Toni wacht auf – und ist auf einmal Mutter eines fünf Wochen alten Babys. Sie wird nun Antonia genannt, lebt verheiratet mit ihrer Jugendliebe in einem großen Haus im Heimatdorf und wird völlig unvorbereitet mit der körperlichen Realität von Schwangerschaft und Geburt konfrontiert. Statt in Bars zu gehen, besucht sie nun Muttergruppen, zusammen mit Menschen von früher, an die sie sich nur vage erinnert. Parallel dazu erzählt Anne Sauer in ihrem Debütroman „Im Leben nebenan“ von Tonis anderem Leben in der Großstadt, wo sie Zeit mit ihren Freund*innen, ihrem Partner und sich selbst verbringt – und sich fragt, ob sie die Rolle der Mutter überhaupt ausfüllen möchte. Anne Sauer wagt hier ein faszinierendes Gedankenexperiment, indem sie zwei alternative Lebensentwürfe wertfrei nebeneinanderstellt. In abwechselnden Kapiteln – mal Toni, mal Antonia – wird sichtbar, wie unterschiedlich beide Wege verlaufen, welche Möglichkeiten sie eröffnen, wo sich Parallelen zeigen und welche Entscheidungen prägend sind. Der Roman behandelt nicht nur Mutterschaft, sondern auch Selbstbestimmung, gesellschaftliche Erwartungen und die körperlichen und emotionalen Erfahrungen einer Frau in den Dreißigern. Mit viel Empathie schildert Anne Sauer die Konsequenzen von Entscheidungen, die großen und kleinen Gefühle und die vielfältigen Wege, die ein Leben nehmen kann.
Buchtipp: Reden für die Menschlichkeit
„Die Rede ist ein performatives Genre mit dem Charakter einer Produktwerbung, aber für eine Idee“, schreibt Saša Stanišić im Vorwort seiner Redensammlung „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“. Ziel der Rede sei es, das Publikum dazu zu bringen, diese Idee in die Welt hinauszutragen. Gleich die erste der...

