Happiest Season: Bittersüße Weihnachten

von | 22.12.2020

In „Happiest Season“ stellt Clea DuVall die Angst vor einem lesbischen Coming-out ins Zentrum einer Weihnachtskomödie. Das Problem: Strukturelle Diskriminierung und Rom-Com-Konventionen gehen nur bedingt zusammen.

Harper (r.) verwandelt sich beim Familienbesuch zu einem Menschen, den ihre Partnerin Abby (l.) nicht wiedererkennt. (Fotos: Hulu)

Wer sich Rezensionen zu „Happiest Season“ durchliest, bekommt den Eindruck, dass hier von unterschiedlichen Filmen die Rede ist. Während die einen den Streifen als herzerwärmende queere Komödie loben, bezeichnen andere ihn als erdrückenden Horrorfilm.

In einem Punkt sind sich alle eins: Mit „Happiest Season“ steht zum ersten Mal ein lesbisches Paar im Mittelpunkt eines Weihnachtsfilms aus Hollywood. Damit leistet der Film einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu queerer Visibilität im Mainstream. Was aber nun soll der Horror an dieser Produktion sein?

Vordergründig erfüllt „Happiest Season“ alle gängigen Kriterien für eine typische Weihnachtskomödie: Schnee, Geschenke, Slapstick und unerwartete Enthüllungen. Im Zentrum steht Harper (Mackenzie Davis), die ihre Partnerin Abby (Kristen Stewart) eingeladen hat, sie über die Weihnachtstage zu ihren Eltern (Mary Steenburgen und Victor Garber) zu begleiten. Angesichts dieser Prämisse könnte man sich ein Szenario à la „Meet the Parents“ erwarten. „Happiest Season“ legt den Fokus jedoch weniger auf das Kennenlernen zwischen Abby und ihren Schwiegereltern. Der eigentliche Spannungspunkt: Letztere wissen nicht, dass ihre Tochter queer ist. Und: Harper hat ihnen Abby als ihre heterosexuelle Mitbewohnerin vorgestellt.

Dass bei den Rezensionen der Eindruck entsteht, hier sei von zwei verschiedenen Filmen die Rede, kommt nicht von ungefähr: So scheint Abby sich in einem gänzlich anderen Genre zu befinden als der Rest der Figuren, stellt sich der Familienbesuch für sie doch als ein einziger Horrortrip heraus. Nicht nur weil sie ihre Beziehung mit Harper geheim halten muss, sondern vor allem weil sie Letztere plötzlich nicht mehr wiedererkennt: Harper lügt sie an, meidet sie und trifft sich mit ihrem Ex-Freund (Jake McDorman) – wissend, wie sehr sie Abby damit verletzt.

Die Problematik, die in „Happiest Season“ im Fokus steht, ist durchaus real: Viele queere Menschen fürchten, sich ihrer Familie gegenüber zu outen – für Betroffene wie auch deren Partner*innen keine leichte Situation. Mit ihrer Herangehensweise banalisiert Regisseurin und Co-Autorin Clea DuVall diese Problematik jedoch. Sie will – wie in Weihnachtsfilmen üblich – ein Problem ins Zentrum stellen, das durch Selbsterkenntnis, Kommunikation und Nächstenliebe gelöst werden kann. Nur eignen sich Heteronormativität und internalisierte Homofeindlichkeit nicht als solches Problem. Dafür sind sie zu politisch aufgeladen und strukturell verankert.

Spätestens seit Jordan Peeles „Get Out“ (2017) wissen wir, dass sich strukturelle Diskriminierung hervorragend als Stoff für Horrorfilme anbietet. „Happiest Season“ hätte das queere Pendant dazu werden können: Abby und Harper landen in einer heteronormativen Hölle und können ihr nur mit Mühe und Not entfliehen. Stattdessen entwickelt sich ein regelrecht antagonistisches Verhältnis zwischen den beiden: Nicht Homofeindlichkeit, sondern Harper ist der Bösewicht des Films. Die „Lösung“ des Problems liegt für die Protagonistinnen zudem nicht in ihrer Selbstbehauptung, sondern ihrer Assimilation.

In einem Interview erklärte DuVall, dass es ihr wichtig war, den Film mit einem Happy End abzuschließen, LGBTQ-Figuren sei ein solches nur viel zu selten vergönnt. Es ist wahr, dass queere Filme überdurchschnittlich oft in Tragödien enden. Für wen das Ende von „Happiest Season“ ein glückliches ist, sei allerdings dahingestellt.

Als Horrorfilm hätte „Happiest Season“ durchaus funktionieren können, als Weihnachtskomödie unter bestimmten Umständen auch – das, was DuVall uns da allerdings präsentiert, funktioniert leider weder als das eine, noch als das andere.

Auf Netflix.

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