Drogenpolitik: Mehr als nur Cannabis

Über die bevorstehende Liberalisierung von Cannabis wird viel geredet, über andere Drogen hingegen gar nicht. Dabei gäbe es gute Gründe, das zu ändern.

Psilocybinhaltige Pilze wie diese Exemplare des Psilocybe tampanensis sind in den meisten Ländern illegal. Dabei gehören sie zu den ungefährlicheren Drogen. (Foto: CC-BY-SA Workman/Wikimedia Commons)

Neben Cannabis gibt es viele andere sogenannte „leichte“ oder „sanfte“ Drogen, die weder gesundheitlich noch gesellschaftlich große Gefahren bergen. Luxemburg könnte hier – wie auch bei Cannabis und dem kostenlosen öffentlichen Transport – eine Vorreiterrolle für einen großen Teil der Welt spielen. Gerade im Bereich der psychedelischen Drogen wie LSD und Psilocybin (der Wirkstoff in sogenannten „Magic Mushrooms“) könnte auch die medizinische Forschung profitieren.

Am 22. Dezember war Premierminister Xavier Bettel (DP) zum traditionellen Jahresrückblick in der Sendung „Riicht eraus“ bei Radio 100,7 zu Gast. Gleich am Anfang des Interviews musste sich der Premier die Frage gefallen lassen, ob seine Koalition programmatisch am Ende sei. Bettel erwiderte, die Regierung habe in den letzten Monaten viel Vorbereitungsarbeit in große Dossiers gesteckt. Und gab als Beispiel unter anderem „die Liberalisierung leichter Drogen“.

Was wie ein kleines Detail wirkt, könnte eine weitaus größere Öffnung in der Drogenpolitik andeuten, als bisher angekündigt. Im Koalitionsvertrag von 2018 ist nämlich lediglich eine „Gesetzgebung über Cannabis zum Freizeitgebrauch“ vorgesehen. In welcher Form dies passieren soll – ob Entkriminalisierung oder Legalisierung –, hatten die Regierungsparteien offengelassen.

Harmlose psychedelische Drogen

Natürlich kann es sein, dass der Premierminister mit seiner Wortwahl lediglich die angekündigte Freigabe von Cannabis zum rekreativen Gebrauch meinte und innerhalb der Regierung überhaupt nicht über ein Lockern der Regeln für andere Drogen nachgedacht wird. Es gäbe jedoch viele Gründe, die dafür sprächen, dies zu tun. Einer davon ist das tatsächliche Abhängigkeits- und Schadenspotenzial verschiedener psychedelischer Stoffe, die in der Vergangenheit immer wieder untersucht wurden.

Ähnlich wie beim Cannabis könnte auch für andere Stoffe der logische Schluss gelten: Wenn die vergleichsweise gefährlichen Drogen Nikotin und Alkohol legal sind, sollten weniger gefährliche Drogen dies eigentlich auch sein. Sowohl Zigaretten als auch Alkohol haben ein sehr hohes Suchtpotenzial und bergen außerdem ein hohes Risiko, sowohl den*die Nutzer*in als auch andere zu schädigen. Erstaunlicherweise gelten laut mehreren Studien ausgerechnet die halluzinogenen Stoffe LSD und Psilocybin als harmloseste Drogen, was die Wirkung auf den Körper angeht. Das ergibt sich einerseits aus dem niedrigen Suchtpotenzial, andererseits aus der Tatsache, dass die wirksame Dosis sehr viel niedriger ist als die tödliche Dosis. Die Gefahr einer Überdosierung ist zehnmal niedriger als bei Koffein.

LSD ist wohl die bekannteste psychedelische Droge, vor allem durch ihre Popularität in der Hippiebewegung der 1960er-Jahre. Sie wurde 1938 das erste Mal vom schweizerischen Chemiker Albert Hofmann hergestellt, die halluzinogenen Eigenschaften entdeckte der Forscher jedoch erst 1943. Für das psychische Wohlbefinden kann LSD im falschen Kontext und ohne Begleitung gefährlich werden. Hofmann warnte davor, dass durch Halluzinationen und Realitätsverlust Gefahren für Leib und Leben entstehen könnten, betonte jedoch auch, derartige Unfälle würden durch Medien sensationell aufgebauscht.

