Hochstaplerin Anna Sorokin: Fake it till you make it

Die Miniserie „Inventing Anna“ macht die Hochstaplerin Anna Sorokin zum Star und hält einer kapitalistischen und sexistischen Gesellschaft den Spiegel vor. Was spannend beginnt, endet mit fremdenfeindlichen Tagträumen.

Die Journalistin Vivian Kent (rechts) und die Hochstaplerin Anna Delvey (links) verkörpern in „Inventing Anna“ beide Frauen, die auf ihre Weise um Anerkennung in kapitalistischen und sexistischen Kreisen kämpfen. (Copyright: Netflix)

Achtung, Spoiler-Gefahr!


Hochstapler*innen faszinierten schon die Gebrüder Grimm und Thomas Mann, jetzt hat auch Netflix sie für sich entdeckt: Die neunteilige Dramaserie „Inventing Anna” erzählt die Geschichte von Anna Sorokin nach, die New Yorker Banken, Geschäftspartner*innen, Bekannte und Freund*innen um insgesamt 275.000 Dollar betrog. Die Miniserie von Shonda Rhimes lief im Februar auf der Plattform an. Sie basiert auf einem Artikel von Jessica Pressler, der 2018 im New York Magazine erschien und Anna Sorokins Vorgehen öffentlich machte.

Die heute 31-jährige Sorokin schlich sich zwischen 2013 und 2017 in die High Society des Big Apple ein, indem sie behauptete eine reiche Europäerin zu sein, die in New York eine Kunststiftung mit privatem Mitgliederclub gründen will. Unter dem Pseudonym Anna Delvey fälschte die Deutsch-Russin Beglaubigungen und Briefe, stellte ungedeckte Checks aus und brachte mehrmals Menschen dazu, ihr Geld für Luxusreisen vorzustrecken, das sie nie zurückzahlte. 2019 wurde sie nach mehreren Anzeigen zu einer vier- bis zwölfjährigen Haftstrafe und Geldbußen verurteilt. Sie kam bereits 2021 auf Bewährung frei, doch wurde sie sechs Wochen später wegen Ablauf ihres Visums vom Immigration and Customs Enforcement erneut festgenommen. Sorokin, die ihre Betrugsmasche nach ihrer Entlassung übrigens ungeniert weiterführte, kämpft derzeit juristisch gegen ihre geplante Ausweisung nach Deutschland an.

Anna (Julia Garner) wird in der Serie abwechselnd als Kind ihrer Zeit stilisiert, in der Schwindel und verzerrte Selbstinszenierungen allgegenwärtig sind, sowie als junge Frau mit einer Vision, die sich aufgrund struktureller Diskriminierung von Frauen nicht anders zu helfen weiß als mit Betrug. Anna spricht mehrmals an, dass vor allem männliche Geldgeber sie aufgrund ihres Alters und ihres Geschlechts nicht ernst nehmen. An dem Argument ist allgemein gesehen sicherlich etwas dran, nur instrumentalisiert Anna es zu ihren Zwecken.

Die Journalistin Vivian Kent (Anna Chlumsky), die Annas Geschichte in der Serie aufrollt, bietet da eine weitaus komplexere Auseinandersetzung mit dem Berufsalltag und der gesellschaftlichen Stellung von Frauen, zumal sie nicht nach einem Leben in Saus und Braus lechzt, sondern ihren Ruf als ernstzunehmende Journalistin wiederherstellen will. Die männliche Chefredaktion ist nicht gut auf sie zu sprechen: Vivian wurde von einem minderjährigen Interviewpartner angelogen und verarbeitete seine Angaben in einem Artikel, der ohne gründlichen Faktencheck von ihrem Kollegen freigegeben wurde. Später stellte der Interviewpartner Vivian öffentlich für ihre Arbeitsweise bloß. Die Journalistin wittert ihr Comeback, als sie auf Anna Delvey aufmerksam wird.

Von Kapitalismuskritik 
zu Klischees

Vivian Kent ist hochschwanger mit ihrem ersten Kind, als sie mit den Recherchearbeiten beginnt. Diese Rahmenhandlung ist insofern interessant, als dass sie gleich mehrere soziale Phänomene bespricht: Leistungsdruck, Sexismus und stereotype Rollenzuschreibungen. Vivian fühlt sich dazu verpflichtet, auf die Zähne zu beißen, um ihre Karriere voranzutreiben. Sie wird zum Sinnbild kapitalistischer Strukturen: Erfolg hat nur, wer seine persönlichen Grenzen überschreitet. Dabei schwingt mit, dass Vivian als Frau doppeltem Druck ausgesetzt ist. Es kommt wiederholt zur Sprache, dass ihre Karriere nach der Geburt des Kindes vorbei sein könnte. Zwar hat Vivian einen Partner, der die Hausarbeit übernimmt, doch trägt die allgemeine, traditionelle und sexistische Rollenverteilung zu ihrer Torschlusspanik bei. Das verleiht der Geschichte um Anna Delvey eine weitere Dimension, die fast interessanter ist, als das Leben der Hochstaplerin selbst.

Umso enttäuschender ist es, dass sich ausgerechnet Vivian am Ende der Serie als fremdenfeindliche und unprofessionelle Journalistin entpuppt. Sie reist nach Deutschland, um Annas Familie ausfindig zu machen. In Tagträumen fantasiert sie über Annas Kindheit – und die strotzen vor Klischees über Russ*innen. Anna taucht als platinblondes Mädchen mit starkem Akzent auf, das für seinen Vater Geld schmuggelt. Als ein Polizist sie am Flughafen auffordert, ihre Tasche zu öffnen, stecken zwei dubiose Männer ihm Schweigegeld zu. Sie führen Anna zu ihrem Vater: Ein bulliger Typ mit Goldkettchen, der sündhaft teuren Wein mit Cola mischt. Mit diesen Tagträumen ist es aber nicht getan, denn als Vivian auf Annas Vater trifft, fragt sie ihn unverblümt, ob er ein Gangster sei, und stellt ihm nach. Zwar wird in diesen Folgen die Frage aufgeworfen, inwiefern Annas Handlungen als Reaktion auf Fremdenfeindlichkeit zu verstehen sind, doch geht der Schuss mit diesen Darbietungen nach hinten los.

Das Ende der Serie ist aber nicht nur deswegen schwer verdaulich. Annas Darstellung nimmt absurde Züge an: Ihre emotionalen und dramatischen Wutausbrüche, ihr Hass auf ihren Anwalt Todd Spodek (Arian Moayed) und Vivian werden mit Mitleid quittiert. Todd stellt sein Familienglück für Anna aufs Spiel und Vivian wirft journalistische Prinzipien über Bord. Gleichzeitig werden Annas Opfer vor Gericht kleingemacht, während Anna aufgrund ihrer Outfits in den Medien gefeiert wird. Ob auch das als Gesellschaftskritik zu verstehen ist? Oder will „Inventing Anna“ mit dem Finger auf die Betrogenen, statt auf die Hochstaplerin zeigen? Die Antwort liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Auf Netflix.

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