Der letzte linke Kleingärtner, Teil 4: Auf Besuch bei Anarchisten


von | 10.12.2018

Der letzte linke Kleingärtner trinkt beim Schreiben auch gern Apfelsaft, der dieses Mal wohl schon etwas vergoren war. Das geht auf Kosten der Verdauung – und der Kohärenz. Was das mit den Anarchos zu tun hat? Jedenfalls nichts mit Most.

Foto: Pixabay

In hiesigen Breitengraden hat es seit Mitte Juni nicht mehr relevant geregnet. Von vereinzelten Starkregengüssen abgesehen. Das ist ungünstig für alle, die Pflanzen anbauen und sich um die Ernährung der Leserinnen und Leser dieser Zeitung kümmern. Immerhin: Meine Kürbisse habe ich geerntet. Der Ertrag war kein Debakel, hätte aber besser sein können.

Ich baue bevorzugt den roten Hokkaido an, weil der nicht nur fantastisch schmeckt, sondern sich gut lagern lässt. Mindestens bis Februar oder März des nächsten Jahres. Aber bis dahin habe ich meinen Vorrat längst verspeist. Wie üblich beteilige ich mich nicht an den sinnentleerten Monsterkürbiswettbewerben. Dort posieren Hobbygärtner – also keine Kleingärtner wie ich – mit ihren 40, 50 Kilogramm schweren Kürbissen. Was für ein Blödsinn. Von solchen Züchtungen rate ich schärfstens ab: Die Kürbisse schmecken nicht und müssen zudem nach dem Anschneiden ratzfatz verarbeitet werden, sonst faulen sie dahin.

Zu wenig Regen, zum Verzehr ungeeignete Riesenkürbisse, und noch vieles mehr: Die Ordnung der Natur gerät scheint’s aus den Fugen. Und weil Anarchisten ein ungeordnetes Verhältnis zur Ordnung haben, hat die Anarchistische Gruppe Freiburg mit mir eine Lesung von Texten aus dieser Gartenkolumne organisiert. Ein wenig Ordnung braucht es schon, das ist in der Gesellschaft nicht anders als in meinem Kleingarten, und auch die Anarchisten wollen insgeheim mehr Ordnung. Aber bloß nicht zu viel. Gemeinsam ist uns die Feinjustierung der lebensprägenden Balance zwischen Spontanität und Planung dann auch tatsächlich zur Zufriedenheit aller gelungen. Zumindest hatte ich das vor Antritt meiner Reise in den südbadischn Breisgau gedacht.

Und dann das. Bei meinem Auftritt in Freiburg erlebte ich einen Schock. Vor dem Bahnhof steht allen Ernstes ein Fahrrad-Parkhaus. Ich habe sofort mehrere Beweissicherungsfotos gemacht. Sonst unterstellen mir meine Kleingärtnerkollegen noch, ich hätte halluziniert. Klar, Fahrradfahren ist ökologisch hip, ist gut fürs kommunale Image wie fürs nationale politische Klima.

Mehr noch: Fahrradfahren ist quasi das Prinzip, das den Laden zusammenhält. Schließlich bedeutet es nach oben zu buckeln und nach unten zu treten. Aber das versteht ein Öko natürlich nicht, der sich lieber an seine Illusionen hält.

Was mich allerdings mehr stört, ist der enorme Platzbedarf eines solchen Gebäudes, auch noch in zentraler Lage. Damit nimmt man gefühlt 200 Autofahrern eine sinnvolle Parkmöglichkeit in ebenfalls zentraler Lage. Darüber redet keiner. Obwohl alle – na ja nicht ganz, aber ich und ein paar andere, also schon sehr viele  Auto fahren, steht dieses Fortbewegungsmittel nicht so hoch im Kurs.

Wenn es ums Bauen geht, trennt sich auch bei den Ökos die Spreu vom Weizen.

Eine Allianz zwischen Kleingärtnern und Autofahrern wäre daher überfällig. Schließlich gehören wir beide zu den Betrogenen. Besonders, wenn man einen Diesel hat. Der gilt, wie ein Garten, als uncool, von vorgestern und noch dazu als schmuddelig. Da ist etwas dran, denn im Supermarkt sehen die Lebensmittel deutlich sauberer aus. Ein ähnlich miserables Image haben auch wir Autofahrer.

Anders in Freiburg im Breisgau. Dort ist man mega-ökomäßig unterwegs. Und weil Öko chic ist, wollen immer mehr am Öko-Boom partizipieren, ziehen dorthin, wollen voll cool in einer Öko-Wohnung wohnen, mit Blick auf eine ökologisch wertvolle paradiesische, Landschaft und sich ökologisch fortbewegen. Dafür braucht man Wohnungen und Platz, Platz, Platz.

Und so passiert es dann, dass einige Ökos sich für die Erschließung des neuen Baugebietes „Dietenbach“ engagiert haben und dafür 168 Hektar Fläche in Beschlag nehmen wollen. So weit, so gut. Allerdings ist das nicht einfach nur Brachland, sondern wird bereits von meinen Freunden im Geiste, also den Bauern, genutzt. Nicht mit Wohnungen, aber mit Ackerfrüchten. Es wird dort zwar nicht ausschließlich, aber auch Gemüse und Obst für den regionalen Markt angebaut.

Das finden die Ökos auf dem chicken Öko-Wochenmarkt zwar meistens ganz „toll“, weswegen die Nummer mit den regionalen Lebensmitteln in jedem Ökoprojektantrag bis zum Abwinken durch genudelt wird. Doch wenn es ums Bauen geht, trennt sich auch bei den Ökos die Spreu vom Weizen.

Anarchismus und Radfahren geht zumindest graphisch gut zusammen. (Motiv: Internet)

Eigentlich ist es ganz einfach: Man kann Wohnungen schaffen durch innerstädtisches Verdichten, da ist die Kreativität von Architekten gefragt. Und man kann durch Baugesetze und kommunales Management Sozialwohnungen schaffen; den politischen Willen vorausgesetzt. Aber heute noch so zu tun, als könne man jeder Bauanfrage in einem Ballungsraum nachkommen, indem man auf Teufel komm raus neue Wohngebiete erschließt, zeugt von einem technokratischen Denken von vorgestern. Es gibt natürliche Grenzen fürs Bauen. Das sage ich als praktizierender Kleingärtner und Autofahrer. Aber wem sage ich das: Sie sind bei diesem Thema ja komplette Expertinnen und Experten, liebe Leserinnen und Leser, schließlich leben Sie in Luxemburg!

Solche Gedanken bringen mich als Kleingärtner an den Rand meiner geistigen Leistungsfähigkeit. Als Entschädigung muss ich mir dafür etwas ökologisch Gutes und Nahrhaftes zu Gemüte führen. Ich fahre zur Kelterei meines Vertrauens, kaufe mir für wenig Geld vier Liter frisch gepressten Apfelsaft und ziehe mir zur Erholung von den intellektuellen Schwarzwald-Strapazen ein paar Gläser davon rein. Endlich! Ganz risikolos ist das allerdings nicht, da das köstlich schmeckende Teufelszeug abführend wirken kann. Aber der Geschmack entschädigt wie bei einem alkoholischen Besäufnis für spätere Qualen.

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