Dirk Kesseler: „Plätze sind Kulissen und eigene Charaktere zugleich“

von | 02.10.2025

Auf den Backcover im Oktober nimmt der Illustrator Dirk Kesseler die woxx-Leser*innen mit auf eine Reise durch Rom. Im Gespräch erzählt der Künstler, wieso sich verlassene Gebäude mit Parks abwechseln, die vor Menschen wimmeln, und inwiefern düstere Erinnerungen in Architektur verbleiben.

Skizzen des Künstlers. Obgleich der saubere Strich den Anschein einer digitalen Illustration erweckt, zeichnet Kesseler seine Bilder zuerst mit der Hand. Nur das Einfärben macht er digital – in Zukunft will er aber auch diesen Schritt analog mit Wasserfarben machen. (© Dirk Kesseler)

woxx: Dirk, Sie haben letztes Jahr an einer zweimonatigen Residenz in der römischen Academia Belgica teilgenommen. Wie war diese Erfahrung?

Dirk Kesseler: Im Gegensatz zu Künstlerresidenzen, wie man sie üblicherweise in unserem Bereich kennt, handelte es sich hier um eine Recherche-Residenz: Es ging vor allem darum, sich mit anderen auszutauschen, viel zu lesen und zu recherchieren. Deshalb endete die Residenz auch nicht, wie sonst, mit einer Ausstellung. Da ich nur 2 Monate lang dort war, war die Zeit ohnehin kurz. Es war aber sehr interessant, vor allem habe ich viele Kontakte mit Personen aus anderen Bereichen – sei es aus der Archäologie, der Geschichte oder der Bildhauerei – knüpfen können. Beim Spazieren durch die Stadt war deren Wissen enorm hilfreich! (lacht)

Was haben Sie sich nach dieser Residenz für die Backcover der woxx ausgedacht?

Ich stelle fünf Illustrationen vor, deren Ideen während meiner Residenz in Rom entstanden sind. Ich bin meist zu Fuß durch die Stadt gelaufen, manchmal auch ein wenig mit dem Fahrrad gefahren, und habe dabei die typischen Touristenattraktionen gemieden. Verlassene Plätze weit weg vom Touristenrummel interessieren mich viel mehr.

Welche Plätze sind Ihnen bei Ihren Rundgängen aufgefallen?

Beispielsweise habe ich den Villa Borghese Park gefunden, der zwar gerne von Touristen besucht wird, aber auch ruhige Ecken bietet. Ein Teil des Parks liegt ziemlich verfallen da, die Mauern sind eingestürzt. Als ich durch den Park ging, stand ich plötzlich vor einer verlassenen Zisterne. In jeder anderen Stadt wäre so etwas ein Highlight für Besucher*innen, aber in Rom, wo gefühlt an jeder Straßenecke ein historisches Gebäude steht, liegen etliche solcher Bauten etwas vergessen da. Das finde ich wahnsinnig faszinierend.

„Viele Anzeichen des italienischen Faschismus sind in der römischen Architektur weiterhin vorhanden.“

Im Rahmen einer Rechercheresidenz verbrachte der Illustrator Dirk Kesseler letztes Jahr zwei Monate in Rom. Das Ergebnis ist eine Serie von Risografien, von den fünf in der woxx vorgestellt werden. (© Lara Andreolli)

Architektur spielt in Ihren Illustrationen eine große Rolle: Auch in den fünf Illustrationen, die in der woxx erscheinen werden, steht jeweils ein Bauwerk im Mittelpunkt. Nach welchen Kriterien suchen Sie diese Werke und Plätze aus?

Für mich sind verlassene Plätze interessanter als große touristische Attraktionen. Gleichzeitig werde ich aber auch auf Plätze aufmerksam, die komplett überlaufen sind. Im Park der Villa Borghese etwa, gab es einen See, auf dem unzählige Menschen in kleinen Booten ruderten und mit ihren Handys wie wild tausende von Fotos schossen. Das komplette Gegenteil der verlassenen Zisterne vorher. Es glich einem Wimmelbild: Die Menschen sind mit ihren Booten fast ineinander gefahren, so voll war der Teich. Solche Plätze fühlen sich für mich einerseits wie Theaterbühnen an, Kulissen, aber andererseits auch wie eigene Charaktere. In meinen Illustrationen ist der Mensch deshalb im Vergleich zu den Bauwerken nur klein gezeichnet. Es muss nicht immer das ein oder das andere Extrem sein, aber meist werden Plätze entweder durch das Überfüllte oder durch die Leere erst so richtig interessant.

Was möchten Sie mit den architektonischen Elementen in ihren Bildern ausdrücken?

Ich zeichne Gebäude, weil sie Emotionen auslösen. Ein Bauwerk kann vieles ausdrücken, etwa Distanz oder Einsamkeit. Trotz des Comic-Stils, zeigen meine menschlichen Charaktere meist keine überbordenden Gesten oder übertriebene Gesichtsausdrücke. Denn ich drücke Emotionen lieber durch das Gesamtbild und die darin enthaltene Atmosphäre aus. Deshalb spielt auch das Licht – und wie das Licht mit einem Gebäude interagiert – eine große Rolle in meinen Illustrationen. Dazu eine kleine Anekdote: Als ich in Rom war, hat mir ein Illustrator erzählt, wo das Chirico Museum zu finden ist: ganz versteckt im ursprünglichen Wohnhaus des Künstlers [Giorgio de Chirico, Anm. der Red.]. Man muss sich vorher anmelden – es ist quasi eine private Galerie – und kommt durch ein ganz schmales Treppenhaus hoch, denn es ist ein uraltes Gebäude. Mit meinen Bildern will ich auf das Gleiche hinaus wie Chirico. Er malte große verlassene Plätze, mit tief stehenden Sonnen, weiten Schatten und hohen Türmen. Im Mittelpunkt steht dabei immer etwas Melancholisches und Unbehagliches. Auch wenn meine Illustrationen einen anderen Zweck als seine Ölgemälde haben – sie sollen ja reproduzierbar sein – finde ich, dass unser Ansatz sich ähnelt.

