld geräumt. Nachdem sich herauskristallisierte, dass das von der Regierung privilegierte Sanierungsmodell den Erhalt des nach englischem Konzept entworfenen Hochofen A vorsah, wogegen der Hochofen B nur als Silhouette Bestand haben sollte, schwenkte die Amicale – nach eigenen Aussagen auch aus Einsicht in die hohen Erhaltungskosten – in die Entweder-A-oder-B-Schiene der Regierung ein. Sie machte sich nun zumindest fĂĽr den Erhalt des Hochofens B stark, der als Entwurf von Paul Wurth ein Meilenstein in der Luxemburger technologischen Entwicklung darstellte.

Augenwischerei

Immerhin hatte die Amicale einiges erreichen können: etwa, dass die weltweit exportierte Erfindung von Edouard Legille der sogenannte „gueulard sans cloches“ im Hochofen B, der erstmals die kontinuierliche und gezielte BefĂĽllung des unter Druck stehenden Ofens ermöglichte, erhalten bleibt, ebenso wie die Gas- und Windleitungen. Dennoch rĂĽckte die Regierung insbesondere aus städtebaulichen GrĂĽnden nicht mehr von dem votierten Sanierungsmodell ab. Möglicherweise waren die fĂĽr den Entschluss angefĂĽhrten urbanistischen Aspekte letztlich rein pragmatisch begrĂĽndet: Hochofen A befindet sich im Gegensatz zum Ofen B eher am Rande des Bauareals und stört somit weniger.

Die Amicale forderte im September in einem Memorandum, dass wenigstens alle Anlageteile des Hochofens A integral erhalten bleiben sollten, die den Prozess des Schmelzens veranschaulichen. Dies ist nach den technischen Abrissplänen des Fonds Belval – entgegen der Beteuerungen der Regierung – nicht garantiert. „Et gĂ«t keen HĂ©ichuewen komplett erhaalen!“- so das Fazit der Amicale im Memorandum. Entgegen der Versprechungen von Minister Biltgen, sei etwa das Maschinenhaus „den mechanĂ«sche Bijou vun all HĂ©ichuewen“ laut Amicale nicht mehr bei den erhaltenswerten Elementen des Architekturplanes zu finden – ebenso wie „d’Pompenhaus an d’Waasserkiller“ und das „GranulĂ©ierbecken mat de Kranen“. Weiter sei unklar, was mit Elementen wie „d’Bleeder, den Aufzugspoulien, de Clochestaangen …“ des Hochofen A passiert. Statt dass der Fonds Belval endlich klare und verbindliche Informationen und Angaben liefert, was stehen bleibt und was nicht, ist das einzig Eindeutige, was auch die Amicale erfährt, der Beginn der Abrissarbeiten. „Dat waat elo stoĂ« bleift as keen HĂ©ichuewen mĂ©i mais nĂ«mmen nach d’Carcasse“, so die Amicale. Kritisiert wird der Widerspruch der Regierung, einerseits wesentliche Anlageteile des Hochofens A abzureiĂźen, um andererseits anhand von Projektionen im so genannten Centre National de la Culture Industrielle (CNCI) den Verlauf des Schmelzvorganges zu visualisieren. UnglĂĽcklich sei hier auch, dass dieses Zentrum unmittelbar an den Hochofen A angebaut wird: „RonderĂ«m den HĂ©ichuewen A gi nai GebaiĂ«r a Passagen gemet, sou dass um Enn keen HĂ©ichuewesite mĂ©i do steet, mais daat Ganzt Ă«mmer mĂ©i op e nait Disneyland erauskĂ«nnt.“ In dieses Disneykonzept passt denn auch der geplante Panoramalift auf Hochofen A, der die einzelnen Geschosse hochfährt. „Dobäi as op deenen meeschten PlanchĂ©’en näischt mĂ©i ze kucken well alles ofgerappt as“, so die Amicale.

François Biltgen versprach, sowohl bei der Planung als auch bei der Umsetzung des Projektes auf die hohe Sachkenntnis der Mitglieder der Amicale zurückzugreifen und diese im Rahmen des Architekturwettbewerbes anzuhören. Auch der Fonds Belval zeigte sich in der letzten Phase entgegenkommend und stellte der Amicale die Möglichkeit in Aussicht, ein Inventaire der erhaltenswürdigen Elemente aufzustellen. Ob sie sich von der Regierung nicht über den Tisch gezogen fühlen und nun auch noch zum Handlanger der Zerstörung werden, verneinte Guy Bock, Sekretär der Amicale und ehemaliger Produktionsobermeister der Hochöfen gegenüber der woxx. Man werde sich engagieren, auch um zu verhindern, dass irgendeine Montagefirma anrückt.

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