Der letzte linke Kleingärtner, Teil 23
: Magie ohne Maggi

Zwischen Scholle und Knolle schwelgt unser Kleingärtner ganz im sommerlichen Glück. Und bekommt beim Gedanken an Maggikraut das kalte Grausen.

„Ich werde nicht Soldat, die weil man bei der Infanterie nicht Maggi-Suppe hat“, hieß es einst. Deutsche Soldaten fanden sich trotzdem genug, und ihre Würzprodukte brachten sie gleich mit. (Foto: Alf van Beem/ CC0 1.0)

Ob ich der glücklichste Mensch auf Erden bin, sei dahingestellt. Aber wenn sich, wie geschehen, die Schleusen des Himmels wieder zur richtigen Zeit öffnen und mir und meinem Garten die richtige Dosis Wasser schenken, weiß ich mich auf der Sonnenseite des Lebens. Dabei fällt in weiten Teilen Deutschlands seit Jahren zu wenig Regen und provoziert einen Zustand, den man nur als Trockenheit beschreiben kann. Es ist absehbar, dass dies bald zu unschönen Verteilungskämpfen zwischen Landwirtschaft, Trinkwasserwerken, Industrie und Binnenschifffahrt führen wird. Falls ich dort als Mediator gebraucht werden sollte, wäre ich zur Stelle. Gegen Honorar natürlich. Offensichtlich ziehe ich mit meinem Kleingärtnercharme Regen an. So muss es sein. Die Zahlen sind eindeutig.

Im Garten läuft dagegen alles mit planvoller Wucht. Mangold, Rote Beete, Stangenbohnen, Kürbisse, Zucchini, Salate und dergleichen mehr wachsen regelrecht um die Wette. Und dann die Kartoffeln, die dieses Jahr ihren Frieden mit Deutschland geschlossen haben und wunderbar im Kraut stehen. Es wurde auch Zeit. Die letzten Jahre waren nur mäßige Kartoffeljahre. Umso prachtvoller werden sie dieses Jahr. Schön, dass Deutschland und die tolle Knolle sich wieder vertragen, nachdem ich sie erfolgreich miteinander ausgesöhnt habe. Gartenarbeit hat schließlich eine nationale, ach was globale, Bedeutung. Und ich lenke alles. Nur mit den Erbsen war es dieses Jahr eher nichts.

Und dann die Kartoffeln, die dieses Jahr ihren Frieden mit Deutschland geschlossen haben.

Maggikraut (Liebstöckel) ist bislang nicht aufgetaucht. Weder in dieser noch in einer jemals von mir geschriebenen Kolumne. Ich mag es nicht. Und bevor jetzt die allseits beliebte Behauptung laut wird, aus dem Zeug würde die Würzsauce „Maggi“ hergestellt wird, muss ich die Dinge richtigstellen. Das eine hat mit dem anderen substanziell nichts zu tun. Die künstlich-schwarze Würzsauce mit dem stechenden Geruch, der mir als feinfühligem Menschen zu wider ist, stand lediglich Pate bei der Namensgebung des Maggikrauts.

Die typisch deutsche Würzsauce entstand im vorletzten Jahrhundert im Kontext der industriellen Revolution. Sie sollte Arbeitern – vor allem deren weiblicher Reproduktionsabteilung – ein schnelles, sicheres und standardisiertes Würzen von kalorienreicher Nahrung ermöglichen. Damals wurde viel Tamtam um die Würzsauce gemacht. Die Firma von Julius Maggi nahm gar den Schriftsteller Frank Wedekind unter Vertrag und lies ihn dichten „Das wissen selbst die Kinderlein: Mit Würze wird die Suppe fein. Darum holt das Gretchen munter, die Maggi-Flasche runter.“

Fast schon antimilitaristisch wurde es, wenn Wedekind frech agitierte: „Vater, mein Vater! Ich werde nicht Soldat, die weil man bei der Infantrie nicht Maggi-Suppe hat.“ Falls dies dazu beigetragen haben sollte, dem deutschen Militarismus am Ende etwas weniger Menschenmaterial zu bescheren, soll es mir recht sein. Schmecken tut mir die Brühe trotzdem nicht, trotz aller findigen Werbestrategien.

Sprechen wir also lieber ein wenig über die ebenso strategische Menschheitsaufgabe der Nachhaltigkeit. Sie begleitet mich auf Schritt und Tritt. An Silvester zum Beispiel verballere ich zur Freude oder zum Unmut meiner Mitmenschen allerhand Knallwerk und Raketen. Die Raketen sind rasch gezündet und schießen in Richtung All – samt der Holzstäbe, an denen sie befestigt sind. Diese fallen nach Benutzung achtlos zur Erde. Hier komme ich dann mit meiner Lebensaufgabe der Nachhaltigkeit ins Spiel. Ich sammele sie ein und deponiere sie erst mal an einem sicheren Ort.

Geht dann ein paar Monate später das Säen und Pflanzen in die erste Runde, kann ich die Holzstäbe zur Markierung der Reihen benutzen. Sie sind spitz, lassen sich ohne abzubrechen gut in die zum Teil noch etwas trockene Erde stecken und brechen dabei nicht ab. Alle Achtung, das ist eine sehr nachhaltige und ökologisch sinnvolle Zweitverwertung, mit der ich einen großen Beitrag für den Ressourcenschutz leiste.

Irgendwie juckt es mich schon, dafür gleich mal ein Ökoprojekt mit einer der üblichen Öko-NGOs auf die Beine zu stellen. Da könnte ich locker die ganzen Schlüsselwörter aus dem Vokabular der Nachhaltigkeit gleich mehrfach verwerten und mich ein ums andere Mal als großer Stratege und „Spindoktor“ präsentieren. Und so jemand verzeiht man natürlich, dass er dafür auch ordentlich abkassiert.

So lasse ich es Jahr für Jahr zweimal krachen: pünktlich an Silvester einfach nur zum Spaß und dann nochmal beim späteren Wachstum der Pflanzen. Womit dann wieder mal bewiesen wäre, dass selbst Dinge, die weit voneinander entfernt scheinen, doch eine innere Balance haben, die sich auf den ersten Blick nicht erschließt. Aber dafür gibt es ja diese Kolumne, die von meiner Weitsichtigkeit profitiert. Damit wäre dies auch geklärt. Im Resultat ergibt sich ein vorzügliches – ökologisch abgesichertes – Argument für Silvesterraketen.


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