Der letzte linke Kleingärtner, Teil 32: Mit dem SUV zum Hofladen

Wenn er nicht gerade Schnecken-Snacks verteilt, macht sich unser linker Kleingärtner wieder mal über die Ökos her. Sie haben richtig geraten: Es ist Reisezeit, außer für Kleingärtner, Schafzüchter und mehrfache Hundebesitzer – und da regiert der blanke Neid.

Vor allem in Deutschland bei Authentizitätsfetischisten immer sehr beliebt: Der „Hofladen“, in dem garantiert alles handgemacht und mit Liebe hergestellt worden ist. (Foto: Wikimedia Commons/CC-BY-SA-3.0 Unported)

Der Kleingärtner taumelt von einem Gerechtigkeitsdebakel zum nächsten. Los ging‘s mit der Tragödie des Regens: zu viel davon. Zumindest in meinem Garten. Während es anderswo auf der Erde knochentrocken ist – das sagt man so, wenn man es dramatisch formulieren will –, habe ich Wasser im Überfluss. Und genau genommen ist auch in diesen Breitengraden Europas in den letzten Jahren zu wenig Regen gefallen. Sehen sie sich nur mal beispielsweise den Dürremonitor für Deutschland an!

Jedenfalls führt Regen im Sommer, gepaart mit Wärme, dazu, dass sich manche Tiere und Pflanzen, die ich ökologisch unkorrekt als Schädlinge bezeichne, im Überfluss vermehren. Schnecken zum Beispiel und Unkraut. Okay, „Unkraut“ gebe es gar nicht, meinen die Ökos. Gibt es doch, sagt der linke Kleingärtner. Und hier darf ich das ja wohl schreiben. Hier lesen keine Luftpumpen und keine Ökos mit – und falls doch, dann nur wenige.

Immerhin: Die Population der Spezies der Nacktschnecken ist durch die Mitarbeit meiner fünf Hühner wieder deutlich geschrumpft. Aber bei der aktuellen Regenmenge und demnächst wieder Wärme im Überfluss lassen die Schnecken sich nicht dreimal bitten, vermehren sich wie verrückt und schlürfen fressgierig über meine zarten, gerade keimenden Salatblätter. Also muss ich ran – und zwar manuell. Ich kann schlecht meine Hühner in die Beete schicken. Die würden zwar die Schnecken ratzfatz erledigen, den Salat als Kollateralschaden ihres Scharrens und Herumlaufens aber auch. Nun denn, ein Messer gehört zur Grundausstattung eines jeden Kleingärtners. Manchmal sammle ich die Schnecken ein und kredenze sie meinen Hühnern als Feierabend- oder Nachtzuschlag für fleißige Arbeit, worauf sie sich auf das unerwartete „amuse-gueule“ mit herausquellenden Augen stürzen und es vertilgen.

Ich hoffe sehr, dass die Landbewohner die Ökos ordentlich ausnehmen und ihnen irgendeinen Scheiß als „produit artisanal“ vierfach überteuert unterjubeln.

Die Schnecken und das Unkraut erinnern mich an den häuslichen Abwasch. Du bist nie fertig damit. Selbst wenn du abends die Küche auf blitzblank getrimmt hast, wird dir die Genugtuung am nächsten Morgen wieder genommen. Alles wieder auf Anfang. Die Kinder, die Frau und andere Aliens verursachen rund um die Uhr schmutziges Geschirr und machen dir das Leben als Kleingärtner unendlich schwer. Aber wir geben nicht auf.

So langsam nähert sich die Sommerpause, wobei das eigentlich ein Unwort für uns Kleingärtner ist. Anderer Leute Ferienzeit ist unsere Haupterntezeit – wenn das keine Ungerechtigkeit ist! Wir säen und rackern richtig, also nicht so, wie das in den schicken Hochglanz-Zeitschriften der Bausparkassen und Lifestyle-Magazine erscheint, mit ihren immer gleichen Berichten über das schöne ländliche Leben.

Wenn ich mal, was selten genug vorkommt, meinen Garten verlasse, treffe ich um diese Jahreszeit garantiert auf jemand, der Anteil an meinem Schicksal nimmt. Solche Leute, meist gebildet und ökologisch interessiert, tun so, als wollten sie wissen, was ich denn alles so anbaue. Sie hören mir dann allerdings doch nie zu, wenn ich erzähle und dabei selbst staune, dass ich über zwanzig verschiedene Gemüsesorten anbaue, sowie Beeren und Kartoffeln dazu. Nein, das interessiert sie nicht. Sie wollen eigentlich nur ihr Expertenwissen loswerden.

Dann kommen Fragen wie „Hast du auch dieses und jenes angebaut?“ und urlaubsinspiriertes Halbwissen über Pflanzen. Sie, die in der Haupterntezeit abhauen, unsereinen an der Ernährungsfront allein lassen, schleimen sich vorher und nachher gerne mit Fragen ein, die kein Schwein interessieren. Aus der Ferne finden sie alles toll und schwärmen vom ursprünglichen Leben auf dem Land. Ich hoffe sehr, dass die Landbewohner sie ordentlich ausnehmen und ihnen irgendeinen Scheiß als „produit artisanal“ vierfach überteuert unterjubeln. Romantik gibt es nicht zum Nulltarif.

Kaum zurück aus ihrem Urlaub, inszenieren sich die selben Gestalten dann wieder als Musterökos mit Nachhaltigkeitssiegel und labern einem die Hucke voll. Danach steigen sie in ihre SUVs, fahren zu „ihrem“ Hofladen oder zu einem Hof, der „solidarische Landwirtschaft“ betreibt. Dieses Modell ist zwar eine vernünftige Sache, da Bauern dank der Vorfinanzierung alle produzierten Produkte loswerden und finanziell einen guten Schnitt machen. Doch hinter vorgehaltener Hand wünscht sich mancher Bauer und manches Bauernkollektiv mehr normale Kunden, die in ihren Haupt- und Nebensätzen ohne den nervigen Begriffsschwall à la „ökologisch“ und „nachhaltig“ auskommen. Das kann ich nachempfinden. Diese Softökos sollte man im Herbst zum Kartoffelzählen und -sortieren verdonnern. Man darf ja wohl noch träumen.


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