Literatur: Lyrische Lektüretipps, Teil 5

von | 10.09.2026

Von seelischem Schmerz und der unbedingten Liebe zur Sprache erzählen viele Gedichtbände – ganz besonders jene, die wir Ihnen hier als lesens- und empfehlenswert vorstellen möchten.

„Sag Feuer“ von Selma Asotić

Schlichtes Cover von „Sag Feuer“mit Titel- und Autorinnenname.

(© Suhrkamp Verlag)

Wer hier Feuer sagt, trägt in Worten die Fackel des Schmerzes weiter, die ein hell loderndes Kollektivvermächtnis darstellt. Die bosnische Dichterin Selma Asotić, zu Beginn der 1990er-Jahre im belagerten Sarajevo geboren, wendet sich in ihrem von Marie Alpermann und Rebekka Zeinzinger ins Deutsche übersetzten Gedichtband „Sag Feuer“ den Nachbeben des äußerst brutalen Bosnienkriegs (1992-1995) und dem dieser blutgetränkten Vergangenheit entspringenden Gefühl des Fremdseins zu. Selbst im eigenen Begehren noch spürt das lyrische Ich ein tiefes Unbehagen, einen innerlichen Riss, aus der Dunkelheit dringt: „Nachfahrin verwandt gewordener Träume, deformierte / Schwärmerin, ohne besonderen Anlass / schenke ich meinem Körper eine Schusswunde, in die er stürzen kann.“ Die Sprache an sich wird als Zimmer voller Ruß beschrieben, die Muttersprache im Speziellen als quälend unvertraut; es häufen sich, ob die Dichterin nun über queere Beziehungen, ihre Familie oder direkt über Kriegsszenen spricht, die drastischen Bilder. „In unserer Version von Liebe / durchsägen wir einander den Brustkorb / und stellen einen Wegweiser darin auf“, schreibt Asotić. Es sind Zeilen mit der Schlagkraft eines Peitschenhiebs, Metaphern, die einem beim Lesen die Brust verengen. Unversöhnlich und von heißer Wut durchglüht entlarvt die Autorin in ihren Texten Trost als geschichtsvergessene Täuschung, Betroffenheit und Mitleid als ignoranten Paternalismus, der bei den Betroffenen Verachtung auslöst. Sie benennt klar die Sensationslust des Weltpublikums, das medial vermittelt Zeuge der Verbrechen wurde und spricht über das aus kaum kaschierten Nützlichkeitserwägungen erwachsende Interesse von Wissenschaftler*innen an den Gräueln, die in den 1990er-Jahren das zerfallende Jugoslawien erschütterten. Es ist ein verstörender und sprachlich zugleich unfassbar reichhaltiger Gedichtband, dessen Seiten weniger mit schwarzer Tinte bedruckt als mit Asche beschrieben zu sein scheinen.

Selma Asotić: „Sag Feuer“, Gedichte, Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 127 Seiten, 18 Euro

„Aus der Ferne wirkt die Hölle wie ein Abenteuer“ von Tobias Bamborschke

Buchcover mit einer Skizze von zwei Gesichtern, einer Schnecke, einer Leiter und einer in den Erdboden führenden Treppe.

(© Verbrecher Verlag)

Vereinnahmende Angst, lähmender Trübsinn und bohrender Liebeskummer: Mit seinem Band „Aus der Ferne wirkt die Hölle wie ein Abenteuer“ hebt Tobias Bamborschke zu einem umfassenden Klagegesang an, der bei aller Schwere nur selten in ein allzu düsteres Moll wechselt. Meist ist der sprachliche Gestus dafür zu lakonisch, zu gedrängt die Verse, die immer gerade so viel einfassen, wie es braucht, um mit den Worten pfeilgenau in den innersten Kreis des lyrischen Sujets zu treffen: „Oft kommt mir / der Sinn abhanden / und dann drehe ich / lustlos / am alten / Rad / der Zeit.“ Teils erinnern die Kurzzeilen an Notate, die gemischte Stimmungslagen und dahinflitzende Gedanken festhalten („Waberige gute Laune / durchtränkt / von leichter Angst-/suppe“). Durch ihre nahbar-intimistische Note wirken die Gedichte trotz ihrer Schwermütigkeit beruhigend, tröstlich mit Momenten, obgleich sie das trostspendende Moment von Mitgefühl und geteilter Erfahrung selbst schnippisch infrage stellen: „Irgendwo / auf der Welt / wird es / jemanden geben, / dem es so geht / wie mir. // Es tröstet mich nicht / im Geringsten.“ Die Texte treten als Ausdruck eines tiefen seelischen Leidens in Erscheinung und verharren doch nicht dabei; durch die oft mitschwingende Ironie gehen sie in Distanz zu sich selbst, ermöglichen gerade in der ersten, etwas lichteren Hälfte des Buches dort Atemraum, wo die Niedergeschlagenheit sonst übermäßig stark auf Geist und Brustkorb drücken würde. Als Vertreter einer längst überlebten Denk- und Glaubenswelt und zugleich verirdischte Figuren treten einerseits sogar Gott und Jesus Christus in den Gedichten auf, andererseits wird das menschliche Bedürfnis nach Transzendenz noch am Ende des Bandes als solches gewürdigt: „Als hätten wir / eine Wette laufen, / wer es am weitesten schafft, / sich zu entfernen / von der Liebe Gottes // ohne dabei / zu verrecken.“ Eine liedhafte Dichtung, die sich als freimütiges Bekenntnis an den eigenen Schmerz liest.

