Collagen: Die Welt in Papierfetzen

Der Künstler Philippe Lamesch verarbeitete in „Torn Up World“ Plakatfetzen aus aller Welt zu Collagen. Lamesch im Interview über eine Nacht in New York, die Krise und Momentaufnahmen in Papierschnipseln.

Der Künstler Philippe Lamesch studierte Molekularbiologie, unter anderem in den USA. Dort entwickelte er über die Jahre hinweg ein Interesse für Monoprints sowie Kupferätzen und arbeitete von 2008 bis 2012 in Teilzeit als Künstler am Kala Art Institute in Berkeley. Inzwischen lebt und arbeitet Lamesch in Luxemburg. Copyright: Martine Pinnel

Woxx: Philippe Lamesch, in „Torn Up World“ verarbeiten Sie Plakatfetzen, die befreundete Künstler*innen Ihnen zugeschickt haben, zu Collagen. Die Idee entstand aus der Not heraus: Sie konnten aufgrund der Covid-19 Krise nicht an die Orte reisen, an denen Sie Material sammeln wollten. Entpuppte sich die Notlösung zum essenziellen Aspekt des Projekts?

Philippe Lamesch: Das Projekt war nicht als Gemeinschaftsarbeit gedacht. Die Grundidee kam mir eines Nachts in New York, als ich in Brooklyn auf eine wunderbare Mauer stieß, die voll hing mit alten und zerfetzten Postern. Ich riss einige kleine Stücke ab, integrierte sie in meine Collage und das Ergebnis war für mich sehr zufriedenstellend: In dem Moment entschied ich, in verschiedene Städte zu reisen und dort Material sammeln. Kurze Zeit später ging das mit der Pandemie los. Ich habe damals mit einem Freund aus Los Angeles gesprochen, der seinen Job als Freelance Designer durch die Krise verloren hat. Ich habe ihn gefragt, ob er sich am Projekt beteiligen will, da er ja Zeit hatte, und er den kleinen Lohn, den ich für seine Arbeit zahlte, sehr gut gebrauchen konnte. So entstand das Konzept. Ich habe dann mit Freunden und Bekannten, meist Künstlern weltweit, über Zoom gesprochen und ihnen erklärt, was für Motive mich interessieren. Ungefähr fünfzehn Künstler haben mir Material aus zwanzig Ländern zugeschickt. Ich selbst habe vor der Krise Material in New York und Miami gesammelt, später war ich in Paris und Brüssel unterwegs.

Welche Stücke liegen Ihnen am Herzen?

Stücke aus Hollywood, Sofia, Warschau und San Francisco. Auf dem aus Hollywood ist ein Gesicht mit Augen und Zungen. Ein figuratives Motiv – spricht mich eigentlich nicht an –, aber das Plakat hat mich nicht losgelassen. Das Stück aus Sofia ist ein Festivalplakat auf kyrillisch. Die Schriftzeichen verschwimmen zu einem Muster, das mich ästhetisch anspricht. Das Plakat aus Warschau ist cool, weil die Grafik aus Linien besteht, mit denen Bestandteile von Mineralien abgebildet werden. Auf dem aus San Francisco steht „Justice for Derrick Gaines“. Gaines war ein schwarzer Jugendlicher, der 2012 auf einer Tankstelle grundlos von einem Polizisten erschossen wurde. Ich habe das Bild bisher noch nicht in eine Collage integriert. Es fällt mir schwer, weil ich der Hintergrundgeschichte gerecht werden will.

Worauf achten Sie bei der Zusammenstellung der Collagen?

Die meisten Orte aus denen mir Material zugeschickt wurde, habe ich früher schon Mal besucht. Ich versuche meine Assoziationen mit den Orten in die Collagen zu integrieren und ein Bild davon zu vermitteln, wie ich sie empfinde.

Wie wirkt sich die Pandemie auf die Plakate im öffentlichen Raum aus?

Sie sind teilweise verschwunden und wurden nicht ersetzt, weil keine Veranstaltungen stattfinden. Ich habe zum Beispiel keine Collage aus Italien. Die Künstlerin, die ich kontaktiert habe, hat mir nur Wahlplakate zugeschickt. Von Norden bis Süden machte sich eine Tendenz bemerkbar: Es wurde wenig bis gar nicht plakatiert. Generell wird Papier auf Stadtmauern rar.

Wie meinen Sie das?

Altmodsiche Litfaßsäulen werden immer seltener. In Luxemburg und anderen westlichen Ländern sind Plakate immer öfter hinter Glas und eingerahmt. In Korea läuft alles digital. Es gibt inzwischen zwei Sorten Plakate: hochwertige, geschützte Plakate der Städte und kleine Formate unabhängiger Künstler. Die erscheinen meist in kleinen Auflagen, sind manchmal sogar handgemacht. In einigen Regionen ist es verboten, Plakate aufzuhängen, wie zum Beispiel in Skandinavien. Die Menschen halten sich dort daran. Ich befürchte, dass die Praxis der Décollage, die in Paris unter anderem von Raymond Hains verwendet wurde, in spätestens fünfzig Jahren ausgestorben sein wird.

Gibt es noch versteckte Plakat-Paradiese?

Mein Favorit ist Paris, rund um den Moulin Rouge. Auch in New York wird viel aufgehängt und überklebt, bis die Plakate von der Wand abstehen. Mir sind die Plakate am liebsten, die vom Wetter und den Menschen gezeichnet sind.

