Der letzte linke Kleingärtner, Teil 10: Beans, not Ballots!

Besoffen vom Anblick seiner wohlgewachsenen Bohnenranken, ergeht sich unser Kleingärtner in Imperialismus- und Flat-Earth-Fantasien.

Bild: Clker-Free-Vector-Images auf Pixabay

Die dicken Bohnen und die Zuckererbsen stehen in Reih und Glied. Besser als gemalt. Da freut sich unsereins. Die Keimquote liegt bei über 90 Prozent. Kein Wunder, schließlich habe ich das Saatgut selbst nachgebaut und nicht gekauft.

Ohnehin weiß man bei der gekauften Ware nie, wer da alles die Finger drin hat; am Ende gar die böse Industrie. Und als guter Öko weiß man: Industrieware ist ganz schlimm. Auch was dieses Wissen angeht, hat allerdings erst die Übung den Meister gemacht. Auch ein Ressentiment muss man sich zunächst mal mit harter Arbeit aneignen und dann mit größtmöglicher Selbstdisziplin praktizieren. Von selbst passiert das nicht.

Wenn ich mir die schnurgeraden Erbsen- und Bohnenreihen so ansehe, dann steigt meine Achtung vor dem Kleingärtner, der hier so akkurat gearbeitet hat. Ohne GPS und sonstiges IT-Zeugs. Richtig gute Handwerksarbeit. Kein Wunder, dass alles nach Plan verläuft und die Saat im feuchtwarmen Frühlingsklima gut aufgeht. Schließlich habe das alles ich gemacht: ich, der größte Kleingärtner aller Zeiten.

Beim Blick auf die Reihen kann ich mir eine klitzekleine imperiale Fantasie nicht verkneifen: Was wäre, wenn diese wohlgewachsene Erbsen- und Bohnenpracht sich nicht nur über je sechs Meter, sondern über ein paar Kilometer erstrecken würde? Was wäre das für ein Anblick!

Am besten wäre die Erde eine Scheibe. Hügel, Berge, Flüsse und sonstige Unterbrechungen – von Autobahnen will ich erst gar nicht reden – stören nur den gärtnerischen Fluss des Notwendigen. Flach, gerade und ordentlich, so soll es sein, so hat es unsereiner gerne.

Zurück in meinen Garten: Eigentlich hatte ich die dicken Bohnen und die leckeren Zuckererbsen zwei Wochen zu spät gelegt, erst Anfang April, statt Mitte März. Aber sie haben den Rückstand schon prächtig aufgeholt. Im Garten ist es wie auf dem Fußballplatz. Man macht sich allerhand Gedanken und geht das Tagwerk mit großem planerischem und strategischem Blick an. So wie es Männer gerne machen. Immer die Zukunft im Würgegriff des eigenen Gedankens. Und manchmal kommt einem trotz planerischer Fehler der Moment des Unerwarteten zur Hilfe und flugs orientieren sich Pflanzen wie Menschen wieder an der Erfüllung von Plan und Ordnung.

Überfordertes Federvieh

Die Erbsen stehen jetzt nicht nur in Reih und Glied, sondern wurden von mir sogar schon mit Rankhilfen versehen. „The same procedure as every year.“ Dafür verwende ich Estrichmatten, die zwar für andere Zwecke hergestellt wurden – industriell übrigens – aber dank meiner zupackenden und fantasiegetriebenen Schaffenskraft habe ich daraus diese Hülsenfruchtkrücken für meinen Gartenkosmos geschaffen. So können die Erbsen gut und gerne zwei Meter hoch werden. Das hängt natürlich auch ab von Bodenqualität, Sonne und Regen.

Die dicken Bohnen brauchen keine Rankhilfe, weil sie selbstständig stehen. Dafür werden sie nicht ganz so hoch, ein Meter tut es hier meist. Genau wie Erbsen gehören die Bohnen zu den Leguminosen, reichern an ihrem Wurzelwerk allerhand Stickstoff an, der in der Luft im Übermaß vorhanden ist. Neben den eiweißhaltigen Früchten, die sie hervorbringen, verbessern sie damit erheblich die Bodenqualität – sofern man die Wurzeln nach der Ernte im Boden lässt. Aber so weit sind wir ja noch nicht. Die Ernte der Zuckererbsen und der dicken Bohnen beginnt leicht versetzt; los geht’s ab Mitte Juni mit den Erbsen.

Und sonst? Bekannte von außerhalb meines Gartenkosmos haben mir berichtet, dass „draußen“ Ende Mai Wahlen waren. Aha. So was gibt es also. Sie sprachen viel von Schicksal, Zukunft, Klima und Nachhaltigkeit. Das klingt ja wie „auf, auf zum letzten Gefecht“. Wie ging das denn aus? Und wird jetzt alles gut oder muss ich weiter meinen Rücken krumm machen für die Ernährung der Menschheit?

Aktuell machen mir zudem meine Hühner ziemliche Sorgen. Drei sind einfach nicht zahlreich genug, angesichts der Fläche, die sie zu beackern haben und auf der sie den Boden frei von Bewuchs halten sowie Schnecken essen sollen. Obwohl ich ihren täglichen Arbeitseinsatz bereits sehr eng getaktet habe, kommen sie mit ihrer Aufgabe nicht hinterher. Dabei presse ich schon das äußerste Arbeits-
pensum aus dem Federvieh heraus.

Ich befürchte, dass mir nur die Entscheidung übrig bleibt, die auch andere Arbeitgeber eher widerwillig treffen: Noch ein paar Zweibeiner einstellen. Obwohl dies mehr Futter und Lohn kostet. Also muss ich wohl oder übel in diese Lösung einstimmen. Aber immerhin stimmt die Eierproduktion. Die Hühner sind wie unsereiner – ein bisschen mehr Wärme tut ihnen gut. Menschen haben viele Gemeinsamkeiten mit Tieren. Das ist doch ein schönes, weil friedliches und harmonisches, Schlusswort.


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