Neue Studios, neuer Direktor, neues Programm. Vieles ändert sich beim soziokulturellen Radio, das nach zwei Jahrzehnten den Weg aus der Nische sucht.
Aller Anfang ist schwer: Als „100komma7“ im September 1993 endlich auf Sendung gehen durfte, war seine namensgebende Frequenz eigentlich noch durch den Platzhirsch RTL Radio besetzt. Die in den 1980er Jahren fĂĽr Luxemburg international ausgehandelte Zuteilung der Radio-Frequenzen trug der zu jener Zeit sich anbahnenden Liberalisierung des Radios kaum Rechnung. Als Folge davon waren die landesweit nutzbaren Frequenzen ĂĽberhaupt nicht auf die, Anfang der 1990er Jahre auch rechtlich fixierte, Neugestaltung der Radiolandschaft zugeschnitten.
Die etwas frĂĽher an den Start gegangenen privaten Regionalsender hatten es daher mit kompliziert koordinierten Doppelfrequenzen zu tun; bei allen gab es mehr oder weniger groĂźe Funklöcher und andere Probleme, die bis heute andauern. Der „Sozio“ musste warten und „durfte“ dann zunächst nur auĂźerhalb der fĂĽr RTL so wichtigen Primetime auf Sendung – nachmittags ab 14 Uhr.
Kein Wunder, dass die Entwicklung des Senders nur schleppend voran-ging. Der erste Direktor, Jean-Marie Meyer, warf nach wenigen Monaten das Handtuch und wurde kurzfristig durch den Filmemacher Paul Kieffer ersetzt. Der saĂź zuvor beratend im Verwaltungsrat des neuen Radios und war bereit, fĂĽr begrenzte Zeit die Leitung zu ĂĽbernehmen.
Als dann Fernand Weides 1994 als „richtiger“ Direktor berufen wurde, begann die Abnabelung vom groĂźen Bruder RTL, bei dem der Sender als Untermieter logierte. Erste eigene Studios entstanden in einem Wohnhaus in der route de Longwy, an ihre Stelle traten später die ehemaligen Gebäude der Miami-University in der avenue Monterey, die zu mehr oder weniger brauchbaren Studios umgebaut wurden.
Die Anfangsphase des Radios war geprägt durch politische Angriffe. Besonders die DP Abgeordnete Anne Brasseur stellte die Berechtigung der Budgetdotierung des Senders, auch angesichts der niedrigen Einschaltquoten, wiederholt in Frage. Das von dem 1989 verstorbenen sozialistischen Kulturminister Krieps initiierte Projekt eines öffentlich-rechtlichen Kultursenders, als Pendant zum kommerziellen Privatfunk, war nicht wenigen ein Dorn im Auge. Dass sich das Konzept an ähnlichen Programmen in unseren Nachbarländern orientierte, die sich dort seit Jahrzehnten bewährt hatten, störte die Kritiker nicht.
„Fernand Weides hat es damals geschafft, diesen Diskussionen ein Ende zu setzen“, so der neue Direktor Jean-Paul Hoffmann, der seinen Dienst vor etwas mehr als drei Wochen angetreten hat. Der studierte Journalist war während der vergangenen 14 Jahre fĂĽr die Kommunikation des Satellitenbetreibers SES verantwortlich. Davor arbeitete er als Redakteur beim LĂ«tzebuerger Land und war zuletzt dessen Direktor.
Seinen beruflichen Wechsel sieht Jean-Paul Hoffmann nur zum Teil als eine Art „retour aux sources“. Anders als sein Vorgänger will er nicht unbedingt auch zum Mikro greifen oder gar Journalismus betreiben. Er werde die nächste Zeit auf seine eigene Einarbeitung verwenden. Das Radio verfĂĽge ĂĽber ein breit aufgestelltes Team von professionellen MitarbeiterInnen, fĂĽr die es darum gehe, die besten Voraussetzungen fĂĽr ihre Arbeit zu schaffen.
Was das materielle Umfeld angeht, so kann der neue Direktor von der zwei Jahrzehnte währenden Aufbauarbeit profitieren. Die neuen Räumlichkeiten des 100komma7 auf Kirchberg sind, wie Radiomacher sie sich nur wĂĽnschen können. Zwar war das Gebäude Nummer 21A in der avenue J. F. Kennedy ursprĂĽnglich nicht fĂĽrs Radiomachen gedacht, sondern als reines BĂĽrogebäude konzipiert worden, doch ist dem Sender nun, assistiert von ausländischen Fachfirmen und beraten von Sendeanstalten aus den Nachbarländern, eine moderne und, zeitgerecht nĂĽchterne, Arbeitsstätte gelungen. Hier wurde wohl an alles gedacht – bis hin zu den in Luxemburgisch verfassten Hinweisschildern. Mit dem neuen Vermieter, dem Fonds du Kirchberg, wurde ein Mietvertrag ĂĽber 10 Jahre geschlossen.