Dieses Unbehagen findet sich auch in Ihren Illustrationen wieder, etwa in jener mit dem See und Tempel, der im Hintergrund fast ausschließlich im Schatten liegt.

Dieser Tempel ist so dramatisch beleuchtet, dass er viel imposanter und unbehaglicher scheint, als er in Wirklichkeit war. Das ist Absicht. Denn ich mache mir viele Gedanken darüber, wie viele Anzeichen des italienischen Faschismus in der römischen Architektur weiterhin noch vorhanden sind. Ich wohne seit zehn Jahren in Berlin, und obschon Berlin auch durch den Faschismus geprägt wurde, bleibt davon heutzutage nicht mehr viel übrig. In Rom ist das anders: Dort prangen Zitate von Mussolini an Fassaden und Mosaiken, Skulpturen und Obelisken erinnern an die Vergangenheit, etwa das Fußballstadion „Olimpico“, den sich die AS Roma- und SS Lazio-Mannschaften teilen. Wenn man sich dann vorstellt, wie das Stadion an Spieltagen wirkt … Solche Bauwerke sind Symbole der Unterwerfung: Sie wurden auch zur Unterdrückung gebaut. Davon hat Rom mit seiner gut 3000 Jahre langen Geschichte viele. Gleichzeitig ist die Stadt so willkürlich zusammengewürfelt – die Stadtplanung ist ja vollkommen absurd –, dass die historischen Gebäude neben modernen Bauten und Geschäften stehen, was wiederum ein großer Kontrast zu Berlin bietet. Meine von Berlin inspirierten Illustrationen haben mehr „Luft“, weil hier alles weiter auseinanderliegt. Wobei die breiten Alleen auch hier an die Vergangenheit erinnern, etwa an die DDR-Zeit und die Militärparaden, die auf ihnen stattfanden. Ich finde es sehr spannend, wie man im Alltag inmitten dieser imposanten Gebäude lebt, die im Grunde als Machtdemonstration dienten. Und trotzdem sammeln sich auf diesen Plätzen die unterschiedlichsten Personen – meist, um einen schönen Tag zu verbringen, etwa auf dem See vor dem Tempel. Nachts ist es wieder eine andere Geschichte.

Ich finde es sehr spannend, wie man im Alltag inmitten dieser imposanten Gebäude lebt, die im Grunde als Machtdemonstration dienten.“

Im Rahmen einer Rechercheresidenz verbrachte der Illustrator letztes Jahr zwei Monate in Rom. Das Ergebnis ist eine Serie von Risografien, von den fünf in der woxx vorgestellt werden. (© Dirk Kesseler)

Im Schein der Straßenlichter?

Ja. In Rom glühen sie oft orangefarben, teils liegen die Straßen im Dunkeln da, und man erkennt nur die hell beleuchteten Monumente am Horizont oder ein Paar Katzenaugen, die einen aus dem Dunkeln anfunkeln. Ich war oft nachts mit dem Fahrrad unterwegs und die Atmosphäre war eine ganz andere: Was geschieht mit einer Stadt, wenn die Sonne untergeht und die Touristen im Bett sind? Rom war ruhiger, einsamer, aber auch intimer. Je nachdem, in welcher Gasse man sich gerade befand, verlor man auch leicht das Zeitgefühl: An einigen Stellen, dachte man, es könnten gerade auch die 60er oder 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts sein.

„Welche Zukunftspläne haben Sie?

Im Oktober stelle ich meine Risografie-Serie mit diesen Illustrationen aus. Langfristig will ich mehr Zeit in Animationen investieren und mein Traum ist es, mal Zeit für ein eigenes Buch zu haben. Als ich in Rom war, habe ich die Gelegenheit auch dafür genutzt, mehr Graphic Novels zu lesen. In Berlin arbeite ich in einem Atelier, in dem sich viele Comic-Künstler*innen befinden, da bin ich also schon mal an der richtigen Adresse. Nur ist man mit den Auftragsarbeiten leider schnell beschäftigt und ein solches Projekt stellt immer eine große Herausforderung dar. Doch ich habe schon einige Ideen und hoffe, diesen Winter mit meiner ersten Graphic Novel anfangen zu können.

Seit Ende 2022 arbeitet der in Berlin ansässige luxemburgische Künstler Dirk Kesseler als freischaffender Illustrator. „Ich habe von … bis gemacht“, erzählt er: Neben seiner Haupttätigkeit im Bereich des Posters und der editorialen Illustration, arbeitet Kesseler zudem an Comiczeichnungen und Animationen. Sein erstes illustriertes Kinderbuch, „D’Sandmeedchen“, kam in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Yorick Schmit und den Rotondes 2021 heraus. Es soll nicht sein letztes Buch bleiben: Der Illustrator hofft, im neuen Jahr Zeit für eine Graphic Novel zu finden. Mehr Informationen unter: www.dirkkesseler.com

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