Journalismus in Mexiko: Wahrheit oder Leben

Mexiko gilt als eines der gefährlichsten Länder für Presseschaffende. In einem unerklärten Krieg sind Entführungen, Morde und Verschwindenlassen alltäglich. Die Täter werden nur selten strafrechtlich verfolgt.

Journalistinnen und Journalisten protestieren Anfang Mai dieses Jahres vor der Kathedrale von Culiacan im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa gegen die Ermordung ihres Kollegen Luis Enrique Ramirez, dessen Leiche am 5. Mai 2022 gefunden wurde. Javier Valdez hatte fünf Jahre zuvor dasselbe Schicksal erlitten. (Foto: EPA-EFE/Juan Carlos Cruz)

Armando Linares wusste genau, was ihm drohte. Im Januar hatte der Mitarbeiter des Nachrichtenportals „Monitor Michoacán“ in einer Videobotschaft eine traurige Mitteilung gemacht: „Das Aufzeigen der Korruption von Regierung, Beamten und Politikern hat heute zum Tod eines unserer compañeros geführt“, sagte er. Wenige Stunden vorher war sein Kollege Roberto Toledo vor der Redaktion in der westmexikanischen Stadt Zitácuaro auf offener Straße erschossen worden. Sechs Wochen später traf es Linares selbst. Unbekannte ermordeten den Journalisten mit mehreren Schüssen. Er war der elfte Journalist, der in diesem Jahr gewaltsam ums Leben gekommen ist.

Wer die Wahrheit sucht, riskiert sein Leben. So lassen sich die Arbeitsbedingungen mexikanischer Journalistinnen und Journalisten zusammenfassen, die im kriminellen und korrupten Milieu von Politik, Mafia und Wirtschaft recherchieren oder die Macht lokaler Unternehmer, Bürgermeister und anderer Interessengruppen angreifen. Dabei geht es um Drogengelder in Milliardenhöhe, um junge Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, oder um soziale Kämpfe in Gemeinden, in denen Rohstoffe abgebaut werden.

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ bezeichnet Mexiko als das weltweit gefährlichste Land für Presseschaffende. Seit 2000 wurden 153 Journalistinnen und Journalisten ermordet, 29 gelten als verschwunden, viele mussten ihre Heimat verlassen. Über 95 Prozent der Fälle bleiben straffrei, was die Täter zum nächsten Verbrechen motiviert. Ohnehin werden in Mexiko jeden Tag fast 100 Menschen ermordet.

„Besonders schwierig ist es für Journalistinnen und Journalisten, die auf lokaler Ebene für kleine Medien arbeiten.“

Es ist ein Ausmaß an Gewalt, wie man es aus Kriegsgebieten kennt. In Mexiko finden zwar auch kriegerische Handlungen statt, aber es herrscht kein erklärter Krieg, in dem es leicht erkennbare „feindliche“ Truppen gibt. Gerade das macht journalistisches Arbeiten gefährlich.

Die Kolleginnen und Kollegen seien plötzlich zu Kriegsberichterstattern geworden, erklärt die Journalistin Marcela Turati, die zu dem massenhaften Verschwinden von Menschen recherchiert. Eine augenscheinlich friedliche Atmosphäre kann sich in Sekunden ins Gegenteil wenden. Jeder Taxifahrer, jede Imbissverkäuferin könnte Informant einer kriminellen Gruppe sein, jeder Zivilist ein Killer. Niemand bewegt sich unbeobachtet in einer umkämpften Region. Und wer sich, weil er bedroht wird, an die Polizei wendet, könnte damit sein Todesurteil unterschreiben.

Auch internationale Korrespondenten und Reporterinnen landesweiter Medien erleben diese Gefahren. Doch besonders schwierig ist es für Journalistinnen und Journalisten, die auf lokaler Ebene für kleine Medien arbeiten. Jeder kennt jeden, und man weiß genau, welche Familie mit welcher Partei, welchem Unternehmer und welcher Bande verbandelt ist. Wer die Strukturen aufdeckt, wird zur Zielscheibe.

Der Reporter Linares hatte eine örtliche Baufirma öffentlich angeprangert, die mit Hilfe der Behörden Gelder hinterzogen haben soll. Daraufhin bekam er Drohbriefe, er solle aufhören, die Staatsanwaltschaft und das Bürgermeisteramt zu denunzieren.

Häufig werden Journalisten aber auch gezwungen, im Interesse eines Kartells über dessen jüngstes Massaker zu berichten. Weigern sie sich, könnten sie das nächste Opfer sein. Schließlich brauchen die Kriminellen eine Berichterstattung über ihre Verbrechen, um Rivalen einzuschüchtern.