Tobias Bamborschke: „Aus der Ferne wirkt die Hölle wie ein Abenteuer“, Gedichte, Verbrecher Verlag, Berlin 2026, 136 Seiten, 18 Euro

„das leben gefällt mir auch ohne mich“ von Dieter Fringeli

Buchcover mit einem Baum, an dem verschiedene Gegenstände an den Ästen wie Blätter hängen: Blumen, eine Wolke, eine Katze, ein Totenschädel, ein Mond, Uhren, ein Vogel und ein Feuer.

(© Wallstein Verlag)

Lustvolle Sprachverdrehungen und pointierte Beobachtungen kennzeichnen das Werk des verstorbenen Dichters Dieter Fringeli, das in der repräsentativen, von Rudolf Bussmann herausgegebenen Gedichtsammlung „das leben gefällt mir auch ohne mich“ vorgestellt wird. Mittels kleiner, meisterhaft gesetzter Modifikationen und Verschiebungen – manchmal reicht dazu ein einziges Wort – macht der gewitzte Dichter verknöchertes Sprachmaterial wieder geschmeidig, poliert matt gewordene Wortprägungen und stehende Begriffe wieder derart auf, dass der sprachliche Ausdruck mit der Verfremdung auch einen oft auf Humor basierenden Glanz und eine neue Anziehungskraft entwickelt: „Früher / Spielte ich / Mit Gedanken // Nun / spielen die Gedanken / Mit mir“. Dafür braucht Fringeli nur wenige Zeilen – es sind Kurz- und Kürzestgedichte, in denen er mit dem Aufbrechen fester Fügungen auch die Verhältnisse in der Welt gleichsam umkehrt, den Status quo infrage stellt: „Der Pfarrer / Schloss mich ein / In sein Gebet // Wie komme ich da / Wieder raus“. Wie ein geschmeidiger Einband umschließt Fringelis Auseinandersetzung mit dem Volksmund auch hellsichtige Diagnosen und gesellschaftskritische Kommentare; diese pfiffige Methode der Verkapselung erlaubt es ihm, auf verdeckte Weise politisch Position zu beziehen, wie das mit dem Adjektiv „Europäisch“ betitelte Gedicht exemplarisch zeigt: „Schwarz / Rot / Gold // Blau / Weiß / Rot // Sie treiben es / Zu bunt“. Mundartgedichte nehmen in Fringelis Werk einen besonderen Stellenwert ein, ebenso wie Liebesgedichte, die trotz oder gerade wegen ihrer Knappheit einen weiten Raum öffnen. Im Gedicht „emigration“ heißt es zum Beispiel: „ich gehe / in mich: / komm mit“. Fringelis lyrische Texte sind kleine, formgewordene Geistesblitze; ihre Bedeutung für den Dichter, der durch sie immer wieder zu einer größeren gedanklichen Klarheit fand, wird explizit thematisiert: „mich gibt’s nur / in entwürfen / ich muss mich mal / ins reine schreiben“. Von ihrer inspirativen Kraft haben die Texte auch mit Blick auf ihre heutige Leserschaft wohl kaum etwas eingebüßt; dank der vorliegenden Werkauswahl können Leser*innen sie und damit auch ihren zu Unrecht vergessenen Verfasser neu entdecken.

Dieter Fringeli: „das leben gefällt mir auch ohne mich“, ausgewählte Gedichte, Wallstein Verlag, Göttingen 2026, 270 Seiten, 28 Euro

 

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