Der letzte linke Kleingärtner, Teil 16: Chicken on ice

von | 23.12.2019

Zu Weihnachten läuft der letzte linke Kleingärtner mit seinen Hühnern beinahe Schlittschuh und nutzt die besinnliche Stimmung für allerlei Geschäftsideen und Bestrafungsfantasien.

Unbestätigten Gerüchten zufolge wurde der letzte linke Kleingärtner vor kurzem in seinem Hühnerkostüm beim Schlittschuhlaufen gesichtet. Die woxx distanziert sich von derlei Spekulationen. (Foto: flickr)

Meine Güte, das war knapp. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal bei einem meiner Hühner aus vollstem Herzen bedanken müsste. Beim morgendlichen Rauslassen der gefiederten Rasselbande hatte ich glatt übersehen, dass der Betonweg zum Gehege mit Eis überzogen war. Nicht viel, aber absolut ausreichend um mich, den größten Kleingärtner unserer Zeit, zu Fall zu bringen.

Trotzdem ist mir nichts geschehen. Eines meiner dummen Hühner legte sich stattdessen auf die Hühnerfresse. Dumm wie es ist, erkannte es die Gefahr ebenso wenig wie ich und wetzte gewohnt eilig in Richtung Gehege. Zack, lag es auf dem Allerwertesten, fing sich mit dem Schnabel ab und lief weiter, als sei nichts geschehen.

Heute drängt das Selbstgemachte auf den Gabentisch und bildet ein mentales Lagerfeuer gegen die alles hinwegfegende kalte, böse Industrieware.

Die Dummheit des Huhns war mein Glück. Ich bremste kurz ab, umging die Stelle und konnte aufrechten Ganges weiter durch den Garten stolzieren, die Hühnergang zum Gehege begleitend. Schön, dass die Dummheit der einen den aufrechten Gang der anderen ermöglicht und damit einen Nutzen hat für unsereinen, also für die Gesellschaft. Ich bin ja wir. Und schön, dass ich nicht so dumm wie ein Huhn bin. Glück gehabt.

Jetzt nähert sich mal wieder die Weihnachtszeit und mit ihr das nimmer enden wollende Bedürfnis nach Heimat und Geborgenheit. Okay „Heimat“ ist in dieser Zeitung nicht der optimale Begriff, aber als Kleingärtner habe ich mehr Freiheiten als andere. Und Freiheiten sollte man nutzen, sonst würde man wieder nur seine Fesseln spüren. So wie früher, als das Proletariat mit seinesgleichen vor allem „mit Macht zum Durchbruch drang“ – früher, als alles noch überschaubar war – drängt heute das Selbstgemachte mit Macht auf den Gabentisch und bildet ein innerhäusliches aber gleichwohl wärmendes mentales Lagerfeuer gegen die Riesenwelle der alles hinwegfegenden kalten, bösen Industrieware. Nein, sowas kommt mir nicht ins Haus. Da setze ich ganz auf Tradition und die gute alte Zeit.

Die Weihnachtszeit gibt mir die Gelegenheit und innere Ruhe, um ein neues Geschäftsmodell auszutüfteln. Halt eins mit Zukunft, und das irgendwie nachhaltig ist und wenig CO2 ausstößt. Ich träume schon lange davon, Arbeitskräfte für meinen Garten zu haben, die ich von meinem häuslichen Kontrollraum aus lenken sowie zur Arbeit einteilen könnte.

Anderswo funktioniert das auch: mit jungen Leuten wenn sie wahlweise in einem entwicklungspolitischen oder in einem sozialen Projekt einen Auslandsaufenthalt durchlaufen und fürs Malochen auch noch ordentlich zahlen. Das kann ein lukratives Geschäftsmodell für die Anbieter sein. Vor allem macht sich ein bisschen „öko“ und sozial gut im Lebenslauf, was insbesondere für diejenigen wichtig ist, die schon früh an ihre Karriere und Rente denken. Da entpuppt sich eine kleine soziale Brise als das berühmte Salz in der Suppe und wertet selbst die langweiligste Existenz ein wenig auf.

In ein solches Denken lebensweltlicher Nutzenoptimierung müsste ich mich einklinken und beispielsweise der „Friday for Future“-Clique diesen Deal zu ihrem gefühlten und zu meinem finanziellen Nutzen anbieten. Die mit ihnen sympathisierenden und sich dadurch wieder jung fühlenden Erwachsenen könnten gleich mitkommen. Arbeit ist genügend da. Ich mache die Einteilung, lege die Hierarchie fest und gewähre ihnen eine begrenzte Autonomie. Schließlich muss ich mich nicht um jeden Streitfall kümmern. Das sollen die schön unter sich ausmachen. Für mich ist wichtig, dass das Arbeitsergebnis stimmt. Dafür allzu sichtbar die Peitsche zu schwingen, wäre unklug und würde meinem Image schaden.

So ein Modell wäre die perfekte Lösung für das „Friday for Future“-Fußvolk. Dafür müsste man es aber isolieren von den Klima-Berufsjugendlichen, die ihren notorischen Rede- und Mikrofonzwang ausleben, bereits jetzt das passende Parteibuch ebenso wie die staatliche Rente in Sichtweite haben und den devoten Gang durch das institutionelle Gefüge als eine Art lebensoptimierenden Jogginglauf sehen.

Für solche Kandidaten habe ich daher einen natürlich ebenfalls lebensoptimierenden Aufenthalt auf Grönland vorgesehen. Dort können sie Feldforschung betreiben und den Gletschern beim Schmelzen zuschauen. Dann wären sie nahe an der Realität des Klimawandels, aber doch weit weg von der Realität des nervenden kapitalistischen Drumherum, der unsereinen mit unsichtbarer Hand zu ständigem Wachstum animiert und uns dem ökologischen wie sozialen Crash unentwegt näher bringt. Wachstum eben, in jedem Sinn.

Ach so, das hätte ich fast vergessen: Handys natürlich bitte vorher abgeben. So ist das in der Isolation. Dieser Auslandsaufenthalt wäre schön für die Menschheit, für mich und fürs Klima im Land. Und ich könnte vorher noch Wetten annehmen, wer von den notorischen jugendlichen Vielrednern sich auf diese handylose Zeit einlässt und wer nicht. Das wären sozusagen Kollateraleinnahmen, die mir zugute kämen. Schließlich muss mein Kontrollraum für die Einteilung der Arbeit im Garten renoviert und mit neuer Überwachungselektronik ausgestattet werden. Von irgendwoher muss das Geld dafür ja kommen. Schon bitter, was unsereinem heute alles kurz vor Weihnachten so einfällt. Früher hatten wir uns alle viel mehr lieb. Gell.

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