ANTI-WEIHNACHT: Kampf dem Lampenfieber

von | 24.12.2004

Nieder mit Santa Claus, dafĂĽr ein Hoch aufs Kleeschen – so lautet die Kampfparole eines Aktionskomitees, das zur Festzeit sein Unwesen treibt. Diesmal soll nicht nur Santa
dran glauben …

Nein, das ist kein Weihnachtsmänner-Massaker. Nach der kunstvollen Aufhängung tauchten die entführten Santas unbeschadet bei ihren BesitzerInnen wieder auf. (Foto: KKLS)

Der Sommer ist kaum vorbei, da marschieren sie auf: Heerscharen von Nikoläusen und Weihnachtsmännern aus Schokolade. Mit oder ohne lila Schleifchen sind sie das sĂĽĂźe, rot-weiĂźe Symbol fĂĽr die Weihnachtszeit. Zumindest fĂĽr Kaufleute kann die Adventszeit anscheinend gar nicht frĂĽh genug kommen. Mit dem Einzug des Schoko-Onkels und seiner geklonten BrĂĽder in die Regale ändert sich auch die Musik in den Geschäften. „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „Oh, du Fröhliche“ quäkt es aus den Lautsprechern. Weihnachtsstimmung ist Pflicht, ĂĽberall im Land. Lichterketten werden hervorgekramt und ins Fenster gehängt. Wer noch keine hat, kauft sich eben eine – und den Weihnachtsmann gleich dazu. Den rot-weiĂźen Fassadenkletterer gibt’s im Cactus fĂĽr eine Hand voll Euro, und er ist gefragt wie nie.

Doch aufgepasst. Ein Aktionskomitee hat dem Hausschmuck den „himmlesche Krich“ erklärt. „Kee Kloos laanscht d’Strooss“ lautet das Motto der konspirativ agierenden Gruppe, die sich nach eigenen Angaben aus Männern und Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren zusammensetzt. „D’RevalorisĂ©ierung vum Kleeschen“ ist ihr erklärtes Ziel.

Dass dies keine leere Drohung ist, hat das Komitee bereits bewiesen: In einer Nacht- und Nebelaktion wurden im vergangenen Jahr mehrere Dutzend Weihnachtsmänner von diversen Hauswänden geklaut – „befreit“ sagen die AktionistInnen. Tatwerkzeug war offenbar ein ObstpflĂĽcker mit ausfahrbarer Teleskopstange. Die EntfĂĽhrerInnen hinterlieĂźen am Tatort einen Brief mit dem ungefähren Wortlaut: „Hab‘ keinen Bock mehr hier rumzuhängen. Bin im Wald. Melde mich wieder.“ Eine Besitzerin, die ein solches Schreiben in ihrem Briefkasten vorfand, soll darĂĽber derart erschrocken gewesen sein, dass sie sich tagelang nicht mit ihrem Hund zum Gassi-Gehen traute.

Mit der Beute entschwanden die Täter in den Hesperinger Wald, wo die Opfer kunstvoll an Zweigen aufgeknĂĽpft wurden. Dank eines Hinweises aus der Bevölkerung wurden sie bald darauf von der Polizei befreit. Als ihre BesitzerInnen die Vermissten später in die Arme schlieĂźen konnten, soll es laut Polizei zu dramatischen Wiedersehenszenen gekommen sein. Eine Plakette am UnglĂĽcksort erinnert an das schaurige Ereignis: „Place St- Nicolas“ steht darauf. Von den EntfĂĽhrern aber fehlt bis heute jede Spur.

Kleeschens RächerInnen

„Wir haben nichts gegen den Weihnachtsmann“, sagt ein Komitee-Mitglied, das die woxx vor kurzem unter strengster Geheimhaltung treffen konnte, „so lange es der echte ist“. Die rot-weiĂźen Fassadenmänner gehörten aber nicht dazu. „Die werden in China hergestellt und sind eine Erfindung des Coca-Cola-Konzerns“, empört sich der anonyme Kämpfer bei einem Glas Cola. Demnach hätten sie hier zu Lande nichts verloren.

Das sehen tausende Erwachsene und Kinder in Luxemburg offenbar anders. Waren Weihnachtsmänner und Lichterketten in diesen Breitengraden vor zwei, drei Jahren eher selten anzutreffen, hat sich das Bild schlagartig gewandelt: Mittlerweile gibt es zwischen Esch und Wiltz kaum ein Haus, das ohne den Fassadenschmuck auskommt. Supermärkte melden diesbezüglich Rekord-Verkaufszahlen.

Angesichts der ĂĽbergroĂźen Beliebtheit, der sich Santa bei GroĂź und Klein erfreut – haben die Kidnapper denn gar keine Skrupel, ihn zu entfĂĽhren? Die Miene des Unbekannten verfinstert sich schlagartig. „Jede Revolution fordert ihre Opfer“, knurrt er missmutig.

