Czech Music Crossroads 2021: In der Mitte spielt die Musik!

Die Konferenz Czech Music Crossroads fand im Juli 2021 zum siebten Mal statt. Ein Nachbericht über musikalische Entdeckungen aus Osteuropa.

Anna Kołodziej vom Orkiestra sw. Mikołaja, den Urgesteinen des polnischen Rootsrevivals. (Foto: Willi Klopottek)

Die Eigenbezeichnung ist Mittel- oder Zentraleuropa. Im Westen wird diese Region oft weiterhin als Osteuropa bezeichnet. Letzteres beweist, dass die geopolitischen Denkstrukturen vieler den Zeiten des Kalten Krieges immer noch verhaftet sind, obwohl die Teilung Europas in „freien Westen“ und „Ostblock“ seit über 30 Jahren nicht mehr existiert. Diese Zählebigkeit alten Klischeedenkens zeigt sich auch darin, dass in touristischer Hinsicht kaum mehr als Prag, Budapest und der Balaton relevant sind. Dabei haben Polen, Tschechien, die Slowakei und Ungarn auch musikalisch weitaus mehr zu bieten. Immerhin haben polnische Jazzbands seit langem einen guten Ruf und der Tscheche Jan Hammer hat unter anderem schon in den 1970ern mit John McLaughlin und dessen Mahavishnu Orchestra die Jazz-Rock-Szene erobert. Aber hier bekannte Rootsmusik aus Zentraleuropa? Da stechen ein wenig die polnische Warsaw Village Band und Marta Sebestyén & Muzsikás aus Ungarn hervor. Zudem kennt man ungarische Musik ein bisschen, weil Béla Bartók und Johannes Brahms solche Melodien mitverarbeitet haben. Damit hat es sich dann auch schon.

Im Juli 2021 fand nun zum siebten Mal die Czech Music Crossroads Konferenz im tschechischen Ostrava statt, die zum Ziel hat, dieses Manko zu überwinden. Es handelt sich dabei um eine internationale Konferenz mit Kurzkonzerten, die dem Austausch dient und helfen soll, die Musik Tschechiens, der Slowakei, Polens und Ungarns im – nicht nur westlichen – Ausland bekannter zu machen.

Ostrava ist eine ehemalige Industriemetropole im mährischen Schlesien nahe der polnischen Grenze und nicht weit von der Slowakischen Republik entfernt. Das riesige Gelände des aufgegebenen Stahlwerks Dul Hlubina im Stadtteil Vítkovice mit seinem rauen Charme bietet eine hervorragende Kulisse für das alljährliche Colours of Ostrava Festival mit international renommierten Rock- und Pop- sowie Folkkünstler*innen, das regelmäßig zehntausende Zu-
hörer*innen anzieht, wie auch für die Crossroads Konferenz in dessen Vorfeld. Crossroads bietet eine breite Palette unterschiedlicher Musikstile aus diesen Ländern.

Pandemiebedingt war Ungarn 2021 nicht dabei. Überraschenderweise werden zentraleuropäische Bands seit Jahren für große Festivals in Asien, zum Beispiel in Indien und Korea, gebucht, westlich der Oder interessieren sich aber nur eine Reihe von Betreiber*innen kleinerer Clubs für diese Musik. Die musikalischen Stile bei den diesjährigen Crossroads-Showcases reichten von Ambientsounds mit indischen Bezügen (Omnion, Tschechien) über experimentellen Noise (Cisnienie, Polen), Tango-Klänge im orchestralen Rahmen (Radek Baborák & Orquestrina, Tschechien) bis zu Klarinettenmusik mit Klassik-, Jazz- und Weltmusikbezügen (Clarinet Factory, Tschechien).

Sehr interessant war die Cellistin Resina, die aus der Indie-Szene Polens kommt und ganz allein mit Loops ein aufregend dichtes Konzert darbot. Nun existieren diese Richtungen auch im Westen, deshalb ist es am interessantesten, den Gruppen zuzuhören, die anderes spielen – andere Melodien und andere Rhythmen. Wie so oft sind traditionelle Musikformen eine ergiebige Quelle, um die heute üblichen Wege des Musizierens zu verlassen. Gerade in abgelegenen, oft bergigen Gegenden Mitteleuropas ist die Tradition höchst lebendig und wird nicht nur von den Alten gepflegt, sondern begeistert genauso junge Musiker*innen.

Die preisgekrönte tschechische Folkrockband Tomáš Kocko & ORCHESTR. (Foto: Willi Klopottek)

Die Musik der Hornácko-Region im südlichen Mähren der Tschechischen Republik vertrat die Gruppe Hrubá Hudba mit Geigen, Klarinette und Kontrabass, angereichert mit Keyboard, Trompete und Drums. Hier haben sich in den Gesängen alte, ungeglättete Versmaße erhalten, die sich in komplizierten Rhythmen spiegeln. Seit 1988 bietet Orkiestra sw. Mikołaja (St. Nikolaus Orchester) aus Polen traditionelle Tänze und Gesänge zum Beispiel aus den Dörfern der polnischen Karpaten. Dabei transportieren sie die Überlieferung gekonnt in die Gegenwart.

L’Udova Hudba Pokošovci ist eine starke Roma Band aus der Slowakischen Republik, deren Mitglieder weiterhin ihren normalen Berufen nachgehen, und an Wochenenden auf slowakischen wie auch reinen Romafesten aufspielen. Die Musik der Roma steht in der Slowakischen Republik übrigens an der Spitze der Beliebtheitsskala.

Was moderne Musiker*innen mit zentraleuropäischer Musik anfangen, konnte man bei Tomáš Kocko & Orchestr aus Tschechien und Hrdza aus der Slowakei erfahren. Beide Bands, deren Stil man als Folkrock bezeichnen kann, hatten in Ostrava ihre feste, begeisterte Fangemeinde. Während Tomáš Kocko auf eine weitgehend akustische Form setzt, fügen sich bei Hrdza E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug zu Geige und Akkordeon hinzu. Sowohl Tomáš Kockos Band wie auch Hrdza spielten ganz fetzig und rissen die Zuhörer*innen von den Stühlen. Wer also nicht mehr zufrieden ist mit den bekannten Klängen und Neues sucht, wird bestens bedient, wenn er*sie sich nach Zentraleuropa orientiert. Mindestens – aber längst nicht nur – für Folkfans ein ganz aufregendes Feld.


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