Wie erhofft, treibt die neue Regierung unter PrĂ€sidentin Xiomara Castro demokratische Reformen im zentralamerikanischen Honduras voran. So wurde die gesetzliche Grundlage fĂŒr die umstrittenen Sonderwirtschaftszonen âZedeâ annulliert.

Will auch gegen die Straflosigkeit im Land vorgehen: Die honduranische PrÀsidentin Xiomara Castro am 6. Mai in ihrem Amtssitz in Tegucigalpa. (Foto: EPA-EFE/Gustavo Amador)
Auf der Rangliste der Pressefreiheit rangiert Honduras derzeit auf Platz 165 der insgesamt 180 gelisteten LĂ€nder. Das lieĂ die Organisation âReporter ohne Grenzenâ am 3. Mai, dem Welttag der Pressefreiheit, wissen: FĂŒr Journalistinnen und Journalisten sei das Land eines der gefĂ€hrlichsten auf dem ganzen Kontinent, sie wĂŒrden âregelmĂ€Ăig angegriffen, Ziel von Schikanen und EinschĂŒchterungskampagnen, Morddrohungen ausgesetzt und ins Exil gezwungenâ. âReporter ohne Grenzenâ nennt als ein grundlegendes Problem die Konzentration gröĂerer Medien in den HĂ€nden multinationaler Konzerne und kleinerer in denen der politisch einflussreichen Klasse; dem Medienpluralismus tue das nicht gut. Ein weiteres Problems sei, dass Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten kaum geahndet werden.
Dem stimmt Dina Meza zu: âMehr als 90 Kolleginnen und Kollegen starben zwischen Oktober 2001 und Oktober 2021 durch Attentate und AnschlĂ€geâ, so die Redakteurin und GrĂŒnderin von âPasos del Animal Grandeâ (Schritte des groĂen Tiers), einer Zeitung, die sich fĂŒr Grund- und Menschenrechte einsetzt. Um diese steht es nicht gut in Honduras. âVon den mehr als 90 Journalistenmorden wurde nur eine Handvoll aufgeklĂ€rt, in vier FĂ€llen landeten die TĂ€ter im GefĂ€ngnis, nicht aber die Auftraggeberâ, erlĂ€utert Meza das grundlegende Problem der Straflosigkeit.
Gegen diese will die seit Ende Januar amtierende PrĂ€sidentin Xiomara Castro vorgehen (siehe auch den Artikel âHohe Erwartungen an Castroâ in woxx 1669). Mittlerweile hat sie laut Meza auch erste Schritte hierzu unternommen. Mehr Schutz fĂŒr Berichterstatterinnen und Berichterstatter soll es demnach kĂŒnftig geben. Ein eigener Etat fĂŒr den âNationalen Schutzmechanismusâ wurde ebenfalls eingerichtet. Damit will man Personen schĂŒtzen, die wegen ihres Engagements fĂŒr Menschenrechte und Meinungsfreiheit bedroht werden. Meza ist mit den zustĂ€ndigen Regierungsstellen in Kontakt. In diesem sind im Haushalt mehr Ausgaben fĂŒr Soziales, Bildung und die Justiz vorgesehen. Erfreulich ist laut JoaquĂn MejĂa auch das Tempo, das die neue Regierung bei der Initiierung ihrer Reformen vorlegt: âIn der Polizei weht bereits ein neuer Windâ, so der Menschenrechtsanwalt und Mitarbeiter des Jesuitischen Forschungszentrums âEric-SJâ.
Zum Sicherheitsminister hat PrĂ€sidentin Castro den ehemaligen Polizeichef RamĂłn SabillĂłn ernannt. Der hatte zuvor fĂŒnf Jahre im US-amerikanischen Exil verbracht und genieĂt das Vertrauen der aktuellen US-Regierung. SabillĂłn floh 2016 aus Honduras, weil er um seine Sicherheit fĂŒrchtete. Er war fĂŒr die Verhaftung hochrangiger DrogenhĂ€ndler verantwortlich gewesen, die Verbindungen zu honduranischen Politikern hatten. Auch der neue Polizeichef Alexis Galo Maldonado steht fĂŒr den Wandel. Und die Armee soll fortan keine zivile Aufgaben mehr wahrnehmen.
Dem Netzwerk fĂŒr investigativen Journalismus âInsight Crimeâ zufolge sind die honduranischen OrdnungskrĂ€fte jedoch weiterhin stark von Angehörigen der organisierten DrogenkriminalitĂ€t durchsetzt. SabillĂłns VorgĂ€nger als Polizeichef etwa, Juan Carlos Bonilla Valladares, wurde von US-StaatsanwĂ€lten im Jahr 2020 beschuldigt, Kokainlieferungen fĂŒr den Drogenring von Juan Antonio âTonyâ HernĂĄndez abgesichert zu haben, dem Bruder des von 2014 bis 2022 amtierenden PrĂ€sidenten Juan Orlando HernĂĄndez.
Viel wichtiger als die Personalwechsel auf der FĂŒhrungsebene sei die Ăberwindung der Straflosigkeit, sagt MejĂa mit Blick auf Valladaresâ Auslieferung wegen Drogenhandels im April an die USA: âDas hat einen Katalysatoreffekt, denn Juan Orlando HernĂĄndez hatte nicht nur den ganzen Staat im Griff, sondern auch seine Parteiâ, die Nationale Partei. âEr war der Kopf der Schlange, die sich ohne ihn nur noch windetâ, so der Jurist.
