Albumkritik „Trost & Trotz“: Mit Indie gegen das System

von | 29.01.2026

Die Leipziger Band „Frau Lehmann“ mischt die deutschsprachige Indieszene mit ihrer eigenen Mischung aus Chanson und Pop-Punk auf, anstatt aktuellen Trends hinterherzujagen. Auf ihrem Debütalbum „Trost & Trotz“ arbeitet sie sich vor allem an den Missständen einer Branche ab, die auf Ausbeutung fußt.

Schon vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums hatte die Band um Sängerin Fiona Lehmann mit mehreren Singles und einer EP für Aufsehen gesorgt. (Foto: Claudia Helmert)

Einen der Schlüsselsätze ihres Debütalbums haut das Quartett „Frau Lehmann“ einem gleich zu Anfang um die Ohren: „Holt mich hier raus/ Denn es ist wahr/ Ich bin ein hoffnungsloser Star/ Im Rewe an der Kasse/ Wo ich dein Geld verprasse/ Und diese Welt verlasse“, heißt es im Opener „Ein Fuß im Grab“. Die Leipziger*innen besingen also nicht das Leben in Saus und Braus, sondern den Alltag am Existenzminimum.

Diese Realität dürfte vielen Musikschaffenden bekannt vorkommen. Während das Netz mit KI-Songs geflutet wird (siehe woxx 1871) und millionenschwere Konzerne die Hauptprofiteure solcher Entwicklungen sind, haben die Kreativen das Nachsehen. Diese ernüchternde Bilanz hat der Kulturhistoriker und Konzertveranstalter Andre Jegodka bereits 2024 in seiner Interviewsammlung „Kommst du mit in den Alltag? Lebenswelten von Musiker*innen“ gezogen.

Poppig und punkig: das Debüt „Trost und Trotz“ von „Frau Lehmann“. (© Philipp Orlowski)

Es bestände also durchaus Anlass, ein schwermütiges Album über das Prekariat von Künstler*innen zu schreiben. Doch anstatt in Resignation zu verfallen, folgen Sängerin Fiona Lehmann, Bassist Philipp Orlowski, Schlagzeuger Felix Kothe und Produzent und Gitarrist Toni Günther lieber dem Prinzip Hoffnung. Sie beziehen dabei unermüdlich Position: Ausbeuterische Strukturen gilt es zu bekämpfen. So schließen sich Pop und klare Kante in den zwölf Liedkompositionen des Albums nicht aus, sondern sind untrennbar miteinander verwoben. In „Systemsprenger:innen“ und „DLF Kultur will dass wir brennen“ richten die vier Leipziger*innen ihren Zorn besonders stark gegen die prekären Arbeitsverhältnisse, mit denen die Kulturbranche ihre Künstler*innen verheizt.

Bei alledem nimmt die Gruppe einen direkt mit in ihren Alltag, formuliert zu lakonisch-eleganten Vocals Lebensweisheiten mit Identifikationspotenzial und Tiefgang. Mal untermalen sie ihre präzisen Gegenwartsbeobachtungen mit perlenden Indiepop-Melodien („Berliner Pflaster“), mal mit störrischen Gitarrenriffs („Melancholia“). Ein Kunststück, das ihnen erstmalig 2022 gelang: Damals veröffentlichten sie mit „Vier Jahreszeiten“ ihre erste EP, der Nachfolger „Gewäsch“ erschien zwei Jahre später. Das brachte der Band in der Presse den Ruf der „chansonesken Kneipenpunks“ ein, was nicht zuletzt der musikalischen Nähe zu Hildegard Knef („Das ist Berlin“), Acht Eimer Hühnerherzen („Eisenhüttenstadt“) und Blond („Sanifair Millionär“) geschuldet ist.

Wer bei „Frau Lehmann“ also bierernstes Gepolter erwartet, der wird enttäuscht. Die Indie-Pop- beziehungsweise Indie-Punk-Band äußert ihre Kritik an strukturellen Problemen mit beißendem Humor, an der nötigen Selbstironie fehlt es nicht. In „Die Alte Leier“ singt Lehmann zum Beispiel: „Du möchst‘ für meine wunde Seele/ Gerne Trost und Frieden sein/ Doch fällt dir um mich sanft zu stillen/ Auch nur Schnaps und Tabak ein/ Was dich dann wieder müde/ Und mich so schlaflos macht.“ Instrumentierung und Arrangement sind hier auf das Wesentliche reduziert, die Synthesizer schimmern und funkeln in den Tönen hell bis neongrell. Hier und da flackern Tamburin- und Mundharmonikaklänge auf („Rastloses Getier“), die von dezenten Akustikgitarren („Wenn es abends endlich dämmert“) abgelöst werden. Die Zweifel an Gott und der Welt formuliert „Frau Lehmann“ im hingebungsvoll-melancholischen „Schlaflied“ still und leise. Eine willkommene Abwechselung – vor allem in Zeiten, die immer lauter werden.

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