Der letzte linke Kleingärtner, Teil 57: Das besondere Etwas

von | 15.12.2023

Na sowas: Unser Kleingärtner geht zu Weihnachten unter die Zuckerbäcker. Und hört dabei „Fairytale of New York“. Dann ist da noch die Sache mit den Rezepten, die man endlich weitergereicht bekommen hat.

So revolutionär er sich auch geben mag, unser letzter linker Kleingärtner bekennt: „Ich finde Weihnachten schön.“ (Foto: Public Domain)

Genau wie ein Großteil der gesamten Menschheit bringe ich mich zum Jahresende in Stimmung: Mit Weihnachtsliedern, mit dem Organisieren einer Unmenge von Geschenken und mit dem Besuch von Weihnachtsmärkten. Die haben zur Tarnung der an den Glühweinständen stattfindenden Saufgelage auch allerhand Buden mit Bastelarbeiten zu bieten. Und wer erst ausreichend Glühwein die Kehle hinuntertanzen ließ, braucht sich um die Einstimmung in die vom Publikum erwartete Besinnlichkeit und innere Einkehr keine Sorgen mehr zu machen. Das wird schon.

Ein nicht zu toppendes Highlight sind natürlich die selbstgemachten Geschenke. Zum Beispiel die frisch aus der herbstlichen Ernte eingekochten Marmeladen oder die feinen Säfte. Da haben wir es wieder: Uns Kleingärtnern gelingt es, der überhandnehmenden Flut emotionsloser Industrieware unter dem Weihnachtsbaum zu trotzen. Es geht einfach nichts über mühsame und schweißtreibende Handarbeit. Damit sind viele Emotionen verbunden. Diese Emotionen entladen sich beim Auspacken der Geschenke unter dem weihnachtlichen Gabentisch und ergreifen, einem üppigen Blumenstrauß gleich, mit ihrer Schönheit Besitz vom ganzen Raum – ach was, von der ganzen Wohnung. So schön und rührend wie in diesem Jahr war es noch nie.

Mir gefällt die Version, in der Shane MacGowan mit Ella Finer singt, am besten.

Ehe das hier jemand in den falschen Hals bekommt: Ich finde Weihnachten schön. Als Traditionalist der alten Schule sage ich nicht nein, wenn ein Teil meiner Mitmenschen – meist sind es Frauen – mich am Genuss ihrer leckeren Plätzchen teilhaben lässt. Traditionen können durchaus erhaltenswert sein. Ihre Rezepte behandeln diese Menschen wie kostbare Edelsteine, die sie am liebsten in mehrfach gesicherten Tresoren aufbewahren würden. Manchmal lassen sie unsereinen einen Blick drauf werfen, manchmal verraten sie sogar voller Stolz das ganze Rezept.

Wenn man das Gebäck dann allerdings zum ersten Mal selbst zu machen versucht, gelingt das so lala, aber nicht wirklich, wie man es kennengelernt hat. Was die Menschen, von denen du das Rezept hast, dir nämlich nie verraten, ist das besondere Etwas. Sie können zehn und noch mehr deiner Mitmenschen das ganze Rezept verraten, am Ende kommt dann doch genauso oft was anderes dabei heraus. Im Prinzip können sie ihr Geheimnis auch gar nicht teilen, weil sie es nicht zu bezeichnen wissen. Die Zutaten sind das eine, aber mit Liebe zu backen ist eben das besondere Etwas.

So entstehen auch die Mythen, die sich um die (Geheim-)Rezepte von Mama und Oma ranken. Und mit den Mythen zirkuliert das Evergreen des gefühlskalten Industriezeitalters „Früher war alles besser“ während der Weihnachtszeit.

Im Garten ist derweil schon Ruhe eingekehrt. Die Kartoffeln sind lange geerntet, der Grünkohl, wenn er als kleines Pflänzlein nicht vertrocknete und die Schneckenangriffe überlebte, wartet auf die Ernte und die wohlige Wärme meines Kochtopfs. Ein bisschen Endiviensalat konnte ich durch die kurze Frostperiode bringen, indem ich ihn spontan mit Kartoffelsäcken abdeckte. Die anderen Pflanzen haben es nicht geschafft und segeln seit ihrem pflanzlichen Kältetod als nun ehemalige Lebewesen durch den Orbit. Natürlich wäre es klüger gewesen, ich hätte vor dem Einsetzen der frostigen Tage die Endivien-Pflanzen mit einem kleinen Erdballen an den Wurzeln ausgegraben und in Kisten in die Scheune gestellt. Das habe ich – unter uns gesagt und bitte nicht weitererzählen – schlichtweg verschlafen und verdaddelt. Schwamm drüber und pssst: nicht an die große Glocke hängen.

In ein paar Monaten werden dennoch alle Pflänzchen in meinem Garten ihre Wiederauferstehung feiern. Bewerkstelligt wird das dann weder durch die Hand Gottes noch durch die unsichtbare Hand des Marktes, sondern durch mich, den nimmermüden Kleingärtner, der sich – so mein Neujahrsvorsatz – auch 2024 wieder redlich um die Ernährung der Menschheit kümmern wird.

Einer allerdings kann diese Weihnachten nicht mehr mit uns feiern. Shane MacGowan von den Pogues, der mir und der restlichen Menschheit mit „Fairytale of New York“ einen der ergreifendsten Weihnachtssongs geschenkt hat. Es gibt ihn in zig Varianten. Mir gefällt die Fassung, die er mit Ella Finer singt, am besten. Einen Tag vor Beginn des weihnachtlichen Monats verließ er die irdisch-irischen Gefilde und wird seine nächste Konzerttournee ganz woanders starten. Irgendwann sehen wir uns wieder, wenn er, wo auch immer, auf der Bühne steht. Versprochen.

Drei Praxistipps:

  1. Schenke Selbstgemachtes zu Weihnachten und du bist der Hahn im Korb.
  2. Grabe Salatpflanzen vor Einsetzen der Frostperiode aus und setze sie in Kisten. Sie halten dann ein bis vier Wochen länger. Guten Appetit.
  3. Buche dir rechtzeitig ein Ticket der nächsten Konzert- tournee von The Pogues. Sonst gehst du leer aus.

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