SPIELE: Einfach, aber genial

von | 30.07.2004

Eine Luxemburgerin macht spielerisch Karriere: Mit „Geistertreppe“ gewann Michelle Schanen als erste Frau den Preis fĂĽr das Kinderspiel des Jahres 2004.

Am Anfang waren die Gespenster lediglich weiĂź bemalte Filmdosen. Jetzt stehen auf dem Brett liebevoll gestaltete Geister aus Holz mit verschmitztem Grinsen. Michelle Schanen packt ihren Prototyp wieder ein und stellt stattdessen die Figuren der fertigen Version spielbereit auf dem Tisch auf. „Erst wenn man sich auf das Spiel eingelassen hat, merkt man, wie knifflig es eigentlich ist“, sagt sie.

In der Tat wirkt „Geistertreppe“ auf den ersten Blick erstaunlich einfach. Vier Spieler bewegen sich wĂĽrfelnd eine Treppe hinauf. Sobald das Gespenstersymbol auf dem WĂĽrfel fällt, muss der Spieler seiner Figur einen Holzgeist ĂĽberstĂĽlpen. Sind alle Teilnehmer verdeckt, mĂĽssen beim Treffen des Geistersymbols zwei Spukgestalten ihre Plätze tauschen. Der Trick dabei ist, dass ganz schnell nicht mehr offensichtlich ist, welche Farbe sich unter welchem Gespenst versteckt. Erst beim Einlauf ins Ziel wird klar, welche Farbe denn nun gewonnen hat.

Das Prinzip ist so simpel, dass bereits 4-Jährige mitmachen können, ein paar Kniffe und Zusätze sorgen dafĂĽr, dass auch ältere Kinder oder sogar Erwachsene bei der Stange bleiben. „So mag ich es am Liebsten“, erklärt
Michelle Schanen, „unkompliziert und doch effektiv“. Das fand auch die Jury, die „Geistertreppe“ als „Familienspiel par excellence“ lobte.

„Geistertreppe“ ist ihr erstes selbst entworfenes Spiel. Und trotzdem ist die 39-jährige hauptberufliche Erzieherin so etwas wie eine Expertin in Sachen Knobeln und WĂĽrfeln. In ihrem Spielzeuggeschäft Diabolo sieht es ein wenig aus, wie in Nesthäkchens Kinderzimmer. Neben der EingangstĂĽr steht ein Tante-Emma-Laden in Miniaturformat. Auf den Regalen liegen Kreisel, Aufziehfiguren aus Blech und die GroĂźväter der Matchbox-Autos. Seit zehn Jahren ist das Testen und Verkaufen von Spielzeug ihr „Hobby“, wie Michelle Schanen es selbst ausdrĂĽckt. „Vielleicht habe ich einfach nur nie wirklich mit dem Spielen aufgehört“, sagt sie.

Die Holzmarionetten wirken ein wenig hilflos gegenĂĽber der gerne allgemein beschworenen Invasion von Pixel-Helden und Cyber-Monstern. Michelle Schanen fĂĽrchtet keine Konkurrenz durch Fernsehen oder immer raffinierter werdende Computerspiele. „Computerspiele können sicher einiges bieten, aber den sozialen Austausch können sie nicht fördern“, sagt sie und ist sich sicher, dass dieses BedĂĽrfnis nach sozialen Kontakten nicht plötzlich ersetzbar wird. „Jeder Mensch hat den Spieltrieb.“ In Korea verschwinden mittlerweile die InternetcafĂ©s zu Gunsten von SpielecafĂ©s, obwohl das Land keine Spieltradition hat wie Deutschland zum Beispiel. Vielleicht entstehe ja so ein neuer Trend, mutmaĂźt Michelle Schanen hoffnungsvoll.

In Horten oder Kindergärten wird nach wie vor zusammen gespielt wird. Berufstätigen Eltern fehlt aber oftmals die Zeit, sich mit ihren Kindern zum Brettspiel zu versammeln. Michelle Schanen weiĂź, dass es vor allem Stammkunden sind, die in ihren Laden kommen: „Die Eltern, die mit ihren Kindern zu mir kommen, sind ohnehin offen fĂĽr alternative Spielformen“. Einen wirklichen RĂĽckgang der Kundschaft hat sie jedoch in den letzten zehn Jahren nicht festgestellt.

Michelle Schanen freut sich still ĂĽber die Auszeichnung, die „Geistertreppe“ im Juni in Berlin erhielt. Mit einer Mischung aus Bescheidenheit und Bestimmtheit erklärt sie: „Mein Mann Jacques Zeimet hat bereits mehrere Spiele entworfen und ich habe so viele Konzepte getestet, dass ich dachte, jetzt sei ich mal an der Reihe etwas Eigenes zu entwerfen.“ Die Verleihung hatte einen Hauch von Oscar-Zeremonie, ein Umschlag wurde geöffnet und die PreisträgerInnen verkĂĽndet. Im Nachhinein erklären SiegerInnen meist, sie hätten gar nicht mit der Auszeichnung gerechnet, Michelle Schanen darf man ihre Ăśberraschung jedoch zweifellos abnehmen. Bereits die Nominierung kam unerwartet. Zum ersten Mal wurde mit „Geistertreppe“ ein Spiel des alternativen Verlags „Drei Magier Spiele“ als Kinderspiel des Jahres auserkoren. „AuĂźerdem bin ich die erste Frau, die den Preis erhält“, sagt sie nicht ohne Stolz.

Verändert hat sich fĂĽr Michelle Schanen seither nicht viel. Hauptberufliche Spiele-Erfinder gibt es fast keine und das nächste Projekt ist auch noch nicht in Arbeit. Zuerst soll „Geistertreppe“ ausgebaut werden. Nach ihrem eigenen Lieblingsspiel gefragt, fällt ihr spontan keines ein. „Wichtig fĂĽr mich sind vor allem eine Mischung aus Taktik und Zufall“. SchlieĂźlich empfiehlt sie doch „Rasender Roboter“, ein „anstrengendes Spiel“, fĂĽgt sie hinzu.

Kinder spielen anders als Erwachsene, das behauptet jedenfalls Michelle Schanen. „Sie haben keine Angst vor dem Risiko und anders als Erwachsene können sie auch mit der Niederlage umgehen.“ Beim Spielen sei es wichtig sich in die Augen zu sehen, durch die Auseinandersetzung mit dem GegenĂĽber mehr ĂĽber ihn zu erfahren. „Aber manche Menschen lassen sich eben nicht gerne in die Karten schauen“, sagt sie lächelnd.

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