Der letzte linke Kleingärtner, Teil 26: Rausch ohne Radau

„Brot und Böller“ lautet an sich die Devise unseres Kolumnisten. Doch in diesem Jahr belässt er es bei einem mentalen Feuerwerk – natürlich mit selbstgemachtem Viez.

Sieht harmlos aus, haut aber ganz schön rein: Apfelwein. (Foto: CC0 Public Domain)

An Weihnachten kommt der Kleingärtner ins Spiel. Ob mit oder ohne Corona, es ist die Zeit der Sentimentalität, die jetzt, an Heiligabend, ihren Höhepunkt findet. Da kommen die selbstgemachten Geschenke auf den Gabentisch, die selbstverständlich viel mehr Emotionen transportieren als die gefühlskalte Industrieware. Und wer kann garantiert Selbstgemachtes liefern – dazu noch gesund, mit Vitaminen? Richtig, ich, der Kleingärtner. Selbsteingekochte Marmelade aus den Früchten des Gartens in putzigen kleinen Gläsern geht als Geschenk immer und ist optisch wie geschmacklich zuckersüß.

Wenn wir schon bei Selbstgemachtem sind: In allen Regionen der Welt nehmen Menschen ihr Recht auf Rausch in Anspruch. Damals wie heute organisieren sie sich den dafür nötigen Stoff – oder produzieren ihn selbst. Da möchte ich als Kleingärtner nicht hintenanstehen. Die Apfelernte im Herbst lässt sich fünffach verwenden: Erstens kann man die Äpfel einlagern, um sie später zu essen, was kühle und trockene Räume voraussetzt. Zweitens: die Äpfel einfach in Scheiben schneiden und trocknen, was es einem erspart, sowas nachher sündhaft teuer in der Bio-Feinkostabteilung zu kaufen. Drittens lassen sich die Äpfel schälen und zu Apfelmus einkochen. Viertens – das mache ich beim Kelterer meines Vertrauens – die Früchte zu Apfelsaft pressen, diesen an Ort und Stelle pasteurisieren und in Flaschen oder Beutel abfüllen lassen. Das eignet sich übrigens auch gut als „selbstgemachtes“ Geschenk. Fünftens, man ahnt es: Apfelwein. In den Regionen, in denen ich mich primär aufhalte, wird dieses Getränk wie auch in Luxemburg Viez genannt. Man kocht den frischen Apfelsaft nicht ab, sondern lässt ihn sechs Wochen in einem Fass unter Luftausschluss gären. Mutter Natur hat es so gewollt, dass aus dem Saft ihrer Früchte Alkohol wird. Und was natürlich ist, ist natürlich auch gesund.

Auch wem es bei der Apfelernte primär um das Recht auf Rausch geht, kann aus Gründen der Tarnung ja trotzdem die eine oder andere der genannten Varianten zusätzlich praktizieren. Das schafft ein gutes Gewissen im häuslichen wie im sonstigen sozialen Miteinander und am Ende hat man, was man will.

Klar kann man Viez käuflich erwerben. Aber was ist schon Industrieware gegen Selbstgemachtes? Da fehlen dann wieder die Emotionen, gell? Der kleingärtnerische Bereich hingegen ist ein Eldorado für natürliche Rauschmittel. Überall wo Menschen leben, werden Rauschmittel angebaut. Der eine kaut Kokablätter, der andere trinkt Vergorenes oder Gebranntes – Apfelwein, Schnaps, oder weiß der Kuckuck, was man sonst noch anbauen und zu Rauschmitteln verarbeiten kann. Okay, der Kuckuck weiß es nicht, aber ich als Kleingärtner weiß, dass beim Eigenanbau von Rohstoffen des Rausches noch viel Luft nach oben ist. Ein freundschaftliches Verhältnis zu den Nachbarn und hier und da mal eine kleine Gefälligkeit sind dabei von Vorteil.

So wie es ein Recht auf Nahrung, ein Recht auf Stadt, ein Recht auf Faulheit und ein Recht auf dummes parlamentarisches Gerede gibt, so gibt es auch ein Recht auf Rausch. Obwohl die Menschen solche Normen gerne mal so, mal so festlegen, wird das letztgenannte Recht seit Jahrhunderten einfach gewohnheitsmäßig in Anspruch genommen. Die ganzen Debatten um Prohibition, um Steuern auf Branntweinerzeugnisse oder die unterschiedliche rechtliche Behandlung von Cannabis konnten daran nichts ändern.

Drogen haben immer schon zum Alltag von Menschen gehört.

Drogen haben immer schon zum Alltag von Menschen gehört. Alles was ihre Regelung betrifft, ist, genau wie staatliche Grenzen, von Menschenhand gemacht und damit veränderbar. Eigentlich wollte ich mich dazu gar nicht äußern. Aber als Kleingärtner kommt man halt doch immer wieder auf die zentralen Lebensfragen zurück. Und weil das Recht auf Rausch in allen Gesellschaftsschichten beheimatet ist, taugt der seit Jahrzehnten kolportierte Aufruf „Brot statt Böller“ nicht viel. Diejenigen, die hier den moralischen Zeigefinger erheben, haben kein Problem, wenn die Besserbetuchten zum Abschluss von Klassik-Open-Air-Konzerten ein zünftiges Feuerwerk steigen lassen. Aber wenn Hinz und Kunz Feuerwerkskörper zünden, geht der Finger nach oben. Doch weil sich alles stetig und ständig verändert, gebe ich mein großes Kleingärtnerehrenwort, dass ich dieses Jahr wegen Corona nicht böllern und knallen werde und auch keine Rakete zu meinem Kumpel im Himmelreich senden werde. Ausnahmsweise.

Wenn diese Kolumne erscheint, gluckert bereits mein erster Viez die Kehle hinunter und ich werde die Welt wahlweise mit großen, hoffnungsfrohen Augen oder mit verzweifeltem Blick ansehen. Euphorie und die unendlichen Weiten irdischer Traurigkeit liegen bei jedem Rausch dicht beieinander. Vielleicht wird dann aus der Kolumne das Rauschtagebuch des Kleingärtners. Und daraus könnte man ein großes Buch – mit groß meine ich Literatur von Weltrang – stricken und die Bestsellerlisten stürmen lassen.


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