Jordan Peele: Weiße Hölle

Der Independent-Horrorfilm „Get Out“ macht sich einen Höllenspaß daraus, Klischees umzudrehen und übt nebenbei Kritik an der politischen Korrektheit.

Wenn die Schwiegereltern anfangen, so zu starren, gilt es schnell die Kurve zu kriegen.

Chris und Rose sind das Traumpaar der gerade zu Ende gegangenen Ära Obama: Er ist ein schwarzer, inspirierter Street-Fotograf mit trauriger Kindheit, der um seinen Zugang zum Kunstmarkt kämpft. Sie dagegen ein verhätscheltes Kind der weißen oberen Mittelschicht: Vater Neurochirurg, Mutter Psychiaterin. Sie leben in einer hippen Umgebung in der Großstadt; das Leben ist angenehm, wenn auch manchmal etwas prekär. Als Rose ihren Liebsten dann zu ihren zurückgezogen in einer Luxusvilla auf dem Land lebenden Eltern einladen will, hat sie ein wenig Mühe, ihn zu überreden. Denn Chris ist sich schon der Tatsache bewusst, dass seine Hautfarbe problematisch sein kann.

Doch dann funktioniert alles wie am Schnürchen. Roses Eltern behandeln Chris, als ob er schon ihr Schwiegersohn wäre, und auch mit ihrem Bruder Jeremy kommt er – anfangs zumindest – gut klar. Trotzdem fühlt Chris sich nicht wohl: Der Gärtner und das Dienstmädchen, beide schwarz, benehmen sich sonderbar, und die Freunde seiner zukünftigen Schwiegereltern zeigen ein irgendwie ungesundes Interesse an ihm …

Das Gute an „Get Out“ ist, dass er die grundlegenden Regeln des amerikanischen Horrorfilms befolgt, sie im selben Zuge aber erneuert. Denn die Horrorklischees – wer zuerst schwächelt, begegnet als Erster dem Bösen, nie kann man sicher sein, dass das Böse, wenn es schließlich am Boden liegt, auch wirklich tot ist usw. – werden alle befolgt, sodass der Film lesbar bleibt und auch einem großen Publikum zugänglich ist. Das Neue aber ist, dass der Film die Klischees umdreht: Alle Opfer sind schwarzer Hautfarbe, und die Bösen sind weiß. Und diese weißen Bösen sind zudem keine auf Menschenjagd gehenden degenerierten Hillbillies oder sonstige Monster. Es sind politisch korrekte, Obama wählende, immer nette weiße Mittelständler. Sie sind diejenigen, von denen in „Get Out“ die Gefahr ausgeht. Als wäre es damit nicht genug, sind die eigentlich Guten im Film auch noch schwarze Polizeibeamte.

In diesem Sinne ist Regisseur Jordan Peeles erste Regiearbeit – er war vorher in der Comedy-Branche tätig – auch eine Abrechnung mit dem weißen Amerika, das es zwar beständig gut meint, die Dinge aber öfter noch schlimmer macht, als sie es schon waren.

Aber nicht nur das ist „Get Out“; das Drehbuch und die Ausführung sind stimmig und intelligent gehandhabt. Überall im Film gibt es Redundanzen, die erst am Schluss ihren wahren Sinn preisgeben. Auch die Detailverliebtheit des Regisseurs trägt dazu bei, dass der Film, auch wenn er sich an die Horrorfilm-Regeln hält, nie langweilig wird.

Dass Jordan Peele neben den jungen Hauptdarstellern (Daniel Kaluuya und Allison Williams – beide aus TV-Serien bekannt) auch noch Catherine Keener („Being John Malkovich“, „Into the Wild“ und „Synecdoche“) verpflichten konnte, wirkt sich überaus positiv aus.

Für Horrorfans und Filmliebhaber somit ein Film, den sie nicht verpassen sollten.

Im Kinepolis Kirchberg. Alle Uhrzeiten finden Sie hier.

Bewertung der woxx : XXX


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