„Wenn wir die ganzen anfänglichen Planungsgespräche mit einbeziehen, hat es gut drei Jahre gedauert, bis wir umziehen konnten“, erklärt der Leiter der Informationstechnologie, Pascal Tesch, der den Umzug des Radios koordiniert hat, gegenĂĽber der woxx. 3,64 Millionen hat der ganze SpaĂź gekostet – RĂĽckbau der alten Studios und Umzug inbegriffen. FĂĽr Jean-Paul Hoffmann ist die Investition ein „politisches Statement“: Mit diesen professionellen Studios gebe die öffentliche Hand ein klares Bekenntnis zu dem Sender und seiner weiteren Entwicklung ab.
4,8 Millionen
Mit einer Dotierung von 4.8 Millionen fĂĽr die laufenden Kosten aus dem Budget des Kulturministeriums (Gesamtetat 2013: 105,7 Millionen) ist der Sender zwar eine der größeren, aber keineswegs die teuerste kulturelle Insti-tution des Landes. Philharmonie und Sinfonisches Orchester – deren budgetäre Mittel 2013 erstmals gebĂĽndelt wurden – erhalten zusammen etwas ĂĽber zwanzig, das nationale historische Museum 9,0 und das Mudam 6,6 Millionen Euro, um nur einige Beispiele zu nennen.
Doch so perfekt sich das Umfeld auch darstellt, so gewaltig ist der Aufgabenberg, dem sich der neue Direktor gegenĂĽbersieht. Dass der Sender (mit zuletzt 3,5 Prozent) längst nicht die Reichweite hat, die dem bereit gefächerten Programm eigentlich zukommt, ist wohl auch auf eine hauseigene Mentalität zurĂĽckzufĂĽhren. Das von dem Satireblatt Feierkrop als „Geheimsender“ verballhornte Programm scheint erst in letzter Zeit aus seiner (selbstverschuldeten?) Isolation treten zu wollen. So wurden Affären, wie der Cargolux-Deal oder der SpĂ«tzeldĂ«ngscht, von 100komma7-JournalistInnen minutiös aufgearbeitet. Dass man im Bereich Information „Gas gegeben“ habe, sei durchaus konform mit dem gesetzlichen Auftrag des Radios, bestätigten die Verantwortlichen.
Doch die erweiterten Anstrengungen fanden im bekannten programmatischen Rahmen statt. Der Schritt zu mehr Hintergrund war keine Top-Down-Entscheidung, wie es aus dem Redaktionsteam herauszuhören ist. Vielmehr stimmten sich die KollegInnen unter-einander ab, um so die eine oder andere tiefgehende Recherche möglich zu machen.
Sollte der Sender sein Informationsangebot ĂĽber das bisherige MaĂź hinaus ausweiten wollen – etwa durch mehr Nachrichtensendungen im Laufe des Tages und ein reguläres Nachrichtenangebot an den Wochenenden – stellt sich auch die Frage nach der personellen Aufstockung, und folglich nach den budgetären Mitteln, die dafĂĽr eingesetzt werden.
Doch Hoffmann muss sich nicht nur in puncto Personal mit einem festgelegten Budget herumplagen: Er will als zweites Standbein des Radios dessen Internet-Plattform ausbauen. Gerade fĂĽr einen Radiosender, der viel auf Hintergrund setzt und deshalb auch längere Sendeformate anbietet, sei es wichtig, Sendungen dann bereit zu stellen, wenn die potenziellen „NolauschterInnen“ Zeit haben, sie zu hören.
Doch reicht es nicht, möglichst viele Podcasts online zu stellen – der Zugang zu den Themen- und den Programmschwerpunkten muss sich fĂĽr die NutzerInnen einfacher gestalten, als dies zur Zeit der Fall ist. Wie so etwas aussehen könnte, wird der jetzt anlaufende Wahlkampf zeigen: Die Spezialsendungen – wie zum Beispiel die nicht weniger als 15 geplanten „Face-Ă -Face“ – sollen ĂĽber eine eigens eingerichtete Internetseite schnell zugänglich sein.
www.100komma7.lu

