Naomi Osaka gilt mit 23 Jahren als Legende des Tennissports. Sie mischt die Szene nicht nur mit ihrem Talent, sondern auch mit ihrem politischen und sozialen Engagement auf. Letzte Woche lief eine Doku-Serie ĂŒber die Japanerin auf Netflix an. Die fesselt auch Menschen, die mit TennisschlĂ€gern nichts anfangen können.

COPYRIGHT: Netflix/Bildquelle: IMDB
PĂŒnktlich zum Auftakt der Olympischen Spiele in Tokio am kommenden Freitag lĂ€uft auf Netflix Tennis: Die erst 23-jĂ€hrige japanische Spielerin Naomi Osaka erhĂ€lt ihre eigene Doku-Serie, produziert von Garrett Bradley. Darin geht es um weit mehr als die Zelebrierung eines Tennisstars.
Die Doku beginnt mit Osakas erstem Grand-Slam-Turniersieg 2018. Die damals 20-JĂ€hrige bezwang die Legende Serena Wiliams und gewann die US Open. Ăber die Jahre hinweg ging sie in drei weiteren Grand- Slam-Turnieren als Gesamtsiegerin vom Platz und fĂŒhrte 2019 als erste Japanerin aller Zeiten die Weltrangliste im Dameneinzel an.
GlĂŒcklich oder unbeschwert wirkt die Athletin allerdings nicht. Die Serie besteht aus Archivmaterial, Interviews mit Osakas nahem Umfeld, wackeligen Handyvideos der Spielerin sowie aus der Dokumentation ihres Alltags. Immer wieder wird deutlich, dass Osaka unter dem Druck leidet, dem sie als Profisportlerin ausgesetzt ist. Aufmerksamen Zuschauer*innen fĂ€llt auf, dass hinter ihrem Leid jedoch mehr als die Furcht vor einer Niederlage steckt.
Sie erwĂ€hnt oft beilĂ€ufig â zum Beispiel wĂ€hrend sie nach einem Umzug Kisten auspackt â , dass sie generell Ăngste hat, die wahren GrĂŒnde dafĂŒr vor ihrem Team und ihrer Familie aber verheimlicht. Nachdem sie alleine in die neue Wohnung gezogen ist, liegt sie die ganze Nacht wach, weil die fremden GerĂ€usche sie gruseln. Ihrem beruflichen und professionellen Umfeld gegenĂŒber habe sie behauptet, sie habe wegen des Jetlags kein Auge zugemacht. Das verrĂ€t sie den Zuschauer*innen aus dem Off.
Wenn ihr Coach spĂ€ter beim Training betont, alle Teammitglieder hĂ€tten eine Stimme, entgegnet Osaka mehrmals: âI donât have a voice.â Damit meint sie sicherlich nicht, dass ihr die Medien und die Fans keine Beachtung schenken â sie wird von ihren AnhĂ€nger*innen gefeiert wie ein Popstar und von mehreren Modekonzernen, darunter das Luxus-Label Louis Vuitton, gefördert. Es gibt inzwischen sogar eine Barbie-Puppe, die aussieht wie die Tennisspielerin. Osakas Aussage legt eher nahe, dass sie sich von ihrem Umfeld nicht ernst genommen und sich unwohl fĂŒhlt.
Auch die Beziehung zwischen Osaka und ihren Eltern wirft Fragen auf. Ihre Eltern sind Migrant*innen aus Japan und Haiti, die in den USA leben, und aus dem Familienkreis wenig Akzeptanz fĂŒr ihre Beziehung erfuhren. Osaka erinnert sich in der Serie an die Geldprobleme ihrer Eltern. Ihre Mutter musste oft Ăberstunden machen und in ihrem Auto ĂŒbernachten. âI just remember when I was playing the local tournaments, all I was thinking was like, âI want my mom to be happy, I want her to stop workingââ, sagt sie. Wenn Osaka an ihre Kindheit zurĂŒckdenkt, spricht sie auch ĂŒber tĂ€glich acht Stunden Training, die ihre Eltern ihr aufgebrummt haben. An einer anderen Stelle geht es darum, dass sie und ihre Schwester durch den Heimunterricht nie viel Kontakt mit Gleichaltrigen gehabt hĂ€tten. Beides spricht dafĂŒr, dass die Eltern Naomi Osakas Karriere aus finanzieller Not unterstĂŒtzt haben. Osaka scheint sich im Umkehrschluss fĂŒr das Wohlergehen ihrer Eltern verantwortlich zu fĂŒhlen, was sie zusĂ€tzlich unter Druck setzt und ihre Freiheit einschrĂ€nkt.