Freies Arbeiten bleibt in vielen Gegenden unmöglich, obwohl die Pressefreiheit in Mexiko formal garantiert ist. Das betrifft Freischaffende genauso wie Festangestellte oder Verlagshäuser. Wer die Vorgaben der Mafia, deren politischen Vertretern oder anderer Interessengruppen nicht respektiert, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Die Angst wird zum ständigen Begleiter.

Manche leben gut mit Nebeneinnahmen von „Narcos“ oder Politikern, andere fügen sich mangels Alternativen, wieder andere geben auf, weil sie den Druck nicht ertragen, zumal journalistische Arbeit oft sehr schlecht entlohnt wird. Und wenn Reporterinnen und Reporter Opfer von Angriffen werden, übernehmen die Redaktionen und Verlage meist keine soziale Verantwortung.

Wer aber schützt dann jene, die die Wahrheiten ans Licht bringen? „Wir sind nicht bewaffnet, unsere einzige Waffe ist der Stift“, sagte Linares in dem Video, das er nach dem Tod seines Kollegen veröffentlichte. Eine Pistole hätte sicherlich weder ihm noch den anderen Kolleginnen und Kollegen viel genutzt. Die Chancen, den hochgerüsteten Mafiakillern oder korrupten Polizisten zu entkommen, sind gering. Viele verlassen ihre Heimat – und damit ihr Umfeld und ihre Lebensgrundlage. Nicht wenige verzweifeln daran, plötzlich anonym in Mexiko-Stadt oder im Ausland zu leben und nicht zu wissen, wie es weitergehen soll.

Auch die Behörden unternehmen nicht viel, um das Morden zu verhindern. Seit 2012 besteht offiziell ein Schutzmechanismus für Journalisten und Menschenrechtsverteidiger. Dieses von der Zivilgesellschaft und der Regierung erarbeitete Instrument sieht vor, dass den Bedrohten Nottelefone, Überwachungskameras und Personenschutz zur Verfügung gestellt werden. Doch der Erfolg ist begrenzt. Auch Journalisten, die sich in dem Programm befanden, wurden ermordet. Linares hatte auf die Aufnahme verzichtet, weil er, wie viele seiner Kollegen, den Beamten nicht traute.

In vielen Regionen bewegt man sich nur mit Ortsansässigen, gegebenenfalls mit schusssicheren Westen und Helmen.

Präsident Andrés Manuel López Obrador hat jüngst angekündigt, das Programm zu überarbeiten. Es vergeht jedoch kein Tag, an dem er nicht gegen kritische Pressevertreter hetzte – in der angespannten Lage ein für die Betroffenen sehr gefährliches Verhalten, wie Paula Saucedo von „Artículo 19“, einer Organisation für Pressefreiheit, betont: „Die Polarisierung, Stigmatisierung, Kriminalisierung und Schuldzuweisungen erhöhen das Risiko, noch mehr Gewalt zu erleiden.“

Journalistinnen und Journalisten sind also darauf angewiesen, sich selbst zu schützen. Wer sich auf Recherchereise befindet, steht gewöhnlich in ständigem Kontakt mit vertrauten Personen. In vielen Regionen bewegt man sich nur mit Ortsansässigen, gegebenenfalls mit schusssicheren Westen und Helmen.

Viele Medienschaffende setzen sich in lokalen und bundesweiten Zusammenschlüssen mit den Risiken und emotionalen Belastungen auseinander. „Lange Zeit haben wir uns nur auf den Selbstschutz, psychosoziale Betreuung, digitale Sicherheit und die Arbeit als Kriegsreporter konzentriert“, berichtet Daniela Pastrana vom Verband „Periodistas de a Pie“ (Basisjournalisten), der in einer Medienallianz mit 15 weiteren lokalen Netzwerken verbunden ist. „Diese Allianz ist nicht zuletzt wichtig, weil sie gewährleistet, dass darüber berichtet wird, wenn man uns tötet“, sagt Vania Pigeonutt, die aus dem Bundesstaat Guerrero flüchten musste. „Sie stellt sicher, dass die Berichterstattung weitergeht, auch wenn Kolleginnen und Kollegen ermordet werden.“

Immer wieder erreichen die Mörder jedoch, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Nach dem Tod des Reporters Armando Linares erklärte der stellvertretende Leiter von „Monitor Michoacán“, Joel Vera, man werde das Portal nun schließen. Außer ihm selbst sei in der Redaktion niemand mehr übrig.

Wolf-Dieter Vogel berichtet für die woxx 
aus Lateinamerika.

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