Der letzte linke Kleingärtner, Teil 14: Tradition und Tränen

Die Entwicklungen in Syrien und der Verrat an den Kurden liegen auch unserem Kleingärtner schwer im Magen. Er hat eine Idee, wie sich mit einer tierisch-gärtnerischen Superwaffe das Blatt wieder zugunsten der Miliz YPG wenden ließe.

Foto: Internet

Na also. Jetzt hat auch der letzte linke Kleingärtner Entscheidendes dazu gelernt. Unfassbar lange hat es gedauert, bis bei mir der Groschen fiel. Seit diese Kolumne erscheint, habe ich meine Hühner – mittlerweile schon die dritte Generation – morgens in ihr Gehege außerhalb des Hühnerstalls getragen. Abends, sofern es bereits dämmerte, liefen sie von selbst zurück. Für sie war es ein zügiger Marsch in die fuchssichere Behaglichkeit des Hühnerstalls. Wenn ich sie vor Sonnenuntergang drin haben wollte, musste ich sie tragen.

Das dachte ich zumindest. Alles Quatsch. Es reicht aus, der Hühnerbande morgens wie abends ein paar Körner Futter in Aussicht zu stellen – mal in der offenen Hand, mal raschelnd in einer kleinen Schüssel – und schon rasen sie hinter mir her und sprinten dorthin, wo ich sie haben will. Alle Achtung, für diese Erkenntnis habe ich volle drei Jahre gebraucht. Aber immerhin, jetzt habe ich diese Lernstufe gemeistert.

Zugute halten kann ich mir bloß, dass ich als Kleingärtner wenig Kontakt habe und mich lieber in meiner hippie- und veganerfreien Filterblase bewege. Ansonsten würde mich das Gelächter über meine Unzulänglichkeiten ziemlich kränken. Kleingärtner sind schließlich sehr sensibel und nahe am Wasser gebaut. Im Sinne der Kreislaufwirtschaft tränken sie mit ihren Tränen Generationen von Pflanzen, die der Menschheit das Überleben sichern.

Wo wir nun schon bei Hühnern sind: Auf den Philippinen gibt es die Tradition der Hahnenkämpfe. Die echten Hahnkämpfe meine ich, nicht die der menschlichen Gockel. Die Tiere werden darauf gedrillt, mit Klingen an den Beinen gegeneinander zu kämpfen. Tradition halt und Tradition soll ja bekanntlich gut sein. So ähnlich wie Heimat, die einen vor der Kälte der abstrakten Moderne schützt. Beim Hahnenkampf wirft das meist männliche Publikum vorher allerhand Scheine in den imaginären Ring, um auf diesen oder jenen Hahn wetten. Und los geht die „Party“.

Mal verliert man, mal gewinnen die anderen. Alles wie im richtigen Leben.

In „unseren“ Breitengraden wettet man dagegen auf Fußballspiele. Mal verliert man, mal gewinnen die anderen. Alles wie im richtigen Leben. Aber, so habe ich mir gedacht, wäre die Nummer mit den Hahnkämpfen nicht eine Waffe für die Freunde der Freiheit in Nordsyrien? Was wäre, wenn die kurdische Miliz YPG ausgebildete Kampfhähne gegen die Vasallen Allahs und Erdogans einsetzten würde? Der Überraschungseffekt dieser Hähne-Invasion trüge sicher dazu bei, die türkischen Superhelden in eine lange Schockstarre zu versetzen. Und wenn sich die unbesiegbaren türkischen Soldaten vor Schmerzen auf dem Boden krümmten, könnte man glatt noch eine Heerschar Hühner auf sie jagen.

Denen hätte man zuvor natürlich längere Zeit nichts zu essen gegeben, um sie scharf zu machen. Das könnte einem zwar, wenn es dumm läuft, als Tierquälerei ausgelegt werden, aber es wäre ja für einen guten Zweck, die Freiheit. Meine liebe Güte, das wäre ein Gemetzel. In Lichtgeschwindigkeit würden sich die durchgeknallten Hühnchen auf die sich vor Schmerzen windenden türkischen Superhelden stürzen und sie pickenderweise ins türkische Diesseits – also jenseits der syrischen Grenze – zurückbefördern. Als besondere Schmach würden, weil sie von weiblichen Wesen attackiert worden sind, alle – wirklich alle – Militärorden klirrend von ihnen fallen. Ich bin mir sicher, sowas bekommen Hühner und Hähne hin, wenn man sie nur lässt und richtig ausbildet. Dann gäbe es weniger peng peng und mehr peace and love.

Und was geht im Herbst jenseits der Hühner sonst noch so ab im Garten? Klar, die große Wachstumseuphorie hat sich erst einmal erledigt. Der Endiviensalat kann ein paar Wochen lang für den Abend- oder Mittagstisch geerntet werden; die Zucchini ließen kurz vor dem kalten November noch eine letzte Ernte zu. Die Rote Beete hat es dieses Jahr nicht weit gebracht und bleibt im Umfang bescheiden, aber wohlschmeckend.

Für die Stangen- und Buschbohnen ist es zu kalt geworden; die roten Hokkaido-Kürbisse haben schon bessere Zeiten erlebt. Und die Kartoffeln müssen jetzt zügig raus aus dem Boden. Erst war es monatelang viel zu trocken und das Wachstum der Pflanzen machte viele Pausen. Und die sind bekanntlich schlecht für den Betriebsablauf, weil sie das Ergebnis vor und nach Steuern empfindlich eintrüben.

Dagegen regnet es jetzt und der Boden ist zu nass, um die Kartoffeln mit Leichtigkeit zu ernten. Doch es bleibt mir nichts anderes übrig, sie müssen raus, damit die Wühlmäuse sie mir nicht am Ende noch stehlen. Als Kleingärtner kämpft man schließlich an vielen Fronten: gegen die eigene Dummheit, gegen die Feinde der Freiheit, gegen menschliche Gockel aller Art und gegen die triebgesteuerten Menschenfresser in Nordsyrien.

Was würde ich dafür geben, wenn ich die Macht hätte, den Regen, der zwar nicht reichlich aber halbwegs ausreichend fiel, über das Jahr und vor allem den Sommer hinweg verteilen zu können! Träumend schlummere ich dahin und wenn alles seinen geordneten Gang geht – Ordnung ist so wichtig wie die Freiheit – liegen wir uns in vier Wochen wieder an dieser Stelle in den Armen. Servus.


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