Nach längerem Schweigen meldet sich ein anderes Mitglied zu Wort. „Kleeschen“, die luxemburgische Variante des Sankt Nikolaus, und sein „Houseker“ seien lange vor dem „Kloos“ Weihnachtstradition gewesen. Die beiden gehörten zusammen, „wie Schatten und Licht“. Lange Zeit sei diese Dualität der eigentliche Grund fĂĽr die Feier am Jahresende gewesen. „Das war, bevor die Christen ihren ganzen Kitsch darauf gekippt und das Dunkle abgeschafft haben“, ereifert sich eine Kämpferin, die sich zur alternativen Kunstszene zählt und fĂĽr ein Recht auf Dunkelheit streitet. Dass ihr Anliegen alles andere als alternativ daher kommt, beunruhigt sie nicht weiter. „Jede Reaktion ist reaktionär“, sagt die Contra-Rebellin nebulös. Angesichts der „aktuellen Verwirrung“ durch US-amerikanische Weihnachtsmänner aus China mit „unklarem Aufenthaltsstatus“ sei es allemal besser, das Kleeschen wieder zu beleben. Wen wundert angesichts dieser Antworten noch, dass die Idee fĂĽr die Rettet-die-Weihnachtstradition bei einem Joint entstanden ist?

Weil der kitschige „Wahnsinn och dest Joer weidergeet“ und die Hauptforderung – die WiedereinfĂĽhrung vom Kleeschen und Houseker – von Polizei, Regierung und Bevölkerung bislang ignoriert wurde, will das Aktionskomitee auch dieses Jahr weiterkämpfen. Das jedenfalls steht in einem Aufruf, den sämtliche luxemburgische Medien dieser Tage zugeschickt bekamen.

Letzte Warnung

Die verschärfte Neuauflage der EntfĂĽhrungen von 2003 richtet sich dieses Mal nicht nur gegen Santa Claus himself, sondern auch gegen „de Liichtkrom“, „de Plastikschrott a Firlefanz“, kurzum: gegen das ganze „kĂ«nschtleche Geliits an anerem ChrĂ«schtkrätz“. Die Ausbildung der Eliteeinsatztruppe sei abgeschlossen und die motivierte Guerillamiliz höchst einsatzbereit, warnt das Aktionskomitee. Erste Bekennerschreiben zirkulieren bereits. „Iech schĂ«ngt et jo gutt ze goen, Suen an Energie zur FĂ«nster erausgeheien, dĂ©i hu mer gär“, steht darin und: „Wann der bis de 24ten Dezember um 17.00 äre Kitsch net ofmontĂ©iert hutt, iwwerhĂ«llt eis Sonderkommando-Elitetrupp dat fir iech.“ Offenbar ist es den EntfĂĽhrern ernst.

Wie ernst, wollte die woxx von den Verantwortlichen wissen. „Wir wollen, dass die Leute etwas zu lachen haben, aber auch etwas zum Nachdenken“, antwortet eine Anti-Kloos-Kämpferin augenzwinkernd und verweist auf das Schreiben: Es erinnert an Kinderarbeit und Sklaverei in der Dritten Welt, an die Umweltbelastung und den steigenden Verbrauch von Atomstrom, die der Lichter-Wahnsinn mit sich bringt und mahnt zudem, etwas Sinnvolles mit dem Geld zu machen. Was das sein könnte, verrät das Schreiben nicht. DafĂĽr steht links oben im Absender eine weitere Selbstdefinition: „Association avec drĂ´le de but“.

Ein bisschen Weihnachtsgeschichte

Auch wenn sich Coca-Cola damit brĂĽstet – der Weihnachtsmann in Rot-WeiĂź war kein Werbegag der Limonadenfirma. Der heilige Nikolaus wurde bereits in vergangenen Jahrhunderten in Europa als kinderfreundlicher Geschenkebringer verehrt, allerdings als ernste Bischofsfigur in buntem Gewand und mit Rauschebart. LuxemburgerInnen kennen ihn als Kleeschen. Niederländische AuswandererInnen brachten den Sankt-Nikolaus-Brauch nach Amerika, wo ihn 1821 der Dichter Clement C. Moore in seinem Gedicht „A
Visit from St. Nicholas“ erstmalig als kleines fröhliches Dickerchen beschrieb. Erst in den 1920ern setzte sich die rot-weiĂźe Robe des Weihnachtsmannes durch. Die New York Times schrieb 1927: „Ein standardisierter Weihnachtsmann erscheint den New Yorker Kindern. Größe, Gewicht, Statur sind ebenso vereinheitlicht wie das rote Gewand, die MĂĽtze und der weiĂźe Bart.“ Wenige Jahre später sollte der Cartoonist Haddon Sundblom fĂĽr eine Werbekampagne von Coca-Cola dieses Bild aufgreifen und daraus den Weihnachtsmann zeichnen, wie wir ihn heute kennen. „Santa Claus“ vereinigt also die Eigenschaften des gutmĂĽtigen Sankt Nikolaus und seines strafenden Knechtes in einer Person: Den braven Kindern bringt er Geschenke, den bösen die Rute.

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