Der Kampf um die sozialen Netzwerke: Popkulturelle Hegemonie

Das Internet und die sozialen Netzwerke sind ein zentraler Ort der politischen Auseinandersetzung – das haben mittlerweile auch Linke verstanden. Auch in Luxemburg.

Étienne Schneider sorgt in den sozialen Netzwerken für so manchen Lacher. (© Memes bis zum Weltraumkommunismus)

„Yes, you’re racist“. So lautet der Name eines Twitter-Accounts, über den seit vergangenem Samstag TeilnehmerInnen des „Unite the Right“-Treffens in Charlottesville, Virginia, identifiziert und als Neonazis geoutet werden. Bei dem Treffen hatten sich VertreterInnen der sogenannten „Alt-Right“, aber auch eher traditionelle Neonazis und Mitglieder des Ku Klux Klan versammelt. Vordergründig ging es ihnen darum, den Abriss einer Statue zum Gedenken an die konföderierten Truppen im Sezessionskrieg zu verhindern. Doch ihr eigentliches Anliegen war wohl, die durch die Wahl von Donald Trump hinzugewonnene Stärke der radikalen Rechten zur Schau zur stellen.

Mehrere hundert zum Teil schwer bewaffnete Neonazis zogen durch die kleine Universitätsstadt und machten Jagd auf politische GegnerInnen. Neben zahlreichen Verletzten gab es auf Seiten der GegendemonstrantInnen auch eine Tote zu beklagen: Ein Rechter war mit seinem Auto in eine Gruppe AntifaschistInnen gerast und hatte dabei die 32-jährige Heather Heyer getötet; 19 weitere Personen wurden teilweise schwer verletzt.

Angesichts der Tatenlosigkeit der Ordnungskräfte – nur fünf Personen wurden am Rande der Ausschreitungen verhaftet – haben im Nachhinein nun vor allem linke Gruppen die Identifizierung der TäterInnen übernommen. Und bedienen sich dabei vor allem der sozialen Netzwerke.

Konnte man in den letzten Jahren den Eindruck gewinnen, auf Facebook, Twitter und Co. tummelten sich vor allem Rechte, so scheinen seit einiger Zeit auch Linke die sozialen Netzwerke als zentralen Ort der politischen Auseinandersetzung entdeckt zu haben. Kein Wunder, wenn, wie in Luxemburg einer Umfrage von TNS-Ilres zufolge, 98 Prozent der Haushalte über einen Internetzugang verfügen und bis zu 70 Prozent der EinwohnerInnen die Netzwerke nutzen.

„Die sozialen Netzwerke spielen, gerade wenn man sich die Situation in Luxemburg vor Augen hält, eine sehr wichtige Rolle im Kampf gegen Rechts“, sagt einer, der es wissen muss. Der Philosophiestudent Maxime Weber betreibt den „Maxime Weber Blog“, auf dem er sich intensiv mit der radikalen Rechten in Luxemburg befasst und ihre Aktivitäten im Netz dokumentiert. „Die Aktivitäten von Gruppierungen, die sich am äußersten Rand des rechten Spektrums bewegen, konzentrieren sich hier vor allem auf Facebook.“

Entsprechend wichtig ist es für Weber, jenen rechten Gruppierungen oder Einzelpersonen dort entgegenzutreten, wo sie offen auftreten. Und hierzu kann jedeR seinen Teil beitragen: „Oft kann man viel bewirken, indem man beispielsweise rechte Kommentare, die auf viel Aufmerksamkeit gestoßen sind, nicht ohne Widerspruch im Raum stehen lässt, sondern dagegen argumentiert oder Lügen als solche entlarvt.“

Neben Initiativen von staatlicher Seite, wie der „Bee Secure“-Stopline, bei der man illegale oder menschenverachtende Inhalte melden kann, haben sich auch eine ganze Reihe zivilgesellschaftlicher Online-Initiativen dem Kampf gegen Rechts im Internet verschrieben. Auch in Luxemburg: Erwähnenswert ist hier zum Beispiel die Seite „Pärelen aus Lëtzebuerg“, die besonders krasse rassistische oder sonstwie menschenfeindliche Ausfälle dokumentiert. Genau wie die mittlerweile weniger aktive „Rhetoresch Ergëss vum Lëtzebuerger Stammdësch“.