âVon den mehr als 90 Journalistenmorden wurde nur eine Handvoll aufgeklĂ€rt, in vier FĂ€llen landeten die TĂ€ter im GefĂ€ngnis, nicht aber die Auftraggeber.â
Eine direkte Folge dieser âKopflosigkeitâ der jetzigen Opposition ist, dass die neue PrĂ€sidentin im Parlament auf deutlich weniger Widerstand bei der Durchsetzung ihrer Gesetzesvorhaben trifft. âDas war schon bei der Annullierung des sogenannten Geheimnisgesetzes so, fĂŒr die eine breite Mehrheit gestimmt hatâ, sagt MejĂa. Das 2014 in Kraft getretene âGesetz zur Klassifizierung öffentlicher Dokumente mit Bezug zur nationalen Sicherheit und Verteidigungâ diente vor allem der Verschleierung und sorgte fĂŒr politische Intransparenz. MejĂa hĂ€lt dessen Streichung im MĂ€rz fĂŒr einen entscheidenden Schritt, um Straflosigkeit und Korruption in Honduras zu bekĂ€mpfen.
Auch dass die gesetzlichen Grundlagen zur Errichtung sogenannter âZonen fĂŒr BeschĂ€ftigung und wirtschaftliche Entwicklungâ (Zonas de empleo y desarrollo econĂłmico; Zede) annulliert wurden, wertet der Anwalt als einen solchen Schritt. Gegen diese Sonderwirtschaftszonen hatte es 2021 groĂe Proteste gegeben, denen sich sogar die katholische Kirche anschloss, weil sie Grundrechte der Bevölkerung verletzt sah. âDie Regierung und das Parlament hatten die Zede gegen die Bestimmungen der Verfassung durchgesetztâ, so MejĂa. Diese nĂ€mlich schreibe vor, dass nationales Territorium nicht ohne ein Referendum verĂ€uĂert werden darf. Ein Gesetz aus dem Jahr 2013 zur Errichtung solcher Zonen lieferte die Grundlage dafĂŒr, dass diese nicht mehr vom honduranischen Staat, sondern als weitgehend autonome Gebiete mit eigenen Gesetzen von internationalen Investoren verwaltet werden können. Ein verfassungsmĂ€Ăiges Referendum hierzu habe es jedoch nie gegeben.
Am weitesten fortgeschritten ist die Zede PrĂłspera auf der Insel RoatĂĄn, gegenĂŒber von der Bucht von La Ceiba, einem touristischen Zentrum des Landes. Das Gesetz zu den Zede schrieb vor, die Sonderwirtschaftszonen in Regionen anzusiedeln, die wenig bevölkert und ökonomisch schwach entwickelt sind. âDas ist aber mitten im Mekka des honduranischen Tourismus nicht der Fall und PrĂłspera wurde nicht, wie das Gesetz es vorschrieb, vom Kongress offiziell genehmigtâ, sagt der Menschenrechtsanwalt MejĂa.
Die vier existierenden Zede wurden ĂŒber die Köpfe der dort lebenden Bevölkerung hinweg errichtet. Zumindest die Art und Weise, wie die afroindigene Minderheit der Garifuna ĂŒbergangen wurde, ist laut Experten wie der honduranischen Juristin Andrea Nuila illegal gewesen. Die auf RoatĂĄn lebenden Garifuna fallen unter die Bestimmungen der von den Mitgliedsstaaten der Internationalen Arbeitsorganisation ILO verabschiedeten Konvention 169 zum Schutz indigener Völker.
âEs hat nie Informationsveranstaltungen ĂŒber PrĂłspera gegeben, die Garifuna sind nicht gefragt worden, ob sie mit der Zede einverstanden sindâ, sagt Nuila, die eine Doktorarbeit zu den Zede in Honduras schreibt. PrĂłspera ist als private âCharter Cityâ konzipiert. Der praktisch unabhĂ€ngige Stadtstaat mit privater Regierung und eigener steuerlicher, regulatorischer und rechtlicher Struktur sei nach den Konzepten des US-amerikanischen Ăkonomen Paul Romer geplant, so Nuila. Romer hatte 2009 vorgeschlagen, in wachstums- und strukturschwachen LĂ€ndern als Mittel zur ArmutsbekĂ€mpfung solche Sonderverwaltungszonen einzurichten.
Nicht viel anders liegt der Fall in den drei weiteren Zede, MorazĂĄn, OrquĂdea und Mariposa. Sie werden voraussichtlich geschlossen, was einem Erfolg der Protestbewegung gleichkĂ€me und der Einlösung eines Wahlversprechens Castros. Deren bisherige Amtszeit hĂ€tte MejĂa zufolge kaum besser laufen können. Nur die Rolle ihres Ehemanns, des von 2006 bis 2009 amtierenden ehemaligen PrĂ€sidenten Manuel Zelaya, sei problematisch. âOffiziell ist er nur Berater seiner Frau Xiomara Castroâ, so MejĂa, der aus vertraulicher Quelle wissen will, dass Zelaya auch Kabinettssitzungen leitet: âDas ist ein Risiko fĂŒr die LegitimitĂ€t der PrĂ€sidentin und kein gutes Signal fĂŒr die Redemokratisierung von Honduras.â

