Claire Morgan: Tod und Plastik

Die irische Künstlerin Claire Morgan stellt Gegensätze in den Raum: „Joy in the Pain“, ihre aktuelle Einzelausstellung in der Modernen Galerie des Saarlandmuseums im Saarbrücker Stadtzentrum, schwankt zwischen Tod und Leben, Natur und Kultur.

In der Ausstellung „Joy in the Pain“ von Claire Morgan lohnt es sich nach Details im Meer aus Kunststoff zu suchen. (Blei © Claire Morgan, Courtesy Galerie Karsten Greve, Paris, Köln, St. Moritz, Foto: Stiftung Saarländischer Kulturbesitz/Tom Gundelwein)

Beim Eintritt in den ersten Ausstellungsraum von „Joy in the Pain“ in der Modernen Galerie des Saarlandmuseums Saarbrücken, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus: Die hängenden Skulpturen der Künstlerin Claire Morgan sind minutiös gestaltet und eindrucksvoll. Sie sind großformatig und kleinteilig zugleich. Aus winzigen Elementen, die in Reih und Glied an Nylonfäden hängen, formt Morgan geometrische Körper in der Luft. Die Einzelteile, die zu Hunderten, gar Tausenden ein meterhohes Volumen einnehmen, wirken trotz ihrer Größe äußerst fragil.

Die Grundelemente dieser Werke stammen aus zwei gegensätzlichen Materialgruppen – sie sind synthetisch und organisch. Die erst bunt wie Blütenblätter anmutenden, feinen Schnipsel an den Nylonfäden sind an sich billiges Plastik, wie man es von Einwegtüten her kennt. Daneben hängen Pflanzensamen oder kleine tote Lebewesen wie etwa Fliegen. Dazwischen entdeckt man aber auch größere Tierpräparate von Katzen, Eulen, Raben, Füchsen, sogenannten Kulturfolgern. Bei Kulturfolgern handelt sich um Tiere, die in unmittelbarer Nähe zum Menschen leben, diesem aber trotzdem fremd bleiben.

Indem sie Organisches und Künstliches zusammenfügt, verwischt Claire Morgan die Grenze zwischen Natur und Kultur. Ihr künstlerisches Werk dreht sich in erster Linie um diese Beziehung. Sie behandelt den Einfluss, den der Mensch in der Gemeinschaft sowie als Einzelperson auf seine Umwelt hat und sein Widerstreben, sich die eigene Schuld an der daraus resultierenden Umweltzerstörung einzugestehen. Ihre Anlehnung an klare mathematische Ordnungsprinzipien der Natur deutet an, dass auch der Mensch diesen Prinzipien unterliegt, und sein egoistischer Komfort nur eine Ablenkung im endlosen Kreislauf von Leben und Tod ist.

Diese ökologisch-poetische Kritik der Künstlerin spielt sich im Spannungsfeld zwischen Schönheit und Gewalt ab. Die von ihr deutlich bearbeiteten Tierpräparate wirken gruselig. Die Inszenierung des Todes ist im selben Augenblick faszinierend und abstoßend. Diese Ambivalenz hält, was der Ausstellungstitel verspricht: „Joy in the Pain“.

Die Tierpräparate sind von Plastikmassen umgeben. Das Begleitheft verrät, dass das Material auf die Künstlerin eine brutale und erstickende Wirkung hat, sie aber gleichzeitig findet, dass sich seine glatte Oberfläche angenehm anfühlt. Plastik wird so für Morgan eine Art zeitgenössisches Symbol unserer Wegwerfgesellschaft, eine oberflächliche, schöne Erscheinung zur Ablenkung. Ihre Inszenierungen sind aber auch ein Verweis auf „eine Natur, die ihre Natürlichkeit längst eingebüßt hat“. Das Konstrukt, welches sie baut, ist Sinnbild für die konstruierten Vorstellungen, die Menschen sowohl von der Natur als auch von sich selbst haben und dafür, dass eine Trennung beider Bereiche an sich nicht möglich ist.

Neben den Skulpturen sind auch großformatige Zeichnungen ausgestellt. Hierfür nutzt Morgan die Papierunterlage, die sie am Anfang jeder räumlichen Arbeit verwendet, um die Tierkadaver darauf zu manipulieren. Sie zeigt Spuren der Tierkörper sowie des Körpers der Künstlerin: Blut, Haare und Druckstellen auf dem Papier werden so die Grundlage für Zeichnungen, die die thematische Linie der Plastiken weiterführen.

Fotos der Ausstellung vermitteln nicht das Raumgefühl, das man bei der Betrachtung der Werke und dem Umschreiten der Skulpturen verspürt, daher lohnt sich ein Besuch. An diesem Sonntag, dem 17. Oktober von 16 bis 18 Uhr, hat man bei der Veranstaltung „Meet the Artist” darüber hinaus die Gelegenheit, die Künstlerin selbst zu treffen und auf Wunsch einen signierten Katalog zu ergattern.

Claire Morgan, „Joy in the Pain”, Saarlandmuseum Moderne Galerie,
bis zum 6. Februar 2022.

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