
(© Luchterhand)
„Die Rede ist ein performatives Genre mit dem Charakter einer Produktwerbung, aber für eine Idee“, schreibt Saša Stanišić im Vorwort seiner Redensammlung „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“. Ziel der Rede sei es, das Publikum dazu zu bringen, diese Idee in die Welt hinauszutragen. Gleich die erste der neun Reden löst das Rätsel des sperrigen Titels und lädt ein, Stanišić in seine teils abschweifende Gedankenwelt zu begleiten. Immer wieder bleibt er bei der Einsicht hängen, dass Menschlichkeit im Handeln jedes Einzelnen wirksam werden kann. Nicht umsonst der Untertitel „Eine Ermutigung“. Jede Rede ist eine Aufforderung zum Handeln gegen Ungerechtigkeit, Krieg und Leiden – und gegen das um sich greifende Gefühl von Sprach- und Hilflosigkeit angesichts all dessen. Stanišić, 1978 als Sohn einer bosnischen Mutter und eines serbischen Vaters in der bosnischen Kleinstadt Višegrad geboren, erlebte durch den Bosnienkrieg 1992 früh Krieg und Flucht. Diese Erfahrungen prägen sein gesamtes Werk und sorgen auch in dieser lesenswerten Redesammlung durch immer wieder eingestreute biografische Schnipsel für einen starken emotionalen Impakt.

