Backcover: Luan Lamberty

Luan Lamberty zeichnet Zines, macht Trickfilme und ist Maler. 
Im Oktober gestaltet er die Rückseite der woxx. Ein Gespräch über seine Kunst, Grenzüberschreitung und die Serie.

Luan Lamberty studierte Kunst in Bremen, lebt und arbeitet in Luxemburg. Im September wurde er mit dem Kunstpreis Andrea Neumann 2022/2023 vom Saarländischen Künstlerhaus Saarbrücken ausgezeichnet. (Copyright: Luan Lamberty)

woxx: Luan, in einem Video zu Ihrer Kunst sagen Sie, dass Sie in Trickfilmen eine Erzählung vorantreiben, während Sie in Ihrer Malerei Momente einfangen. Was fällt Ihnen leichter?


Luan Lamberty: Es fällt mir schwer, das zu beantworten. Der Schaffensprozess und meine Herangehensweise sind ähnlich, es gibt anfangs immer diesen Moment der Euphorie. Es variiert von Projekt zu Projekt, wie leicht oder schwer mir die Umsetzung fällt. Allgemein sind Trickfilme zeitaufwendiger, wobei sich meine Malerei in den letzten Jahren viel verändert hat und ich mich heute dahingehend entwickelt habe, präziser zu arbeiten, als das sonst der Fall war.

Inwiefern präziser? 


Früher war ich darum bemüht, mit meiner Malerei eine konkrete Geschichte zu erzählen und klare, leicht verständliche Situationen abzubilden. Heute versuche ich, subtiler zu arbeiten, indem ich mich beispielsweise auf die Körperhaltung meiner Figuren konzentriere, um eine Atmosphäre zu vermitteln. Das erfordert in dem Sinne mehr Präzision, weil die Situation durch diese Reduzierung offener zu deuten ist.

Das erinnert mich an Ihre gesichtslosen Figuren. 


Aktuell male ich keine Gesichter, das ist richtig. Früher war das anders, da habe ich oft Gesichter gemalt und sie studiert.

Warum der Wechsel?


Ich habe mich selbst herausgefordert: Wie kann ich Emotionen darstellen, ohne Gesichter zu zeichnen? Wie kann ich mittels Körperhaltungen Gefühle kommunizieren? Am Ende habe ich festgestellt, dass gesichtslose Figuren einen größeren Interpretationsspielraum schaffen und die gesamte Bildkomposition stärker zum Ausdruck kommt. Wie man die Bilder deutet, hat viel mit den eigenen Emotionen zu tun, unabhängig davon, ob die Figuren nun Gesichter haben oder nicht. Doch der Raum für Eigeninterpretationen ist größer, wenn die Gesichter fehlen. Es fällt einem dann auch leichter, sich mit den Figuren zu identifizieren. Sie wirken nicht wie reale Menschen, die mit dem eigenen Abbild übereinstimmen.

Warum malen Sie Figuren, die einen Schatten werfen, der ihrer Form widerspricht?


Nicht immer repräsentiert das, was wir nach außen tragen, unser Innenleben, unsere Ängste und Selbstwahrnehmung. Schatten, die anders aussehen als die Figur, die sie spiegeln, sollen diesen Widerspruch ausdrücken.

„Ich will mich von einer einseitigen Opferdarstellung distanzieren“

Wie kommt es, dass Sie sich in Ihren Arbeiten oft mit Grenzüberschreitung und Diskriminierung auseinandersetzen?


Ich beschäftige mich seit Langem und auf den unterschiedlichsten Ebenen mit diesen Themen. Zum einen beruht mein Interesse auf Eigenerfahrung oder auf Erlebnissen von Menschen, die mir nahestehen. Zum anderen habe ich mich akademisch mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Die Sujets sind immer präsent in meinem Leben, auch wenn ich mich natürlich auch für andere Dinge interessiere. Ich finde es spannend, sie in meiner Kunst zu verarbeiten. Ich erhalte oft Rückmeldungen von den Menschen, die sich meine Kunst anschauen. Sie sagen, dass die Bilder sie bewegt haben; manche fühlen sich an Situationen zurückerinnert.