„Schon Karl Marx wusste: Memes sind der Motor der Geschichte.“

„Wenn alles nichts hilft“, sagt Maxime Weber, „kann man auch – am besten koordiniert mit anderen – die rechten Seiten bei den sozialen Netzwerken selber melden.“ Auch wenn es dann letztendlich die Entscheidung des sozialen Netzwerks ist, ob Inhalte gesperrt werden oder nicht – und zum Beispiel Facebook einen sehr laschen Umgang mit menschenfeindlichen Inhalten pflegt.

(© Sassy Socialist Memes)

Und doch: es kann funktionieren. So wurde Anfang Juli die über 7.000 „Likes“ zählende Facebook-Seite „Ech hun mäin Lëtzebuerg gären“ (sic.), über die regelmäßig rassistische Hetzkommentare verbreitet und Linke öffentlich an den Pranger gestellt wurden, endlich von Facebook gelöscht. Die linke Seite „Memes bis zum Weltraumkommunismus“ hatte dazu aufgerufen, „Ech hun mäin Lëtzebuerg gären“ massiv zu melden, und ihr Aufruf war von vielen anderen Seiten übernommen worden – mit Erfolg.

Ging es linken AktivistInnen online lange Zeit in erster Linie darum, rechte Inhalte zurückzudrängen beziehungsweise überhaupt erst als solche kenntlich zu machen, so werden zunehmend auch eigene, linke Inhalte transportiert. Auch linke PolitikerInnen, wie der US-amerikanische Kandidat bei den Primaries der Demokraten, Bernie Sanders, oder der französische Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon, nutzen die Möglichkeiten von Facebook, Twitter und Youtube, um die Mainstream-Medien zu umgehen und potenzielle WählerInnen zu erreichen.

Für Blogger Maxime Weber haben gerade die US-Wahlen die Macht der sozialen Netzwerke deutlich gemacht: „Gerade die US-amerikanische Linke hat lange gebraucht, um zu einem ähnlich geschickten Umgang mit Online-Netzwerken wie die Rechten zu finden. Gerade auch im Umgang mit Memes, die im Zuge des US-Wahlkampfs zu einem wichtigen Mittel des politischen Diskurses geworden sind.“

Als „Meme“ wird ein bestimmtes Internetphänomen bezeichnet; häufig sind es Mediendateien wie Bilder oder Videos, die sich online schnell verbreiten. Der Begriff Meme stammt aus den 1970er-Jahren und beschreibt die Art, wie kulturelle Informationen in einer Gesellschaft verbreitet werden. Heute wird der Begriff meistens mit in humoristischer Weise beschrifteten Bildern gleichgesetzt.

Für die MacherInnen von „Memes bis zum Weltraumkommunismus“, die sich unter anderem mit der satirischen, pop-kulturellen Aufarbeitung politischer Geschehnisse in Luxemburg einen Namen gemacht haben, sind Memes in erster Linie „eine gute ‘Einstiegsdroge’ für linken Aktivismus, weil sie auf vielen Ebenen funktionieren: Politisch weniger aktive Menschen finden es lustig, dass wir Étienne Schneider oder Fred Keup verspotten. Linke Ideen werden so gesellschaftsfähig und durch die ständige Wiederholung gefestigt – und letzten Endes klingt dann sogar die Idee des Weltraumkommunismus gar nicht mehr so absurd.“ Oder, anders ausgedrückt: „Schon Karl Marx wusste: Memes sind der Motor der Geschichte.“


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