Ăberzeugt von dem, was sie macht, wirkt Osaka eigentlich nur, wenn es um ihr soziales und politisches Engagement geht. Sie ist seit dem Mord an Georges Floyd Teil der Black Live Matters Bewegung. Die Doku geht allerdings erst spĂ€t auf die Tatsache ein, dass Osaka als Schwarze Asiatin mit japanischem Pass, die in Amerika aufgewachsen ist, sowohl in den USA als auch in Japan Rassismus erfĂ€hrt.
Osaka sagte 2020 aus Protest gegen die Polizeigewalt gegen Schwarze das Halbfinalspiel bei den Western and Southern Opens in New York City ab. Die Turnierleitung verlegte folglich alle Partien fĂŒr den Tag. Zu den sieben Spielen der US Open 2020 â Osaka gewann das Turnier â lief die Athletin zu jeder Partie mit einer Atemmaske ein, auf der der Name eines Opfers rassistischer (Polizei-)Gewalt stand. Athlet*innen aus anderen Sportarten setzten zur gleichen Zeit mit Gedenkminuten vor Spielen, T-Shirts und Streiks ein Zeichen gegen Rassismus. Osaka ist die einzige Tennisspielerin, die eine entsprechende Aktion durchfĂŒhrte.
Was die Doku nicht thematisiert: Im Mai 2021 gab Osaka öffentlich bekannt, dass sie seit Jahren an Depressionen und AngstzustÀnden leidet. Im Mai weigerte sie sich deswegen gegen die Medienpflicht im Rahmen der French Open. Die Teamleitung drohte mit der Disqualifizierung. Osaka stieg freiwillig aus. Sie erhielt eine Geldstrafe, weil die Teilnahme an Pressekonferenzen verpflichtend sind.
Osaka kritisierte in einem Twitter-Beitrag, dass die Turnierleitung die Athlet*innen zur Teilnahme an Presseterminen zwinge, ohne RĂŒcksicht auf ihre mentale Gesundheit. Es komme oft genug vor, dass Sportler*innen nach einer Niederlage durch repetitive oder kritische Fragen der Journalist*innen im Presseraum zusammenbrechen wĂŒrden â das mĂŒsse sich Ă€ndern.
Osakas Kritik hat nichts von Diva-AllĂŒren, die ihr Kritiker*innen in den sozialen Medien unterstellen. Sie macht sich damit fĂŒr Sportler*innen und allgemein fĂŒr Menschen mit mentalen Krankheiten stark, die keine Kraft fĂŒr eine öffentliche Zurschaustellung haben â und das ist wertvoll. Osaka nimmt ĂŒbrigens an den Olympischen Spielen fĂŒr Japan teil und steht dann zum ersten Mal seit dem Skandal bei den French Open wieder auf dem Platz. Ob sie vor die Presse treten wird, ist noch unklar.
Es ist schade, dass die Doku sich erst in der letzten der drei Folgen mit Osakas politischem und sozialen Engagement beschĂ€ftigt. Generell ist unklar, welche Geschichte die Macher*innen der Serie erzĂ€hlen wollen. Geht es darum, Osaka als Menschen zu portrĂ€tieren? Ist die Serie eine Kritik an der Sportwelt und dem Umgang mit BIPOC? Oder ist sie bloĂ eine Marketing-Strategie, wie der Journalist Marko Langer in seinem Artikel fĂŒr die Deutsche Welle schreibt?
Selbst wenn dem so wĂ€re: Die Macher*innen geben einer jungen Frau eine Plattform, die selbst Menschen, die nichts mit Tennis anfangen können, Mut macht, um gegen Rassismus und die RĂŒcksichtlosigkeit gegenĂŒber Menschen mit mentalen Krankheiten aufzustehen.

