Im Stream: Pluribus

von | 14.11.2025

Fünf Jahre nach „Better Call Saul“ kehrt Vince Gilligan mit einem für ihn ungewöhnlich abstrakten Projekt zurück. Nach zwei Folgen bleibt die Frage offen, ob das Experiment gelungen ist.

Wie schon in „Better Call Saul“ arbeitet Vince Gilligan auch diesmal wieder mit Schauspielerin Rhea Seehorn zusammen. (Copyright: Apple)

Vince Gilligans neue Serie „Pluribus“ beginnt mit einer ebenso simplen wie verstörenden Idee: Eine mysteriöse Pandemie befällt die Menschheit und macht sie glücklich. Doch das Glück ist nicht persönlich, sondern kollektiv: Wer infiziert ist, teilt Gedanken, Fähigkeiten und Wissen mit allen anderen – ein Zustand vollkommener Einheit, in dem die Grenzen zwischen Individuen verschwimmen. Auf den ersten Blick wirkt die neue Weltordnung wie ein Idealzustand: Alle Menschen haben Zugang zu allem. Es gibt keine Privilegien, keine Hierarchien, alle sind gleich. Wer könnte darin etwas Schlechtes sehen?

Zu den wenigen Immunen gehört Carol Sturka, Schriftstellerin aus Albuquerque, gespielt von Rhea Seehorn. Die neue Einheit nutzt jede Gelegenheit, um Carol dazu zu überreden, ebenfalls Teil des „Wir“ zu werden. Nichts liegt dieser jedoch ferner als das.

Carol ist eine ambivalente Figur: Sie ist zynisch, alkoholabhängig, unglücklich. Ihre Menschlichkeit zeigt sich nicht in ihren Stärken, sondern in ihren Schwächen – in ihren Widersprüchen, in ihrer Eitelkeit, in ihrem Widerstand gegen Nähe. Vor der Pandemie schrieb sie erfolgreiche Fantasy-Romanzen, über die sie selbst die Nase rümpfte. Ihre Weigerung, sich der Einheit anzuschließen, wirkt daher nicht heroisch, sondern trotzig.

Genau darin liegt der Reiz der Figur – und ein Risiko für die Serie: „Pluribus“ hat keine klassische Identifikationsfigur, sondern eine, die man zugleich versteht und ablehnt. Dabei wäre es interessant gewesen, wenn Seehorn ihre Rolle stärker mit komödiantischen Elementen angelegt hätte. Gilligans frühere Serien lebten davon, dass Hauptdarsteller mit Comedy-Erfahrung – Bryan Cranston und Bob Odenkirk – Tragik und Humor miteinander verbanden. Auch „Pluribus“ könnte von dieser Mischung profitieren.

Grenzenlose Freiheit

Der Titel „Pluribus“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „von vielen“ – eine verkürzte Form des US-amerikanischen Wahlspruchs „E pluribus unum“ („Aus vielen eins“). Gilligan spielt mit dieser Idee, kehrt sie aber ins Gegenteil: Was in der amerikanischen Demokratie als Symbol der Vielfalt gedacht war – eine Bevölkerung, die aus der ganzen Welt kommt und dennoch eine Einheit bildet –, wird hier zur Warnung vor dem Verlust des Individuums. „Pluribus“ verschiebt den klassischen Konflikt zwischen Mensch und Maschine jedoch ins Innere. Was, wenn die größte Bedrohung der Menschheit nicht ihre Zerstörung, sondern ihre Vollkommenheit ist?

Da jede*r alles weiß und alles kann, verliert die Welt jede Struktur: Es gibt keine Kunst mehr, keine Bildungsinstitutionen, keine Politik, keine Justiz, keinen Journalismus. Alles, was einmal Ausdruck menschlicher Begrenztheit war – Ehrgeiz, Zweifel, Kreativität –, wird überflüssig. Das ist ein faszinierendes Gedankenexperiment, aber als Serie hinterlässt es auch Leere. Wo niemand mehr etwas will oder lernen muss, bleibt keine Bewegung, keine Spannung, kein Drama.

