Bo Burnham: Smells like Teen Angst

von | 28.02.2019

Wie ist es, in den 2010er-Jahren ein 13-jähriges Mädchen zu sein und an einer Angststörung zu leiden? „Eighth Grade“ nimmt sich des Themas erfreulich ehrlich und differenziert an.

Kayla verbringt viel Zeit und Energie damit, sich mit Menschen anzufreunden, die sich nicht im geringsten für sie interessieren. (© Interview Magazine)

„Hey guys, it’s Kayla again, back with another video. […] So, the topic of today’s video is being yourself.” „Eighth Grade” fängt mit einem Youtube-Video an und es folgen viele weitere, bevor der Film auch wieder mit einem solchen aufhört. Die Autorin derselben, Kayla (Elsie Fischer), geht in die titelgebende achte Klasse. Ihr Alltag besteht aus tollpatschigen Versuchen, sich mit beliebteren Mitschülerinnen anzufreunden und ihrem Schwarm (Luke Prael) näher zu kommen. Einen wichtigen Platz in ihrem Leben nehmen zudem besagte Videos ein.

Auf den ersten Blick könnte die Diskrepanz kaum größer sein: Auf der einen Seite die schüchterne Kayla, die erfolglos versucht Anschluss zu Gleichaltrigen zu finden, auf der anderen Seite jene, die auf Youtube Lebensberatung anbietet. Was zunächst nach der realitätsfremden Selbstdarstellung einer Außenseiterin klingt, entpuppt sich aber nach und nach als viel mehr – gestatten diese Videos doch einen aufschlussreichen Blick in Kaylas Innenleben.

Ihr ganzes Dasein ist davon geprägt, sich an Menschen zu orientieren, die nach außen hin all das zu haben scheinen, was Kayla so dringend begehrt: Freund*innen, einen festen Partner, Selbstbewusstsein und hohe Klickzahlen. Ihre soziale Phobie macht ihr dabei aber immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Ihre Videos erlauben es ihr, missglückte soziale Interaktionen sozusagen zu korrigieren. Solche Korrekturen sind eher harmlos, wenn es darum geht zu sagen: „Ich bin eigentlich gar kein ruhiger Mensch, das würdet ihr merken, sobald ihr mich etwas besser kennenlerntet.“ Bedenklicher wird es schon, wenn auf eine Panikattacke bei einer Pool-Party ein Video über die Notwendigkeit sozial zu sein, folgt. Wie viele Jugendliche stellt Kayla das Bedürfnis dazuzugehören immer wieder über ihr eigenes Wohlergehen.

© A24 / indyweek.com

Der 28-jährige Youtube-Komiker sowie Regisseur und Drehbuchautor des Films, Bo Burnham, scheint auf den ersten Blick wenig mit der Protagonistin seines Films gemeinsam zu haben. Als jemand, der während Stand-up-Auftritten zahlreiche Panikattacken durchlebt hat, galt sein Hauptinteresse in der Tat weniger Kaylas Altersgruppe oder Schulalltag als ihrer Angststörung. So realistisch sich die Darstellung dieser 13-Jährigen insgesamt anfühlt: Burnham und Darstellerin Elsie Fisher treffen vor allem in jenen Momenten den Nagel auf den Kopf, in denen Kaylas Unwohlsein ihr förmlich anzusehen ist. Während Fisher dies durch Kaylas Körpersprache, Blickverhalten und Sprechweise zum Ausdruck bringt, setzt Burnham unter anderem Musik ein, um uns direkt in Kaylas Erleben hineinzuversetzen.

Von Anfang an ist klar, dass „Eighth Grade“ nicht an Schwarz-Weiß-Malerei interessiert ist. Kein Zweifel: Kayla eifert Youtube-Stars nach und überschätzt das Interesse, das ihr Umfeld an ihren Selbsterklärungsversuchen hat. Doch diese Charakterzüge sind authentisch und koexistieren mit ihrer unsicheren und unbeholfenen Seite. Je nachdem, ob Kayla mit Gleichaltrigen oder Erwachsenen interagiert oder sich auf Youtube präsentiert, zeigt sie sich von völlig unterschiedlichen Seiten. Die Zeit mit ihrem Vater (Josh Hamilton), der einzigen Beziehung, in welcher sie die übergeordnete Position einnimmt, nutzt sie schamlos aus, um sich von ihrer schlechtesten Seite zu zeigen. Nicht, dass der Vater ihr etwas zuleide getan hätte, doch ist er die einzige Person, die Kayla liebt und akzeptiert, ohne dass sie sich darum bemühen muss.

„Eighth Grade” ist eine Aneinanderreihung von Alltagsmomenten und genau das macht das Besondere an diesem Film aus. Kayla durchläuft keine der für Teenie-Filme üblichen Entwicklungsprozesse: Sie wird mit der Zeit nicht beliebter, selbstbewusster oder normschöner. Am Ende des Films hat sich Kaylas Leben nur unwesentlich verändert. Sie ist nur ein wenig erfahrener und intelligenter geworden.

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Bewertung der woxx : XXX

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