Im Kino: The Farewell

In „The Farewell“ fließen Reflexionen über Familie, kulturelle Differenzen und Abschied nahtlos ineinander – mit beeindruckendem Ergebnis.

Billi steht vor der Herausforderung, Abschied von ihrer Großmutter zu nehmen, ohne sich dies anmerken zu lassen. (© A24)

Dass „The Farewell“ in diesem Januar in aller Munde ist, liegt weniger am Film selbst als an dessen Hauptdarstellerin: Die 31-jährige Künstlerin Awkwafina schrieb nämlich Geschichte als erste Schauspielerin asiatischer Abstammung, die mit einem Golden Globe für die beste Hauptrolle in einer Komödie ausgezeichnet wurde.

Abseits dieses prominenten Preises erhielt jedoch auch die Regisseurin und Autorin von „The Farewell“, Lulu Wang, zahlreiche Auszeichnungen für ihr neuestes Werk. Und: An den amerikanischen Kinokassen war die Tragikomödie ein voller Erfolg. Dabei dürfte der Film, der sich keinem eindeutigen Genre zuordnen lässt, sich mit Themen wie Tod und Krankheit befasst und dessen Dialoge größtenteils auf Mandarin gesprochen werden, nicht unbedingt leicht zu vermarkten gewesen sein.

„The Farewell“ basiert auf Wangs persönlichen Erfahrungen und erzählt von einer Familie, deren Mitglieder auf verschiedenen Kontinenten angesiedelt sind: Schriftstellerin Billi und ihre Eltern leben in New York, der Rest der Familie im chinesischen Changchun. Als die Familienälteste (Shuzhen Zhao), im Film von allen nur Nai Nai („Großmutter“ auf Mandarin) genannt, mit Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert wird, entscheiden die Verwandten, dies vor ihr zu verheimlichen. Anders als in anderen Ländern ist dies in China nicht illegal. Gerechtfertigt wird es damit, dass laut chinesischer Tradition das Leben eines Menschen nicht nur ihm selbst, sondern auch seiner Familie gehört. Zudem erhofft man sich, Nai Nai durch das Vorenthalten der Schreckensnachricht zu einem längeren Leben zu verhelfen. Als Vorwand, um die Großmutter ein letztes Mal besuchen zu können, wird spontan in Changchun eine Eheschließung zwischen Billis Cousin Hao Hao (Han Chen) und seiner Partnerin (Aoi Mizuhara) organsiert.

Während die Alibi-Vermählung den Plot von „The Farewell“ vorgibt, liefern die Lüge sowie Nai Nais Krankheit den emotionalen Unterton. Billi, die nichts von der Geheimhaltung hält, wird von ihrem schlechten Gewissen geplagt. Gleichzeitig muss sie den bevorstehenden Tod ihrer Oma verarbeiten, zu der sie ein sehr enges Verhältnis pflegt. Durchgehend wird auch ihre Suche nach einer Identität thematisiert: Welchen Platz nimmt sie innerhalb dieser Familie ein? Wie lassen sich ihre amerikanische und ihre asiatische Identität miteinander verbinden? Wo ist ihr Zuhause? Billi unterscheidet sich in vielem von ihrer Familie – sie lebt in prekären Verhältnissen, ist glückliche Single und scheut sich nicht, ihre Emotionen zu zeigen – und doch ist die Zuneigung, die die einzelnen Mitglieder einander entgegenbringen, zu jedem Moment spürbar.

Beide Aspekte – die Geheimhaltung und die Trauer – hängen untrennbar zusammen, hindert erstere doch daran, richtig von diesem geliebten Menschen Abschied zu nehmen. Daran zeigt sich, dass die Lüge, auf welche unter anderem Billis Eltern pochen, auch noch für etwas anderes steht, nämlich den Unwillen, Nai Nais Zustand zu akzeptieren.

Auch wenn Billi die eigentliche Hauptfigur ist, nimmt die Großmutter doch mindestens genauso viel Raum ein. Es ist beeindruckend, wie es Wang gelingt, innerhalb von 100 Minuten einen derart lebhaftes Bild dieser imposanten Frau zu vermitteln. Wie sich nach und nach herausstellt, ist es Nai Nai, die in der Familie den Ton angibt. Und auch wenn sie das Opfer der Lüge ihrer Verwandtschaft ist, so lügt in gewisser Weise auch sie, ist sie doch darum bemüht, ihre gesundheitliche Verfassung zu verbergen und gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Dass Wang für jede ihrer Figuren Sympathie empfindet und trotz der ernsten Themen nie den Blick für Humor und Wärme verliert, macht „The Farewell“ zu einem besonderen Seherlebnis.

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