Auch für die Immunen gibt es wenig Reibungsfläche. Wenn man sich jederzeit ein Menü auf Sterne-Niveau zubereiten oder eine Arie vorsingen lassen kann, jeden Pool, jeden Freizeitpark und jede Sehenswürdigkeit für sich alleine hat, wenn man sich mit der Air Force One an jeden beliebigen Ort fliegen lassen und abwechselnd auf einer Jacht, in einem Spaceshuttle oder einem U-Boot übernachten kann – wo liegt dann noch der Reiz von irgendetwas? Freiheit wird bedeutungslos, wenn sie grenzenlos ist. Das einzige Spannungsmoment bisher: Was macht diese Bedrohung mit einer Misanthropin wie Carol?

Wo ist der Sinn?

In diesem Sinne lässt sich „Pluribus“ als Parabel lesen – darüber, was passiert, wenn Menschen „the easy way out“ wählen: Wenn sie sich Frieden und Glück nicht erarbeiten, sondern einfach empfangen wollen – ob durch Medikamente wie Ozempic, die körperliche Selbstoptimierung ohne Verhaltensänderung versprechen, oder durch KI-Systeme, die Denken simulieren. „Pluribus“ übersetzt all diese Versprechen ins Extrem.

Nach den ersten beiden Folgen zeigt sich: „Pluribus“ steht in einer langen Tradition von Erzählungen, die sich mit der Frage beschäftigen, was den Menschen zum Menschen macht. Man denkt etwa an den Film „Her“ von Spike Jonze, wo zwischenmenschliche Interaktion durch algorithmische Empathie ersetzt wird. Auch „Ex Machina“ von Alex Garland ist spürbar, mit seiner Mischung aus Intelligenz, Manipulation und der Frage, wer hier eigentlich wen kontrolliert. Auch an „Severance“ wird man erinnert, wo die Protagonist*innen ihrem eigenen Seelenfrieden zuliebe ihr Bewusstsein in ein privates und ein berufliches Ich aufspalten – und somit buchstäblich ihre Identität opfern.

Formal ganz anders, aber thematisch verwandt ist „The Truman Show“ von Peter Weir. Beide erzählen von einer Hauptfigur, die merkt, dass ihre Wahrnehmung der Welt kontrolliert ist. Truman lebt in einer perfekten Simulation, Carol in einer perfekten Synchronisation – in beiden Fällen ist das „Glück“ Ergebnis einer Konstruktion.

Menschsein neu definiert.

Auffällig ist auch die Nähe zu „Arrival“ von Denis Villeneuve. Auch dort wird das Bewusstsein der Menschheit verändert durch eine Sprache, die das Denken und Zeitempfinden neu strukturiert. „Arrival“ wirft die Frage auf, ob wir bereit wären, von einer überlegenen, möglicherweise außerirdischen Intelligenz zu lernen, wie wir „besser“ leben könnten – selbst um den Preis, dass wir unser Menschsein neu definieren müssen.

In „Pluribus“ lässt sich ein ähnliches Prinzip erkennen: Das kollektive Bewusstsein gibt den Menschen alles Wissen, jede Fähigkeit, jede Erfahrung. Dadurch wird alles vorhersehbar, Unsicherheiten werden beseitigt – und damit der Raum für individuelle Entscheidungen und Fehler. Es ist Wissen in absoluter Vollständigkeit – hilfreich, ja, aber zugleich gefährlich für das, was den Menschen ausmacht. Ohne Reibung, ohne Konflikte, ohne individuelle Mühe verliert alles seinen Sinn.

Ob „Pluribus“ dieses Gedankenexperiment im Serienformat dauerhaft lebendig halten kann, hängt vor allem davon ab, wie Gilligan die Spannung zwischen individueller Freiheit und kollektiver Harmonie auslotet. Es bleibt zu hoffen, dass er diesen Balanceakt zwischen philosophischer Idee und packendem Drama meistert – und genug Widerspruch und Überraschungen einwebt, um das Interesse der Zuschauer*innen über die gesamte Staffel aufrechtzuerhalten.

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