Pilze gegen Depressionen

Ende der 1960er-Jahre wurde die Droge in den meisten Ländern verboten, was auch bedeutete, dass Forschung nicht mehr oder nur noch schwer möglich war. Einige Forscher*innen beklagen verschwendete Jahrzehnte, in denen mit LSD hätte geforscht werden können. So schrieb der Psychiater und Psychopharmakologe David Nutt 2018 im britischen Pharmaceutical Journal über die verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten von LSD, zum Beispiel bei der Behandlung von Alkoholismus: „Konservativ geschätzt sind in den letzten 50 Jahren etwa 150 Millionen Menschen an Alkoholismus gestorben. Hätte LSD auch nur zehn Prozent von ihnen zur Abstinenz verholfen, hätten 15 Millionen vorzeitige Tode verhindert werden können.“

In den letzten Jahren hat LSD neben erneutem Interesse in der medizinischen Forschung auch eine unerwartete Renaissance erlebt: Die sogenannte Mikrodosierung. Dabei wird eine Dosierung unterhalb der Wahrnehmungsschwelle eingenommen. Die Nutzer*innen berichten von gesteigerter Konzentration und erhöhter Leistungsfähigkeit. Die Studien, die bisher dazu veröffentlicht wurden, basieren vor allem auf den Erfahrungsberichten von Freiwilligen. In diesem Bereich gibt es also ebenfalls ein großes Forschungspotenzial.

Ähnliches wie für LSD gilt auch für die sogenannten „Magic Mushrooms“, also Pilze, die Psilocybin enthalten. Die Wirkung im menschlichen Gehirn ähnelt jener von LSD, die Effekte sind jedoch oft nicht so stark wie bei der synthetisch hergestellten Droge. Psilocybin könnte ebenfalls zur Bekämpfung von Suchterkrankungen eingesetzt werden. Nutt zitiert in seinem Artikel Studien, die herausfanden, dass Alkohol- und Nikotinsüchtige mit Psilocybin effektiv behandelt werden könnten. Außerdem gibt es große Hoffnung, dass der Stoff aus den Zauberpilzen bei Depressionen helfen könnte – vor allem bei jenen Personen, bei denen herkömmliche Antidepressiva nicht anschlagen. Eine klinische Studie des King’s College London, die Ende 2019 veröffentlicht wurde, hat keinerlei negativen kognitiven oder emotionalen Effekte feststellen können.

Foto: DEA

Paartherapie statt Partydroge

Andere Drogen wie Ketamin, Meskalin oder MDMA (bekannt als „Ecstasy“) haben ein geringes Suchtpotenzial, die Gefahr von Überdosierungen besteht jedoch. Das ist besonders bei MDMA der Fall, weswegen es mittlerweile in vielen europäischen Ländern sogenannte „Drug Checking“-Dienste gibt, bei denen Dosierung und Reinheit von Drogen analysiert werden können. Mittels einer neuen App namens TripApp lassen sich Warnungen für hochdosierte Chargen am Handy abrufen. Manchmal werden auch sogenannte neue psychoaktive Substanzen als MDMA verkauft – sodass die Konsument*innen gar nicht wissen, worauf sie sich einlassen und mit welchen Wirkungen und körperlichen Risiken zu rechnen ist. Eine Legalisierung mit reguliertem Verkauf könnte dieses Problem lösen.

Bevor MDMA zur Partydroge wurde, wurde es in der Paartherapie eingesetzt – es könnten sich hier also auch einige Pfade für die medizinische Forschung auftun. In einem wissenschaftlichen Artikel argumentierte der australische Pharmazeut Joshua Donelly, dass eigentlich kaum Gründe dagegen sprechen würden, MDMA zu legalisieren. Die meisten Befürchtungen, die es zu der Droge gäbe, wie Hirnschäden oder Depressionen, seien wissenschaftlich nicht bestätigt worden. Da die größten Risiken von falscher Dosierung ausgehen, könnte dies durch Regulierungen eigentlich besser gelöst werden.

Neben Cannabis gibt es also eine große Palette anderer Drogen, die einerseits therapeutisches Potenzial haben, andererseits keine größeren Gefahren für die Gesundheit darstellen als jene Drogen, die entweder schon legal sind oder sich in Luxemburg auf dem Weg dorthin befinden. Es ist auch ein Fakt, dass spätestens seit dem Aufkommen des sogenannten „Darknets“ und diverser Online-Marktplätze die Beschaffung von Drogen kein Problem mehr ist. Sie sind bereits verfügbar, sie sind nur nicht legal oder in einer Form reguliert, in der Konsument*innen immer dafür sorgen können, einen möglichst sicheren Trip zu haben. In diesem Sinne wäre es begrüßenswert, wenn Xavier Bettels Aussage nicht nur eine kreative Umschreibung für die Liberalisierung der Cannabispolitik wäre und die Regierung sich der Diskussion über die Entkriminalisierung weiterer sanfter Drogen nicht verschließen würde.


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