Wie gehen Sie künstlerisch mit diesen harten Themen um?


Ich gebe keine eindeutige Lesart vor, denn ich will die Betroffenen ansprechen, aber auch die Personen, die andere Menschen verletzt haben, und sie für ihr Verhalten sensibilisieren. Auf manche Menschen trifft beides zu. Die Auseinandersetzung mit dieser Dynamik, diesem Nebeneinander, ist mir wichtig. Es steht außer Frage, dass es in manchen Fällen klare Machtverhältnisse gibt, die inakzeptabel sind, aber es gibt eben auch diese Momente, in denen es nicht die durchweg „böse“ Person ist, die einen verletzt und die eigenen Grenzen überschreitet. Ich möchte in meiner Malerei nicht klar artikulieren, wer wen dominiert, um mit dem Mythos zu brechen, dass es immer diesen Kontrast zwischen den Guten und den Bösen, den Betroffenen und den Nicht-Betroffenen gibt.

Variiert Ihre Herangehensweise je nach Medium?


Ja, denn es ist mir auch wichtig, Missstände zu benennen und wütend zu sein. Mit meiner Malerei verfolge ich ein anderes Ziel, will ich andere Aspekte beleuchten. In meinen Zines und Filmen ist das wieder anders, wobei es auch dort von den einzelnen Arbeiten abhängt.

Ihre helle Farbpalette steht im Kontrast zu den Inhalten. Ist das gewollt?


Das ist gewollt und hat verschiedene Gründe. In der Malerei nutze ich den Kontrast, um das Zusammenspiel zwischen Leichtigkeit und Härte zu vermitteln. Aus der Ferne denken die Menschen „Was für schöne Farben, was für eine Leichtigkeit“, doch stehen sie vor dem Werk, wird ihnen bewusst, dass die hellen Farben nicht zwangsläufig für eine positive Situation stehen. Das passt zu dem, was ich vorhin gesagt habe: Auch in einer freudigen Runde können schlimme Dinge vorfallen; auch grundsätzlich liebe und respektvolle Menschen können Grenzen überschreiten und diskriminieren. Es gibt nicht das eine Szenario. Der Kontrast soll aber auch noch etwas anderes ausdrücken: Ich will mich damit von einer einseitigen Opferdarstellung distanzieren.

In welchem Sinne?


Es ist schrecklich, wenn Grenzüberschreitungen und Diskriminierung nicht ernst genommen werden oder gesellschaftliche Diskurse die Situation der Betroffenen verschlimmern. Das stelle ich nicht in Frage. Gleichzeitig will ich der Dramatisierung der Umstände aber auch etwas Positives entgegensetzen. Als betroffene Person kann ich meine Erfahrungen überwinden, neue Kraft schöpfen und anderen Kraft geben. Meine Malerei soll deshalb auch Freude vermitteln. Es macht Sinn, dass ich solche Bilder male: Ich bin selbst durch schwere Zeiten gegangen, doch das heißt nicht, dass ich keine Lebensfreude empfinde, dass ich nicht verspielt sein kann. Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch auch nicht, dass bei mir alles gut läuft, wovon manche Menschen ausgehen, die vielleicht nur eine meiner Seiten kennen. Es ist ein komplexes Zusammenspiel.

Kommen wir abschließend zur Serie für die woxx: Was haben Sie sich ausgedacht?


Wer Ende Oktober alle woxx-Ausgaben nebeneinanderlegt, dem soll sich eine kohärente Erzählung darbieten. Die Cover funktionieren aber auch einzeln. Die Tuschezeichnungen sind ähnlich wie Comics aufgebaut, bei denen es jeweils zwei oder mehrere Panels pro Bild gibt. Die Technik, die ich in der Serie für die woxx angewandt habe, ist ein guter Mittelweg zwischen Trickfilm und Malerei. Ich habe Motive aus meiner Malerei aufgegriffen und die Panels ermöglichen so etwas wie eine Kameraführung. Das erlaubt es mir, die Perspektive zu wechseln und den Fokus zu ändern, den Blick zu leiten und Bewegung herzustellen.


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