Inwiefern unterscheiden sich die Plakate von Land zu Land?

Ein großer Unterschied liegt in der Papierqualität. In den USA wird zum Beispiel dickes Papier benutzt und in Deutschland oft sehr dünnes. Das erscheint vielen vielleicht banal, aber für einen Collage-Künstler ist die Qualität des Papier natürlich das A und O des Métiers. Vom Stil her gibt es auch Unterschiede: In den USA und in Europa sind die Plakate bunt, mit viel Schnickschnack. In China begrenzen sich die Motive vorwiegend auf Symbole.

Spiegeln die Plakate die Lebensrealität in den Ländern?

Ja. Ich habe Material aus Burgas, Bulgarien, erhalten. Die Stadt wird abseits von Ferienressorts von Straßengangs regiert. Auf den Schnipseln sind oft Geld und aggressive Grafiken abgebildet. Die Fetzen aus São Paulo kommen aus einer „toughen“ Gegend. Sie waren ziemlich mitgenommen. Ich war selbst noch nicht dort, doch aus Dokus und Gesprächen mit Einheimischen erschien mir das passend für die Stadt. Aus dem eher frei denkenden und politischen Seattle kam hingegen Material mit Hinweis auf die Black Lives Matter-Bewegung. Auf den chinesischen Plakaten gab es versteckte Mitteilungen, wie beispielsweise einen Hinweis zu Covid-19, der selbst einer Muttersprachlerin erst bei genauem Hinsehen auffiel. An den Plakaten lassen sich die Kommunikationsweisen der Städte und Länder ablesen, aber auch aktuelle Themen. An manchen Orten ist es gefährlich, Plakate zu entwenden und zu verschicken.

Seattle in Papierfetzen. Copyright: Philippe Lamesch

Warum?

In Schanghai muss man zum Beispiel darauf achten, dass man kein Plakat entfernt, das die Regierung verherrlicht, oder darauf, dass man kein Propaganda-Material per Post verschickt. Im Iran ist es ebenfalls aus politischen Gründen gefährlich, Plakate im öffentlichen Raum abzureißen. Beim Zusammenstellen der Collagen habe ich mich am Ende bei Muttersprachlern abgesichert, dass ich keine unpassenden Mitteilungen konstruiert habe.

Sie haben bereits die Legalität vom Plakatieren und von der Décollage angesprochen. Wie stehen Sie dazu?

Ich befolge einen eigenen Kodex: Ich reiße keine neuen Plakate oder Kunst von Wänden. Ich entnehme auch keine Stücke, die von anderen Künstlern als Kunstwerk an die Mauern angebracht wurden. Die Frage nach der Legalität stellt sich auch in der Street Art: Ist es Vandalismus oder Kunst?

Würden Sie Ihre Kunst als Street Art bezeichnen?

Nein, auch wenn ich mein Material auf der Straße finde. Street Art ist für mich eine Kunstform, die auf der Straße entsteht und dort bleibt.

Das heißt, Sie mögen keine Museumsausstellungen zu Street Art?

Ich finde es nicht richtig, dass Kulturinstitutionen es Street Art nennen, wenn sie Kunst von der Straße in geschlossene Räume bringen. Bei der Diskussion solcher Themen ist es wichtig, sich an die Ursprünge der Street Art zu erinnern. Street Art hatte ihren Ursprung in New York City, wo Graffiti als politischer oder sozialer Kommentar erstmals in den 1970er-Jahren auftauchte. Später in den 1980er-Jahren entwickelte sich Street Art zu wahrer öffentlicher Kunst, jedoch mit einer klaren Anti-Museum-Mentalität der Künstler, die diese Graffiti und Tags kreierten. Es ist nicht dasselbe, wenn man das auf Leinwand versucht. Klar ist es gut, dass die Institutionen dem Genre zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Die Frage ist nur, wie. Die Werke einfach einzurahmen ist nicht der richtige Weg. Warum nicht Städtetouren organisieren, die die Street Art vor Ort zeigt? Oder Künstler ausstellen, die einen Bezug zu Street Art haben, aber auch andere Kunst schaffen?

Zurück zu Ihrem Projekt: Auf der Website der Galerie Valerius, wo Sie Ihre Werke derzeit ausstellen, steht, Sie hätten mit Ihrem Projekt befreundete Künstler*innen unterstützt.

Künstler durchleben schreckliche Zeiten, genauso wie Menschen aus der Gastro- oder Tourismusbranche. Die Künstler, die sich an dem Projekt beteiligt haben, haben fast alle durch die Krise ihren Job verloren. Ich habe ihnen zwischen 150 und 200 Euro für ihre Mitarbeit angeboten. Ich habe vor allem junge Künstler kontaktiert, die noch nicht etabliert sind. Sie können morgens nicht einfach den Laptop aufklappen und arbeiten.

Das gibt Hoffnung, dass Kunst trotz Krise Menschen verbindet, wenn alles „torn up“ wirkt.

Künstler schenken den Menschen eine Pause vom Alltag. Die Menschen haben Hunger auf Kultur. Sie bringt es fertig, auch in Krisenzeiten ein kleines Stück Normalität zu schaffen.

Torn Up World, Philippe Lamesch. Galerie Valerius, bis zum 13. Februar.

Ein kurze Version dieses Interviews ist in der Print-Ausgabe 1616 der woxx erschienen.


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