Im Stream: Succession

„Succession“ zeichnete sich bisher durch einen ungewöhnlichen Filmstil und spannende Figurendynamiken aus. Die ersten Folgen der neuen Staffel lassen Zweifel aufkommen, ob die Serie ihr beachtliches Niveau halten kann.

Ein idealer Zuschauerstandpunkt wie auf diesem Bild ist in „Succession“ eher die Ausnahme. (Copyright: HBO)

Eine Familie ringt um Macht. Genau genommen streitet Oberhaupt Logan Roy (Brian Cox) mit seinen Nachkommen um die Leitung des familienbetriebenen Medienimperiums Waystar-Royco. Doch auch ein anderer Kampf prägt das Leben der Roys: jener um die Gunst von Vater Logan.

„In ‚Succession’ geht es nicht nur um Generationenkonflikte und Machtkämpfe, sondern in erster Linie um menschliche Abgründe“, schrieben wir über die ersten beiden Staffeln dieser von Jesse Armstrong geschaffenen schwarzen Komödie. Auf die am 17. Oktober angelaufene dritte Staffel trifft dies nicht weniger zu.

Es wirkt wie ein Paradox: „Succession“ ist eine Serie, der sehr viele Menschen etwas abgewinnen können, dennoch ist sie alles andere als Massenware. Das fängt schon beim Stil an. Von einem idealen Zuschauerstandpunkt kann in vielen Szenen keine Rede sein. Das fällt besonders während dramatischer Momente oder hitzigen Diskussionen auf. Die Kamera ist oft wackelig und nicht immer auf die zentrale Handlung gerichtet. Zum Teil ist sie so platziert, dass eine Figur die andere verdeckt. Zudem wird die Schärfe oft verzögert eingestellt. Wir sollen den Eindruck erhalten, dass sich die Handlung gerade live abspielt und mehr oder weniger zufällig jemand da war, um sie auf Video festzuhalten.

Ein sogenanntes Mockumentary à la „The Office“ ist „Succession“ jedoch nicht. Wie es der Name dieses Genres nahelegt, imitiert es zwar ebenfalls Techniken dokumentarischen Filmens, das jedoch mit der Intention, die Serie witziger zu machen. Schnelles Rein- und Rauszoomen lenkt den Zuschauerblick in solchen Fällen auf Personen oder Umstände, die die Situationskomik steigern. Charakteristisch für Mockumentarys ist zudem der Blick in die Kamera. Je nach Situation ist sie Komplizin der in die Kamera schauenden Person oder aber letztere fühlt sich durch die Präsenz der Kamera gedemütigt.

Diese Orientierung an dem, was gerade am witzigsten oder wichtigsten ist, bleibt in „Succession“ aus: Hier vermittelt die Kamera einerseits den Eindruck immer wieder von der sich entfaltenden Dynamik überrumpelt zu werden. Andererseits wirkt es so, als stehe allein das im Fokus, was die Aufmerksamkeit der Kameraperson erregt. Das Gezeigte wirkt dadurch nicht nur realistischer: Die Kameraperson wird zu einer weiteren Figur in der Serie.

In vielerlei Hinsicht scheinen sich die Macher*innen von „Succession“ an der 1995 in Dänemark gegründeten Dogma-95-Bewegung orientiert zu haben. Regisseur*innen, die dieser angehörten, verfolgten in jenen Jahren das Ideal, nur Handkameras und weder Spezialeffekte noch Filter zu benutzen. Auch zeitliche Verfremdungen wie etwa Rückblenden wurden vermieden. Es ist vermutlich kein Zufall, dass die erste Folge von „Succession“ den gleichen Namen trägt wie der erste Dogma-95-Film: „Celebration“.

„Succession“ ist aber auch darüber hinaus unkonventionell. Bei den Figuren ist es sinnlos, zwischen guten und bösen unterscheiden zu wollen. Stattdessen gibt es nur böse und noch bösere Figuren. Spannend bleibt es trotzdem. Man kommt nicht umhin, ständig nach jedem noch so subtilen Anzeichen von Menschlichkeit Ausschau zu halten – wohlwissend, dass diese Figuren ihre Verletzlichkeit mit einem Kontrollverlust gleichsetzen, den sie mit einer umso aggressiveren Folgereaktion zu kompensieren glauben.

Langweilig wird es auch deshalb nicht, weil sich die zwischenmenschlichen Dynamiken ständig verändern. Im Machtspiel zwischen Logan und seinen Kindern sowie den Kindern untereinander werden unentwegt die Seiten und Strategien gewechselt. Das wissen auch die Figuren, sie können sich also nie wirklich sicher sein, ob ihr Gegenüber gerade blufft oder die Wahrheit sagt. Wichtiger als das, was laut ausgesprochen wird, sind in „Succession“ Subtext, Körpersprache und Blickverhalten. Was die Figuren sagen oder tun, lässt sich also eher mit Schachzügen als mit zwischenmenschlichen Interaktionen vergleichen. Als brillante Köpfe kann man die Roys dennoch nicht bezeichnen. Vieles, was sie von sich geben, sind leere Floskeln und Beleidigungen.

Wer sich also fragt, was der Reiz an einer Serie über unausstehliche Menschen ist, deren Szenen meist darin bestehen, dass sich zwei, drei, vier oder fünf Personen in einem Raum befinden und diskutieren, unterschätzt die Machart und das Drehbuch von „Succession“. Die ersten Folgen der dritten Staffel können das Niveau jedoch leider nur bedingt halten. Zu oft weichen subtile Andeutungen expliziten Ankündigungen. Glänzte „Succession“ einst durch unvorhersehbare Wendungen, so fühlt sich in der aktuellen Staffel vieles wie ein Déjà-vu an. Auch von Menschlichkeit ist keine Spur mehr: Die Figuren sind nichts anderes als machtbesessene, gefühllose Marionetten. Ganz so, als hätten die Drehbuchautor*innen vergessen, was ihre Serie bisher so einzigartig machte. Auch wenn „Succession“ nach wie vor eine der besten laufenden Serien ist, kann man nur hoffen, dass es ihnen bald wieder einfällt.

Auf Sky Go, MagentaTV und iTunes.

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